Blitzer im Kreis Göppingen Der Albtraum für Temposünder
Die Zahl der so genannten Enforcement-Trailer zur Tempokontrolle im Landkreis Göppingen wächst. Wie sicher sind die Messungen? Und was fällt wütenden Autofahrern ein?
Die Zahl der so genannten Enforcement-Trailer zur Tempokontrolle im Landkreis Göppingen wächst. Wie sicher sind die Messungen? Und was fällt wütenden Autofahrern ein?
„Das ist kein dünnes Autoblech“, sagt Andreas Bredl und zeigt auf den makellosen, fast neuen Anhänger, den er mit seinem Kollegen Dieter Hiller soeben von seinem Dienstwagen abgekoppelt hat. Mit einem Elektromotor bugsieren die Mitarbeiter des Göppinger Gemeindevollzugsdienstes (GVD) das 1,3 Tonnen schwere Gerät in seine Position am Fahrbahnrand in der Großeislinger Straße. Der mobile Blitzer soll hier die nächsten zwei Wochen Dienst tun. Fachbegriff für das Ungetüm: Enforcement-Trailer, vom englischen Wort Enforcement, also Durchsetzung. Die Form des hellgrauen Anhängers erinnert an einen Tarnkappenbomber. Die Räder sind ebenso mit Metallplatten verkleidet wie die Anhängevorrichtung. Das alles sind Schutzmaßnahmen, denn die mobilen Geschwindigkeitsmessanlagen sind bei manchen Autofahrern nicht beliebt. Einzelne lassen ihre Wut daran aus.
Auf einschlägigen Internet-Foren werden Bilder von Farbattacken gegen die Trailer aus anderen Städten teils mit unverhohlener Zustimmung kommentiert. Immer wieder fällt dabei der Begriff „Abzocke“. Göppingen hat noch einen weiteren Anhänger. Er hat auf Internet-Foren den Spitznamen „Alma“ bekommen, abgeleitet vom Namen des Göppinger Oberbürgermeisters Alex Maier. Alma ist seit drei Jahren im Einsatz und sei auch schon mit einem Riesenböller angegriffen worden, erzählen Dieter Hiller und Andreas Bredl. Unbekannte hatten den Knallkörper auf die rote Scheibe geklebt und gezündet. Die Detonation war so stark, dass nicht nur die Scheibe zerstört, sondern auch die Technik im Inneren beschädigt wurde.
Es gebe „vereinzelt“ Vandalismus, sagt Pressesprecherin Claudia Leihenseder. Über solche Taten können Hiller und Bredl jedenfalls nur den Kopf schütteln. Ihre Arbeit stehe im Dienst der Verkehrssicherheit, sagen die beiden GVD-Mitarbeiter. Und Claudia Leihenseder stellt klar: „Die Wahl der Standorte richtet sich nach Kriterien, die der Verkehrssicherheit dienen. Zum Beispiel wird an Schul- und Kindergartenwegen, besonderen Gefahrenstellen, Unfallschwerpunkten und Lärmschutzbereichen gemessen.“ Die Liste der Standorte werde, in Zusammenarbeit mit der Verkehrsschau-Kommission, regelmäßig aktualisiert. Bredl und Hiller haben den Enforcement-Trailer am Tag zuvor in der Nördlichen Ringstraße abgeholt. Über Nacht wurden die Akkus geladen. Jetzt steht „Alma II“ am neuen Einsatzort. Doch bis der Laser scharf gestellt ist, ist noch einiges zu tun. Der Stoßfänger mit den amtlichen Kennzeichen und den Rückleuchten wird abmontiert und im Hänger gelagert. „Sonst würden die uns die Lichter eintreten“, sagt Hiller. Die Trailer sind ordnungsgemäß angemeldet.
Nun beginnt die eigentliche Arbeit. Hinter der geöffneten Heckklappe offenbart sich ein Technik-Gewirr. Kamera mit zwei Objektiven, Blitzlicht, jede Menge Computertechnik und Akkus. Mit der Wasserwaage richtet Bredl die Optik waagrecht aus. Er stöpselt einen Computer ein, mit dessen Hilfe er routiniert die Einstellung vornimmt. Sein Kollege Hiller geht mit dem Messrad 40 Meter die Straße hinunter und stellt ein orange-weißes Hütchen auf. Das ist nötig, um festzulegen, wo der Messraum liegen soll.
Bredl gibt die Standortdaten ein. Die beiden Ordnungshüter messen die Abstände zur Fahrbahn, den Winkel des Objektivs und die Höhe. Dann wird alles noch einmal kontrolliert, fotografisch dokumentiert und ordnungsgemäß versiegelt. „Das Einrichten ist eine hoheitliche Aufgabe und darf nur von einer Amtsperson gemacht werden“, sagt der 55-jährige Bredl, der seit 14 Jahren bei der Stadt arbeitet. Es geht um sensible Daten, die im Zweifel gerichtsfest sein müssen. „Falschmessungen sind ausgeschlossen“, sagt Bredl. Natürlich gebe es Autofahrer, die glauben, mit Anwaltshilfe oder gar mit Gutachtern gegen einen Bußgeldbescheid vorgehen zu müssen. Dann landen die Fälle vor Gericht. „Mit den Rechtsschutzversicherungen hat das zugenommen“, sagt Andreas Bredl. „In meiner Laufbahn ist aber noch nie einer damit durchgekommen, weil wir unser Handwerk eben verstehen.“ Die Autos rollen schon während des Aufbaus auffällig langsam an der neuen Messstelle vorbei. So ruhig ist es aber nicht immer. Oft wird gehupt oder es werden Beleidigungen aus den geöffneten Autoscheiben gebrüllt, erzählen die Ordnungshüter. „Das geht zum einen Ohr rein und zum anderen raus“, sagen sie dazu.
Unterdessen hat auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Autofahrer angehalten. Er gibt sich betont unauffällig, zückt aber das Handy und fotografiert die Szene. Dieter Hiller entgeht das nicht. „Das Foto wird jetzt wohl auf Internetplattformen veröffentlicht, noch bevor der Trailer steht“, vermutet er. „Das ist nicht verboten.“ Dabei ist der Standort gar kein Geheimnis. Die Stadt Göppingen selbst geht offen damit um, wo sie gerade misst. Schließlich gehe es eben nicht um die viel zitierte „Abzocke“ oder „Wegelagerei“, sondern um Sicherheit. Deshalb liegen die Messstellen oft nahe bei Kindergärten oder Schulen. „Grundsätzlich zeigt der Einsatz der Trailer Wirkung. An einigen Standorten sind die Geschwindigkeitsüberschreitungen sogar massiv zurückgegangen“, sagt Claudia Leihenseder. Dann ist der Tarnblitzer scharf gestellt. Zeit für eine Probe: Bredl und Hiller sind zufrieden mit dem gestochen scharfen Foto.
Der Ausschnitt ist um ein Vielfaches größer als das, was die Temposünder auf ihrem Anhörungsbogen sehen. „Da darf aus Datenschutzgründen nur der Fahrer und das Kennzeichen drauf sein“, erklärt Bredl. Aus der Bevölkerung werden immer wieder Forderungen laut, dass ein Tempolimit in der eigenen Wohnstraße überwacht werden müsse. „Diese Rückmeldungen spielen ebenfalls eine Rolle bei der Wahl des Standorts“, erklärt die Pressesprecherin Claudia Leihenseder.
Dann sind Andreas Bredl und Dieter Hiller fertig. Nun kann „Alma II“ hier für zwei Wochen Dienst tun – rund um die Uhr und ohne weiteren Personaleinsatz. Wie oft in diesen zwei Wochen der Blitz auslösen wird, hängt von den Autofahrern ab. Ganz sicher werden auch hier wieder einige Zeitgenossen deutlich zu schnell sein, sie werden die Toleranzgrenzen überschreiten und fotografiert werden. Frust ist dann garantiert. Die Stadt Göppingen plant für das kommende Jahr 400.000 Euro an Einnahmen mit ihren beiden Enforcement-Trailern.
Trailer
Neben der Stadt Göppingen mit ihren beiden Enforcement-Trailern haben die Städte Eislingen und Geislingen solche Anlagen angeschafft. Sie haben auch eigene Bußgeldbehörden.
Reichweite
In 35 Kreiskommunen blitzt der Landkreis. Im November hat der Kreistag, trotz Kritik einiger Kreisräte, beschlossen, für 170.000 Euro Anschaffungskosten ebenfalls einen zweiten Trailer in Betrieb zu stellen. Innerorts gebe es immer mehr Tempo-30-Zonen, auch wegen des Lärmschutzes. Immer mehr Kommunen forderten die Messgeräte deshalb an.