Blüba Ludwigsburg beteiligt sich an Umweltaktion Einfach mal den Rasenmäher stehen lassen

Verblühte Tulpen, hohes Gras, dazwischen warten Löwenzahnsamen auf ihren Abflug: Hier wird im Mai ganz bewusst nicht gemäht. Foto: Simon Granville

Besucher des Blühenden Barocks in Ludwigsburg sind akkurat gestutzte Rasenflächen gewöhnt. Doch in diesem Mai darf zum Teil auch Löwenzahn blühen – der Artenvielfalt zuliebe. Bringt das was?

Ludwigsburg: Sabine Armbruster (sar)

Einige Besucher des Blühenden Barocks in Ludwigsburg haben sich schon gewundert. Dort, wo der Weg an der Nordseite des Schlosses vorbei weiter ins Tal führt und sonst akkurat geschnittener Rasen dominiert, blühen Gräser, und der Löwenzahn, der schon verblüht hat, streut munter seine Samen. Das Ganze hat weder mit Personalmangel noch mit Sparmaßnahmen zu tun, sondern ist Teil einer Aktion, die aus England nach Festlandeuropa geschwappt ist. „No Mow May“ nennt sich das Ganze, zu Deutsch etwa „mähfreier Mai“. Der Hintergrund ist, dass ein gepflegter englischer Rasen zwar dem Ordnungssinn vieler gefallen mag, für Insekten aber eine grüne Wüste ist. Sie finden dort nichts zu fressen.

 

Gerade im Mai seien besonders viele Wildbienen unterwegs und auf Nahrung angewiesen, sagt der Freiberger Conrad Fink, Artenschutzexperte beim Ludwigsburger Kreisverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Zwar seien viele Wildblumen wie Margeriten oder Wiesensalbei auf magere Böden und nicht auf gut gedüngte wie im Blüba angewiesen, doch selbst Löwenzahn oder Hahnenfuß, die auch auf fetten Böden gedeihen, hätten einen Nutzen: „Sie bieten Nektar.“ Dass es gerade der Löwenzahn ist, der auf der ungemähten Fläche im Blüba auftauche, hänge auch damit zusammen, dass er – wie der breitblättrige Wegerich – so flach wachsen könne, dass er beim Rasenmähen nicht gekappt werde. „Und dadurch werden solche Rasenwildkräuter gefördert.“ Das Ergebnis nennt sich Blumenrasen.

Ein Blumenrasen ist ökologisch wertvoll und pflegeleicht

Der biete übrigens nicht nur Nektar, sondern eigne sich auch für Schmetterlingsraupen wie die des Aurorafalters, die oft am Wiesenschaumkraut zu finden seien. „Es geht dabei um nichts weniger als das Aufhalten des globalen Artensterbens, denn die Arten haben auch eine ökologische Funktion“, macht Fink deutlich. Die Vorteile für Gartenbesitzer: Ein Blumenrasen muss viel seltener gemäht werden, die Pflanzen wurzeln tiefer, was Gießen und Düngen überflüssig macht, und ein Betreten ist möglich, weil er nicht so hoch ist wie eine Blumenwiese.

Für Wiesen sei es am besten, wenn sie zweimal im Jahr gemäht würden: das erste Mal nach der Blüte, dieser Schnitt werde gleich an das Vieh verfüttert, der zweite Schnitt sei für das Heu.

Auch der Benninger Claus-Peter Hutter von der Stiftung Nature Life International unterscheidet zwischen dem, was man als privater Grundstücksbesitzer oder auch als Kommune machen kann, und zwischen denjenigen, die von ihren Wiesen leben. „Wenn das Gras so hoch wie jetzt und die Wiese durchgeblüht ist, sollte man mähen, bevor sie umkippt.“ Es nütze nämlich niemandem, wenn nach Regen und Wind alles am Boden liege; dann verschimmle das Gras und sei als Viehfutter ungeeignet. „Wer die Möglichkeit hat, das zu beeinflussen, der könnte einen Teil stehen lassen und einen anderen Teil mähen“, lautet sein Vorschlag.

Steinkauz und Co. mögen kein zu langes Gras

Das sei im Übrigen auch früher so gemacht worden, erklärt Herbert Keil, der sich im Landkreis Ludwigsburg um den Schutz von Steinkäuzen kümmert. Denn beim Mähen sollte man nicht nur an die Insekten denken. „Der Steinkauz, der Grau- und der Grünspecht und auch der Wendehals jagen überwiegend zu Fuß. Und wenn das Gras so hoch ist, kommen sie nicht mehr an Mäuse oder Großinsekten.“

So gesehen liegt, wie es Hutter ausdrückt, die Wahrheit beim Mähen in der Mitte: „Viele öffentliche Flächen müssten jetzt noch nicht gemäht werden“, sagt er. Beim Blühenden Barock hingegen gehe es um Gartenkunst und Kultur.

Ein Grund, warum auch nur eine relativ kleine Fläche des gesamten Blüba-Geländes im Mai einfach mal drauflos wuchern darf. „Aus Gartendenkmalaspekten heraus können hier natürlich nicht alle Flächen mähfrei bleiben“, heißt es in einer Mitteilung der Gartenschau-Verwaltung. Zudem würden Rasenflächen bei Veranstaltungen von den Besuchern genutzt.

Bleibt noch die Frage, ob es auf lange Sicht der Mai bleibt, an dem nicht gemäht wird. „Die Natur ist dynamisch, der kann man keine starren Prozesse aufzwingen“, sagt Claus-Peter Hutter.

Das Insektensterben hat Folgen für das ganze Ökosystem

Dreiviertel
 aller Fluginsekten seien in nur 27 Jahren verschwunden, berichteten Wissenschaftler aus Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden schon im Jahr 2017. Und: Jedes Jahr verschwindet fast ein weiteres Prozent für immer. In Schwierigkeiten sind längst nicht nur die Honigbienen, auch wenn sie als Sympathieträger die meiste Aufmerksamkeit bekommen.

Zuviel Pestizide und Dünger
 sowie Monokulturen in der Landwirtschaft lassen die Vielfalt schwinden. Insektizide töten Insekten, Herbizide vernichten Wildkräuter, von denen auch Insekten leben. Insekten dienen nicht nur als Nahrung etwa für Vögel, sie bestäuben Kultur- und Wildpflanzen, verbreiten Pflanzensamen, sie lockern Böden, vernichten Aas, entsorgen tierischen Kot, erhalten Bodenfruchtbarkeit und können sogar Gewässer reinigen.

Weitere Themen