Bluttat vor Stuttgarter Landgericht Depressionen als Ursache für den Dreifachmord?

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Die grauenhafte Bluttat geschah mitten in der Nacht: Ein 31-Jähriger steht jetzt vor dem Landgericht in Stuttgart, weil er in Holzgerlingen seinen Vermieter und dessen Angehörige erstochen hat.

Der Täter verdeckt am Landgericht Stuttgart sein Gesicht. Foto: dpa//Sebastian Gollnow
Der Täter verdeckt am Landgericht Stuttgart sein Gesicht. Foto: dpa//Sebastian Gollnow

Holzgerlingen/Stuttgart - Weil er keinen Zugang mehr zum Internet hatte, soll ein 31 Jahre alter Mann einen Dreifachmord begangen haben: Am Stuttgarter Landgericht hat am Dienstag der Prozess gegen ihn begonnen. Am 14. März soll der Angeklagte mitten in der Nacht in einem Wohnhaus in Holzgerlingen (Kreis Böblingen) seinen 33-jährigen Vermieter, dessen 27-jährige Lebensgefährtin und ihren 62 Jahre alten Vater erstochen haben.

Die Staatsanwaltschaft geht von einer heimtückischen Tat aus niedrigen Beweggründen aus. Der 31-Jährige räumte die Taten ein. „Schwere und andauernd depressive Phasen“ seines Mandanten seien die Ursache für den Kontrollverlust gewesen, erklärte sein Anwalt vor der 1. Großen Strafkammer.

Das Verhältnis war früh zerrüttet

Erst im Oktober 2019 war der Angeklagte ins Dachgeschoss in dem Haus eingezogen. Schon bald muss es zu Streitigkeiten zwischen ihm und dem Vermieter sowie seiner Familie gekommen sein. „Das Verhältnis war erheblich zerrüttet“, heißt es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Nach einer erneuten Auseinandersetzung verließ der 31-Jährige seine Wohnung und ging zur in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) wohnenden Schwester. In der Nacht kehrte er allerdings zurück. Weil sein Wlan-Passwort nicht mehr funktionierte, rief er gegen 1.50 Uhr bei der Polizei an. Dies sei eine private Angelegenheit, erklärte ihm der Beamte. „Ich werde sehen, wie ich die Angelegenheit regele“, antwortete ihm der Angeklagte.

Kurz nach 2 Uhr tötet er den Vermieter

Daraufhin muss er zum Messer gegriffen haben. Kurz nach 2 Uhr tötete er zunächst seinen Vermieter, dessen Leichnam am nächsten Morgen laut Staatsanwalt in der Nähe des Hauseingangs gefunden wurde. Dann ging er in die Erdgeschosswohnung, wo der 62-Jährige wohnte, und erstach diesen im Schlaf. Anschließend wurde die 27-Jährige, die im Obergeschoss mit ihrem Freund lebte, zu seinem Opfer. „Er tötete sie durch gezielte Stiche in den Oberkörper“, berichtete der Staatsanwalt. Der 31-Jährige floh noch in der Nacht. Erst an der Grenze zwischen Italien und Frankreich wurde er von italienischen Zielfahndern verhaftet. Wegen der Corona-Pandemie zog sich die Auslieferung nach Deutschland bis Anfang Juni hin. Seither sitzt er in Stuttgart-Stammheim in Untersuchungshaft.

Der Angeklagte bestreitet, die Tat geplant zu haben

Sein Mandant „bereut tief, dass er die drei Menschen getötet hat“, verlas der Anwalt eine Erklärung. Es handele sich nicht um eine geplante Tat, sondern um ein affektives Handeln nach „einer weiteren Zuspitzung der Streitigkeiten um das Mietverhältnis“. Weitere Fragen zur Tat wolle sein Mandant nicht beantworten. Zu seinem Lebenslauf gab er Auskunft. Aus seinem Heimatland Bosnien-Herzegowina ist er als Kleinkind mit der Mutter und der Schwester während des Balkankrieges nach Deutschland geflüchtet, der Vater kämpfte an der Front. Die Familie kehrte kurz nach Friedensschluss wieder zurück. Er machte Abitur, studierte in Wien und Sarajewo Informatik. Die Befragung durch den Vorsitzenden Richters ergab das Bild eines Einzelgängers. „Seit meiner Kindheit habe ich keinen Sinn im Leben gefunden“, sagte er. Mit Beginn seines Studium befindet er sich aufgrund der Unterstützung seiner Schwester, die als Ärztin arbeitet, in Behandlung und nimmt Medikamente, auch in Holzgerlingen ging er zu einer Psychiaterin. Zum Arbeiten kehrte er 2015 nach Deutschland zurück, erst nach Gießen, nach der Kündigung fand er später als Projektentwickler in Böblingen einen Job. „Ich habe nirgendwo hineingepasst“, erklärte er vor Gericht. Das Verfahren wird am 2. Oktober fortgesetzt, das Urteil soll im Dezember fallen.




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