„König Ubu“ – mit Blut an der Wand. Die DAT-Kunstschule Böblingen zeigt das berühmte Stück des Autors Alfred Jarry. Am 8. Mai ist Premiere. Foto: Thomas Morawitzky
Das Theater-Ensemble der Böblinger DAT-Kunstschule spielt mit Alfred Jarrys Stück „König Ubu“ einen Klassiker der Avantgarde. Das Stück ist nichts für schwache Gemüter.
Thomas Morawitzky
06.05.2026 - 06:45 Uhr
Er ist kein angenehmer Zeitgenosse, dieser Ubu, er ist ein Rüpel, er ist vulgär, er nimmt sich mit Gewalt, was er haben will, aus welchem Grund auch immer, er lässt Köpfe abschlagen, er stiftet keinen Sinn, er fuchtelt mit der Klobürste über dem Buffet, und er brüllt: „Scheiße!“ Er sieht, als Zerrbild, so manch einem Herrscher der Gegenwart sehr ähnlich. Das Theater der Böblinger Kunstschule feiert mit „König Ubu“ am Freitag, 8. Mai, Premiere.
Aktuell war das Stück wahrscheinlich auch schon so, als Alfred Jarry es schrieb. Tobias Ballnus inszeniert Jarrys berühmtes Theaterstück „König Ubu“ aus dem Jahr 1896 mit Darstellern des Böblinger DAT-Ensembles als eine Allegorie auf die Tagespolitik US-amerikanischer Prägung. Es zeigt den Wüstling als Staatsoberhaupt jenseits allen guten Geschmacks.
„König Ubu“ als Allegorie auf die US-Tagespolitik
Die Bühne, gestaltet nach Ballnus' Anregungen von Katharina Müller und Markus Merkle, beide auch verantwortlich für Kostüme, ist ein weiter, weiß gekachelter Raum, Fugen betonen ihre Tiefe. Vielleicht zeigt sie ein Schlachthaus, vielleicht eine Toilette. Geferkelt wird ausgiebig darin, die Nahrungsmittel, die verschmiert werden, sind echt. Ubu, gefräßig, feige, machtbesessen, lässt sich von seiner Frau dazu anstiften, einen guten König zu stürzen und sich selbst auf den Thron zu setzen. Bald ist ihm dies nicht mehr genug und er lässt die Adeligen und Staatsbeamten, die ihn unterstützten, enthaupten.
Das geht so: Ein Fach in der Kachelwand öffnet sich, ein Kopf schaut hindurch, Ubu schlägt nieder, Kunstblut spritzt auf weiße Kacheln. „Wir haben uns schon früh Gedanken darüber gemacht, wie wir die Hinrichtungen zeigen sollen“, sagt Tobias Ballnus. Der Inszenierung gelingt es, den Vorgang zugleich symbolisch und mit schockierender Gewaltsamkeit darzustellen. Geeignet ist das Stück für Zuschauer ab 16 Jahren.
Ein Schlachthaus? Eine Toilette? Es wird ausgiebig „geferkelt“ auf der Bühne. Foto: Morawitzky
Tobias Ballnus könnte durchaus weitergehen, mit seiner Inszenierung. Historisierend, sagt er, möchte er das Stück nicht auf die Bühne bringen, das heißt: Nicht auf die grotesken Kostümentwürfe zurückgreifen, die Alfred Jarry selbst für Aufführungen des „Ubu Roi“ schuf, die den vulgären Herrscher als rundlichen Popanz mit spitzem Kopf zeigen, versehen mit dem schneckenhaften Emblem der „Pataphysik“. Bei ihr handelt es sich um Nonsense-Wissenschaft, die Jarry erdachte und die zu seinem Nachruhm beitragen sollte – selbst die Beatles singen von ihr in „Maxwell’s Silver Hammer“, einem lustigen Lied, in dem mehrere Menschen zu Tode kommen.
„König Ubu“ übte größten Einfluss auf das Theater der Moderne
Alfred Jarry war ein Mensch, der zeitlebens die seltsamsten Launen und Einfälle zur Kunst erhob – er wohnte in Paris, verarmt, in einer Dachwohnung voller Eulen, später in einer Lehmhütte am Ufer der Seine; er war der Ansicht, man dürfe kein Wasser trinken, da dieses mit Bakterien belastet sei, trank stattdessen reinen Alkohol, fuhr dennoch tagtäglich 60 Kilometer mit dem Fahrrad und starb mit 34 Jahren an einer Meningitis. Er schrieb eine Anzahl weiterer Bücher, auch Fortsetzungen des Ubu – vor allem aber dieses Stück, das den größten Einfluss auf das Theater des 20. Jahrhunderts haben sollte.
„König Ubu“ regte Surrealismus und Dadaismus an, nahm das absurde Theater vorweg. Mit einem radikalen Bruch brachte es eine vulgäre Kunstsprache auf die Bühne, richtete ein Gemetzel an, warf alle denkbaren Theaterkonventionen über Bord. Alleine, dass Alfred Jarry „König Ubu“ im Grunde genommen gar nicht selbst schrieb, sondern eine Posse verwendete, mit der andere Schüler seines einstigen Gymnasiums einen Lehrer ärgerten, war schon Provokation.
Schauspieler bei „König Ubu“ überlegten auszusteigen
Was vor 130 Jahren die Gemüter erregte, muss heute nicht mehr dieselbe Wirkung haben. Es zeigt sich aber: Manch ein Schauspieler im DAT-Ensemble stößt sich an der brutalen Handlung, der Sprache, der Gewalt. „Ich habe den Text dreimal gelesen und ich dachte: Das mache ich nicht“, sagt einer. Eine Darstellerin ist froh, dass sie nur eine Rolle im Spiel innehat. Zuletzt sind sie alle dabei geblieben und sicher nicht nur, weil sie ihrer Theatergruppe die Treue halten wollten.
„König Ubu“ ist die Instanz – er lässt Spitzenbeamte enthaupten. Foto: Thomas Morawitzky
Im DAT-Ensemble finden sich Spielerinnen und Spieler, die jung sind und solche, die bereits ein hohes Alter erreicht haben; solche, die seit Jahren mit dabei sind, und solche, die erst vor kurzer Zeit hinzustießen. Und ganz gleich, ob sie sich in ihrer Freizeit Slasher-Filme anschauen und mit blutigen Absurditäten à la Quentin Tarantino vertraut sind oder nicht – „König Ubu“ schlug sie zuletzt doch in seinen Bann, mit all seiner Fremdartigkeit.
Das Theaterstück ist eine Herausforderung für die Schauspieler
Ralf Hoene spielt den Ubu, hat Vergnügen gefunden an der Maßlosigkeit dieser Figur, Fiona Baumhögger spielt seine Frau. Weiterhin wirken mit, zumeist in mehreren Rollen: Ella Müller, Didi Gnass, Reinhilde Kynast, Sabine Bornmann, Jan Henne, Alina Held und ein gewisser Siegbert, der einen Bären spielt. „König Ubu“ ist eine Herausforderung für sie. Was einfach wirkt, primitiv, ist mitunter sehr schwer umzusetzen, denn die Darsteller müssen sich von ihren Auffassungen des Theaters verabschieden. Jeder von ihnen hat auf dem Theater bislang psychologisch durchdachte Figuren erlebt und gespielt. Jarry wirft jede Psychologie über Bord, lässt Ubu zwischen Tobsucht und Wehleid hin und her fallen, macht aus Menschen Masken, Marionetten. Abrupte Rollenwechsel, eine irre Bühnendynamik und die antipsychologische Zeichnung der Figuren verlangen viel, vom Ensemble.
Premiere und Termine
Politik Aber wer denkt noch nach, über Psychologie, wenn Donald Trump Kriege anzettelt und sich zum Heiligen erklärt? Eine Herausforderung wird „König Ubu“ auch für die Zuschauer. „Alle Menschen, die politisch interessiert sind, sollten sich das Stück anschauen“, sagt Tobias Ballnus.
Termine Gespielt wird es an nur zwei Wochenenden: am 8., 9., 10. Mai und am 14., 15., 16., 17. Mai, jeweils um 20 Uhr, sonntags 19 Uhr.