Blutkrebs ist nicht gleich Blutkrebs: Welche Symptome auftreten können, welche modernen Behandlungsmöglichkeiten es heute gibt und was Stammzell- sowie CAR-T-Zelltherapien leisten, erklärt Prof. Dr. Hans-Georg Kopp, Chefarzt der Onkologie, Hämatologie und Palliativmedizin.

Professor Kopp, was ist Blutkrebs eigentlich und wie entsteht er?

 

Blutkrebs, auch Leukämie genannt, umfasst verschiedene Erkrankungen, bei denen die Bildung gesunder Blutzellen gestört ist.

Prinzipiell können Zellen jedes Organs entarten, sich unkontrolliert vermehren und Eigenschaften entwickeln, die typisch für Krebszellen sind. Das kann auch bei verschiedenen Arten von Blutzellen passieren.

Der Krebserkrankung liegen genetische Veränderungen zugrunde, die zum Beispiel im Rahmen von Zellteilungen entstehen können.

Welche Arten von Blutkrebs gibt es?

Wir unterscheiden rote und weiße Blutkörperchen sowie Blutplättchen – alle stammen von gemeinsamen Vorläufer- oder Stammzellen im Knochenmark ab. Entscheidend ist, in welchen dieser Zellen und durch welche genetischen Veränderungen der Krebs entsteht. So ergeben sich viele verschiedene Blutkrebsarten mit unterschiedlichem Verlauf und Behandlung.

Was sind typische Anzeichen?

Die Anzeichen können sehr verschieden sein. Häufig verdrängt eine Leukämie die normale Blutbildung im Knochenmark, d.h. es kommt zu Blutarmut oder einem Mangel an Blutplättchen. Das kann zu Schwäche, Müdigkeit und einer erhöhten Blutungsneigung führen. Typisch sind auch geschwollene Lymphknoten, vergrößerte Milz oder Leber. Fieber, Gewichtsverlust und nächtliches Schwitzen können ebenfalls Hinweise sein.

Wie wird Blutkrebs heute behandelt?

Alle Behandlungen zielen darauf ab, Leukämiezellen zu zerstören, damit das Knochenmark wieder gesunde Blutzellen bilden kann. Im Mittelpunkt steht meist eine Chemotherapie mit zellwachstumshemmenden Medikamenten, ergänzt durch Strahlen- oder Stammzelltherapie, wenn nötig.

Dank moderner molekularer Diagnostik können wir Therapien gezielt an die Eigenschaften der Erkrankung und an die individuelle Lebens- und Gesundheitssituation der Patienten anpassen und so die besten Erfolge erzielen. Die molekulare Diagnostik bestimmt das Erbgut von Tumoren, um spezifische genetische Veränderungen und Biomarker festzustellen.

Was kann man tun, um das Risiko für Blutkrebs zu verringern?

Für Blutkrebs gibt es keine speziellen Empfehlungen, da er selten ist und meist keine klaren Risikofaktoren bekannt sind.

Prinzipiell gelten die allgemeinen Empfehlungen zur Senkung des Krebsrisikos: nicht rauchen, wenig Alkohol, viel Bewegung, gesund essen und UV- sowie Schadstoffbelastung meiden.

Was bedeutet eine Stammzelltransplantation und wie läuft sie ab?

Blutstammzellen, das heißt die Vorläuferzellen aller Blutkörperchen, können transplantiert werden.

Die allogene Stammzelltransplantation wird eingesetzt, wenn eine Erkrankung der Blutstammzellen nur durch die vollständige Zerstörung der eigenen Blutbildung heilbar ist. Dann sucht man passende Spender, entweder in der Familie oder in Spenderregistern, und entnimmt die Stammzellen.

Bei der autologen Stammzelltransplantation spendet der Patient für sich selbst.

Nach einer vorbereitenden Chemotherapie erhält der Patient die rettenden Zellen als Infusion. Sie finden ihren Weg ins Knochenmark und bilden dort ein neues Blut- und Immunsystem, um die Erkrankung bestenfalls dauerhaft unter Kontrolle zu halten.

Was zeichnet die Stammzelltherapie im Robert Bosch Krankenhaus aus?

2003 wurde im RBK die erste allogene Stammzelltransplantation in Stuttgart durchgeführt. Seitdem konnten wir in unserem Haus weit über 500 Patienten erfolgreich transplantieren. Hinter dieser Arbeit steht ein engagiertes Team aus Medizin, Pflege, Physiotherapie, Sozialdienst und Psychoonkologie.

Als einziges Krankenhaus in Stuttgart stellt das RBK seine Stammzelltransplantate selbst her – über 300 lebensrettende Präparate pro Jahr für Menschen auf der ganzen Welt.

In enger Zusammenarbeit mit unseren universitären Partnern im CCC und NCT Südwest bieten wir Stammzelltherapie auf internationalem Spitzenniveau, direkt hier in Stuttgart.

 
CCC: Comprehensive Cancer Center Tübingen-Stuttgart

NCT: Nationales Centrum für Tumorerkrankungen

Welche weiteren Therapieformen setzen Sie aktuell bei Blutkrebs ein?

Wir nutzen eine Therapie mit patienteneigenen, umprogrammierten T-Lymphozyten, den sogenannten CAR-T-Zellen. Diese Immunzellen können gezielt bestimmte Blutkrebserkrankungen bekämpfen. Die Produktion ist herausfordernd und muss in enger Abstimmung mit den Herstellern umgesetzt werden.

Das Robert Bosch Krankenhaus ist das einzige Stuttgarter Krankenhaus, das eine Zulassung für alle in Deutschland zur Verfügung stehenden CAR-T-Therapien besitzt.

Sie arbeiten fachübergreifend im Robert Bosch Krankenhaus: Welchen Vorteil hat das für den Patienten?

Fachübergreifendes Arbeiten bedeutet bei uns nicht nur eine enge Zusammenarbeit zwischen den Ärztinnen und Ärzten, sondern auch mit unserem Pflegeteam.

Wir haben am RBK das Glück, mit dem Irmgard Bosch Bildungszentrum vor Ort eine Weiterbildungsstätte für onkologische Fachpflegekräfte zu haben, in der wir auch sogenannte „Advanced Practice Nurses“ selbst ausbilden. Diese hochqualifizierten Fachkräfte bieten unseren Patienten rund um die Uhr eine exzellente Betreuung.

Begleitend zur konventionellen und spezialärztlichen Medizin bietet das RBK gemeinsam mit der Abteilung für Naturheilkunde und Integrative Medizin eine evidenzbasierte komplementäre Medizin an.

Wo finden Patienten und Angehörige Unterstützung, wenn die Diagnose sie psychisch sehr belastet?

Eine Krebserkrankung stellt immer eine starke psychische Belastung dar, die Patienten aus der Bahn wirft. Vielen fällt es schwer, mit der neuen Realität umzugehen, die durch Diagnostik und Therapie entsteht. Hier helfen im RBK die Teams der Psychoonkologie sowie das LINA-Team.

Besonders für junge Betroffene, die noch im Berufsleben stehen, bietet das Beratungs- und Unterstützungsangebot LINA wertvolle praktische Unterstützung – auch bei den sozialen und wirtschaftlichen Folgen einer Erkrankung.

Vielen Dank für das Interview!

 
LINA: Ein Beratungs- und Unterstützungsangebot insbesondere für lebensverändernd erkrankte junge Menschen

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