Herr Hanning, hat Ihr Tag inzwischen 25 Stunden?
Vieles ist einfach eine Frage der Organisation. Zudem sehe ich meinen Beruf als Berufung. Es gibt doch nichts Schöneres, als sich jeden Tag mit seinem Hobby zu beschäftigen.
Aber die Belastung muss doch enorm sein.
Zweifelsohne ist die Belastung für mich da, und sie ist auch grenzwertig. Das alles lässt sich auch nur bewältigen, weil ich zwar die Verantwortung für das große Ganze trage, aber richtig gute Leute um mich herum habe, die intrinsisch motiviert sind.
Derzeit vertreten Sie ja auch noch den erkrankten Füchse-Chefcoach Jaron Siewert. Wann kehrt er zurück?
Wir hoffen alle, dass er bis zum Saisonstart wieder dabei ist, so lange helfe ich aus.
Und das lässt sich mit Ihrem Engagement als Chefcoach des Zweitligaaufsteigers VfL Potsdam vereinbaren?
Ich glaube, es ist ein Novum, dass ein Coach einen Erst- und einen Zweitligisten trainiert. Für eine gewisse, überschaubare Zeit geht das, zumal mir meine Potsdamer Spieler im wahrsten Sinne des Wortes entgegenkommen und für diverse Einheiten ins Trainingszentrum Füchse-Town kommen. Es gibt Tage, da trainiere ich um 9 Uhr die Füchse, um 10.30 Uhr den VfL Potsdam, dann folgen Sponsorengespräche, wenn wir Trainingsspiele auswärts haben, dann lasse ich mich fahren und arbeite im Auto.
„Talententwicklung in eigener Hand“
Was reizt Sie an dem Projekt?
Der VfL Potsdam war zehn Jahre lang in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Zudem war es unser Wunsch, das Füchse-Haus komplett zu bauen, was durch diese Bündelung der Kräfte möglich ist. In der Potsdamer Mannschaft können sich unsere A-Jugendlichen optimal entfalten, wir behalten die Entwicklung dieser Talente in der eigenen Hand. Und Topleute wie Junioren-Nationalspieler Nils Lichtlein können sich nach Verletzungen Spielpraxis auf hohem Niveau in der zweiten Liga holen.
Wie lautet die sportliche Zielsetzung mit dem VfL?
Wir schauen nur auf uns. Mit dem Gegner beschäftigen wir uns frühestens am Spieltag. Wir wollen unser Spiel durchbringen, Spaß haben, mit Herz und Leidenschaft jedes Spiel gewinnen.
Dann steigen Sie am Ende in die Bundesliga auf.
(lacht) In diesem Fall würde ich doch noch ein weiteres Jahr als Trainer beim VfL dranhängen. Nein, ganz im Ernst: Ein Berliner Derby in der Handball-Bundesliga ist nicht mein Plan. Wir wollen uns mit dem VfL Potsdam in der zweiten Liga etablieren.
Und mit den Füchsen Berlin deutscher Meister werden?
Dass man den Titel anstrebt, halte ich nicht für verwerflich. Wir landeten in der vergangenen Saison auf Platz drei und haben die klare Zielsetzung, nach oben zu attackieren. Wir würden gerne in der Champions League spielen, doch das wollen fünf, sechs andere Teams auch. Wir wissen, dass wir unsere Platzierung auch nach unten verteidigen müssen. Das wird nicht einfach, deshalb kann eine gewisse Demut nicht schaden.
„SCM nicht mehr so dominant“
Wer wird Meister?
Titelverteidiger SC Magdeburg wird nicht mehr so dominant sein wie in der letzten Runde. Der THW Kiel ist heiß auf den Titel und wird dem SCM das Leben schwer machen. Auch die SG Flensburg-Handewitt wird eine gute Rolle spielen. Wir wollen in dieser Phalanx mitspielen. Mal schauen, ob der MT Melsungen der Durchbruch gelingt. Und mit einer Überraschungsmannschaft muss man auch immer rechnen. Vielleicht sind das die Rhein-Neckar Löwen oder unser Auftaktgegner Frisch Auf Göppingen. Auf alle Fälle ist es doch schön, dass anders als beim Fußball nicht nur darüber diskutiert wird, wann der FC Bayern Meister ist.
Müsste aus dieser Spannung nicht medial noch mehr Kapital zu schlagen sein?
Wir gehen ja ab der Saison 2023/24 neue Wege. Sky hat den Handball auf ein neues Level gehoben, doch man hat verpasst, sich mit unserer Sportart weiterzuentwickeln. Der Wechsel zu S Nation Media ist die Konsequenz daraus. Wir werden moderner und können neue Zielgruppen über verschiedene Kanäle hinzugewinnen.
Faible für Pullover und Pferde
Karriere
Bob Hanning wurde am 9. Februar 1968 in Essen geboren. Nach zahlreichen Trainerstationen übernahm er 2005 den insolventen Hauptstadtclub Füchse Berlin und führte ihn als Manager in die Bundesliga und in die Champions League. Von 2013 bis Oktober 2021 war der frühere Assistent von Heiner Brand Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB).
Persönliches
Hanning ist ledig, als seine Hobbys bezeichnet er selbst den 1. VfL Potsdam, den er als Trainer in die zweite Liga führte, Theater, Pferde und (schrille) Pullover. jüf