Bob Hanning von den Füchsen Berlin „Der DHB braucht jetzt keinen mehr wie mich“

Bob Hanning (re.) im Gespräch mit Bundestrainer Alfred Gislason – in diesem Jahr läuft seine Zeit als Vizepräsident des Deutschen Handballbundes ab. Foto: imago/Peter Hartenfelser

Bob Hannings Zeit beim Deutschen Handballbund läuft ab, meinungsstark, umstritten, geliebt und gehasst bleibt der Geschäftsführer der Füchse Berlin. Er spricht über die neue Saison, Bundestrainer Alfred Gislason und sein neues Buch, das Zündstoff birgt.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Berlin - Auf dem Ordentlichen Bundestag des Deutschen Handballbundes (DHB) am 3. Oktober in Düsseldorf läuft die Amtszeit von Bob Hanning als Vizepräsident offiziell ab. Spätestens dann konzentriert sich der 53-Jährige ganz auf seine Arbeit als Geschäftsführer der Füchse Berlin, sein Traineramt beim Drittligisten VfL Potsdam und die Förderung der Nachwuchsarbeit. Vor dem Bundesligastart äußert sich der gebürtige Essener zur neuen Saison, die Zukunft seiner Sportart.

 

Herr Hanning, steht der Handball vor einer ganz besonderen Saison?

Auf jeden Fall. Zwar kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren, aber jetzt sollten sich alle darauf freuen, dass wieder vor Publikum gespielt werden kann. Und es freut mich riesig, dass wir es alle miteinander geschafft haben, alle Vereine ohne Insolvenzen durch die Pandemie zu bringen. Das finde ich sensationell.

Wie spannend wird es sportlich?

Ich befürchte, dass keine Mannschaft den THW Kiel und die SG Flensburg-Handewitt angreifen kann. Dahinter sehe ich ein breites Spitzenfeld mit dem SC Magdeburg, mit uns, der MT Melsungen, den Rhein-Neckar Löwen und mit Frisch Auf Göppingen, das ebenfalls ambitionierte Ziele hat. Auch den Bergischen HC darf man nicht außer acht lassen. Diese Handball-Bundesliga wird ein absoluter Leckerbissen, sie hat Weltklasseniveau.

Ihre Füchse starten den Großangriff dann erst 2022/23 mit zwei neuen Hochkarätern?

Der schwedische Vizeweltmeister Max Darj und der wertvollste Spieler der Olympischen Spiele, Mathias Gidsel kommen erst in einem Jahr, stimmt. Das birgt immer auch das Risiko, dass man von einer Übergangssaison spricht. Aber wir müssen und werden uns voll und ganz auf die kommende Saison konzentrieren.

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Wie gelang es Ihnen, den dänischen Senkrechtstarter Gidsel zu bekommen?

Mathias ist für mich der talentierteste Spieler unserer Zeit, er hatte logischerweise viele andere gute Angebote von größeren und finanzstärkeren Clubs (Anm.d.Red.: u. a. vom THW Kiel), und auch ich habe ihn gefragt, warum er sich für uns entschieden hat.

Und?

Er sagte, ihr habt euch schon vor langer Zeit am meisten um mich bemüht, zum anderen mag ich es, etwas mehr tun zu müssen, um große Erfolge feiern zu können. Eine solche Arbeitseinstellung ist natürlich überragend.

Fehlt es daran in Deutschland, oder warum erreicht die A-Nationalmannschaft seit 2016 keine Medaillen mehr?

Nein. Ich habe schon vor den Spielen in Tokio davor gewarnt, Spieler wie Paul Drux, Steffen Weinhold oder Hendrik Pekeler so stark zu belasten, dass sie in den roten Bereich kommen. Am Schluss war aber genau dieses Trio stehend k.o. Deshalb müssen wir dringend schauen, dass wir in der Breite stärker werden, den Pool dafür haben wir wie keine andere Nation der Welt.

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Sehen Sie darin tatsächlich das Kernproblem?

Ja, schauen Sie sich Tim Suton, Simon Ernst oder Sebastian Heymann an. Alles absolute Tophandballer, aber auf dem Weg ganz nach oben warfen sie immer wieder schwerste Verletzungen zurück. Oder nehmen Sie die aktuellen U-19-Europameister Fynn Nicolaus und Niclas Heitkamp – beide aktuell schwer verletzt. Wir haben die Goldenen Jahre des Handballs mit Heim-EM 2024, Heim-WM 2027 und Heim-Junioren-WM 2023 noch vor uns. Jetzt liegt es auch in der Verantwortung der Vereine und Verbände die Be- und Entlastung der Spieler zu steuern.

Lenken Sie damit nicht etwas vom Nichterreichen Ihres persönlichen Ziels Olympiasieg ab?

Die Leute dürfen mir gerne auf die Fresse geben. Sie dürfen mich gerne auch als den Unvollendeten bezeichnen, damit habe ich absolut kein Problem. Ich finde es trotzdem gut und richtig, sich hohe Ziele zu stecken. Und was die Gesamtsituation betrifft, bin ich mit dem erreichten echt zufrieden.

Sie denken an die Finanzen?

Wenn ich zu Beginn meiner Ära an die Strukturen im Verband denke, dann ist das Wort amateurhaft noch geschmeichelt. Die Werbung wurde noch an Holzbanden getackert. Inzwischen ist der DHB hochprofessionell und kann sich seine Partner aussuchen. Das ganze Thema ist komplett kernsaniert. Der Verband braucht jetzt keinen mehr wie mich.

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Was fehlt ist seit 2016 der sportliche Erfolg. Wann kann die A-Nationalmannschaft den nächsten Titel holen?

Ich glaube, das wird jetzt ein bisschen dauern. Den sanften Umbruch muss und wird es geben. Darin liegt aber auch eine Chance. Wir haben viele junge Spieler, die was bewegen können. Es muss der Anspruch sein, bei der Heim-EM 2024 eine Medaille zu holen.

Davor kann es doch aber nicht nur ums Einspielen gehen?

Nein, natürlich muss ein Aushängeschild wie die Nationalmannschaft immer versuchen, das Optimale herauszuholen. Es gibt ja trotz der Rücktritte genügend Spieler, die nachkommen, wie Torwart Till Klimpke, Sebastian Heymann, Franz Semper oder Rückkehrer Fabian Wiede.

Bundestrainer Alfred Gislason hat indirekt mit Rücktritt gedroht, wenn er nicht mehr Zeit mit der Nationalmannschaft eingeräumt bekommt? Wie haben Sie das aufgenommen?

Wir müssen Freiräume für die Nationalschaft schaffen. Dies war und ist auch mein Ansinnen schon seit vielen Jahren. Um der Ehrlichkeit aber Genüge zu tun, war die Unterstützung von Alfred Gislason in seiner Zeit als Trainer des THW Kiel damals genauso wenig zielführend. Es kommt eben immer darauf an, auf welcher Seite man gerade steht.

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Gislason hat auch eine kleinere Liga gefordert. Ist das realistisch, und was schlagen Sie vor?

Bei allem Respekt: Wenn Hansi Flick dies fordern würde, hätte das die gleichen Erfolgsaussichten wie Alfred Gislasons Vorstoß – eben keine. Ich persönlich hatte in meiner Anfangszeit den Wunsch geäußert, mindestens vier U-23-Spieler in den Kader auf den jeweiligen Spielberichtsbogen zu berufen. Ich halte dies nach wie vor für einen guten Ansatz. Vielleicht wäre so etwas auch auf internationaler Ebene bei den Nationalmannschaften möglich.

Auch jetzt erst bekannt wurde der Tod von Gislasons Frau Kara. Er ließ sich öffentlich von diesem Schicksalsschlag nichts anmerken und betreute das Team bei den Olympischen Spielen. Wie standen der DHB und auch Sie ihm zur Seite?

Wir waren während der Zeit in einem angemessenen Kontakt. Ich habe ihn bewundert, wie er die Situation nicht nur für sich, sondern für uns alle gelöst hat – wenn man weiß, was für eine enge Beziehung die beiden hatten.

Im Oktober erscheint Ihr Buch „Hanning. Macht. Handball. „Manche zittern schon.

(lacht) Es wird kein Abrechnungsbuch, aber es wird nicht jedem gefallen. Ein Freund sagte mir, das Kapitel über den DHB liest sich wie ein Thriller und die Zeilen über Heiner Brand könnte man überschreiben mit „Eine Lichtgestalt hört auf zu leuchten“.

Was möchten Sie im Handball noch erreichen?

Ich will mit den Füchsen versuchen, die ganz Großen anzugreifen und träume davon, deutscher Meister werden. Aber eines ist völlig klar: Meine Leidenschaft bleibt die Nachwuchsarbeit und die Entwicklung von jungen Menschen – darin sehe ich weiter meine Hauptaufgabe.

Bob Hanning

Vita
Bob Hanning wurde am 9. Februar 1968 in Essen geboren. Seit 2005 ist er Geschäftsführer der Füchse Berlin. Unter seiner Leitung schaffte der Club den Aufstieg in die Bundesliga und gewann 2014 den DHB-Pokal, 2015 und 2018 den EHF-Cup (vergleichbar mit der Europa League der Fußballer) sowie 2015 und 2016 die Vereinsweltmeisterschaft. Vor seiner Station in der Hauptstadt war der er als Trainer beim HSV, der SG Willstätt, dem HC Wuppertal und der SG Solingen beschäftigt. Seit 2013 ist der frühere Assistent von Ex-Bundestrainer Heiner Brand zudem Vizepräsident des Deutschen Handballbundes. Dieses Amt legt er gibt es beim nächsten Bundestag nieder. Aktuell trainiert er den Drittligisten 1. VfL Potsdam.

Persönliches
Hanning ist ledig, als seine Hobbys bezeichnet er selbst den 1. VfL Potsdam, Theater, Pferde und Pullover.

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