InterviewBodo Ramelow Als Christ und Linker eine Provokation

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Bodo Ramelow ist bekennender Christ. Als solcher stößt er in seiner Partei häufig auf Unverständnis. Wie er mit dieser Kritik umgeht und welche Rolle sein Glaube bei politischen Entscheidungen spielt, erzählt Thüringens Ministerpräsident im Interview.

Der Ministerpräsident von Thüringen Bodo Ramelow ist bekennender Christ. Foto: dpa-Zentralbild
Der Ministerpräsident von Thüringen Bodo Ramelow ist bekennender Christ. Foto: dpa-Zentralbild
Herr Ramelow, wie schwer ist es, Glaube und Politik unter einen Hut zu bringen?
Überhaupt nicht, weil mein Glaube mir Schutz und Kraft gibt. Er ist einfach da.
Ist Ihr Glaube politisch nicht relevant?
Als Christ vertraue ich auf eine Weisheit, die größer ist, als alles, was Parteien oder Menschen sich ausdenken können.
Politischer Kompass ist der Glaube nicht?
Das ist er für mich nie gewesen. Aus meiner christlichen Erziehung habe ich soziale Verantwortung mitgenommen: der wache Blick auf den Nachbarn, die Hinwendung zur Gemeinde und das Aufgehobensein in der Gemeinschaft. Das sind frühe Prägungen im Elternhaus, die mich tragen.
Beten Sie je für politische Erfolge?
Nee, ich bete nicht für Gewerkschafts- oder Parteipolitik, sondern um innere Ruhe, oder wenn ich verzweifelt bin.
Gottes Beistand brauchen Sie im politischen Geschäft nicht?
Ich bin froh, dass ich mein Gottvertrauen habe. Aber Probleme muss ich selber lösen. Und Konflikte vertage ich nicht auf das Paradies. Ich teile nicht die Vorstellung, dass sich dort alles irdische Leid auflöst.
Den Politiker Ramelow beschreiben Sie als stark durch, aber unabhängig vom Glauben. Trotzdem betonen Sie Ihr Glaubensbekenntnis ostentativ. Warum?
Ich betone meine evangelische Bindung so stark, weil ich damit in Kombination mit meinem Parteibuch – das eine Rückbindung an die SED hat – eine Provokation bin. Christen in der DDR mussten damit leben, durch den Staat benachteiligt zu werden. Diese Erfahrung habe ich nicht. Das ist eine Spannung, mit der ich umgehen will.
Sie nutzen Ihr Glaubensbekenntnis, um sich abzugrenzen?
Das ist kein Instrument, sondern Realität.
68 Prozent der Thüringer sind konfessionslos, in Baden-Württemberg sind es 24 Prozent. Fühlen Sie sich wie in der Diaspora?
Das ist für Christen im ganzen Osten so, und hat übrigens nicht nur mit der deutschen Teilung zu tun. Gesellschaftlich sind wir eine Minderheit, aber die Kirchen spielen eine zentrale Rolle, wann immer es zu schweren Brüchen kommt. Die Traumatisierung Erfurts nach dem Massaker im Gutenberg-Gymnasium wäre ohne die offenen Kirchen nicht heilbar gewesen.




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