Lea Wegner ist 27 Jahre jung. Doch ihr Herz hängt an der Vergangenheit, an alten Schriften, Truhen und Rüstungen. Das 16. Jahrhundert ist ihre große Leidenschaft. Mit ihrer Expertise hat sie eine ganze Menge qualifizierter Mitbewerber ausgestochen und die Verantwortlichen im Böblinger Kulturamt überzeugt: Seit zwei Wochen ist sie die neue Chefin des Böblinger Bauernkriegsmuseums, in dem die Geschichte des Aufstands der Bauern gegen die Obrigkeit im 16. Jahrhundert dokumentiert wird.
„Wir kannten Frau Wegner von einem Vortrag hier im Museum“, berichtet Andreas Wolfer, Abteilungsleiter im Kulturamt. Und dass die junge Frau gerade an ihrer Promotion zum Thema „Bauernkrieg in Württemberg“ arbeitet, das sei natürlich eine Empfehlung. „Wir haben mit ihr eine echte Fachfrau für das Museum.“
Multimediale Angebote sind geplant
Und dieses möchte Wegner modernisieren. Aktuell bestimmen monumentale Stücke wie eine Druckerpresse und Ritterrüstungen sowie viele Texttafeln die Dauerausstellung. „So hat man in den 1980er Jahren Museen eingerichtet“, sagt Wegner, die selbst erst Mitte der 1990er Jahre geboren wurde.
Doch wer hat heute noch Zeit, stundenlang Texte zu studieren? Wegner will künftig statt der Tafeln und Sachen die Menschen aus dem 16. Jahrhundert sprechen lassen. Aufständische Bauern, Männer und Frauen. „Wir haben im Archiv viele Schriften, die uns von den Menschen und deren Leben damals erzählen, auch direkte Aussagen von ihnen“. Diese möchte die neue Chefin multimedial aufbereiten und die Besucher zum aktiven Teilnehmen einladen. In welcher Form, das steht noch nicht fest. Immerhin hat Wegner erst vor zwei Wochen ihren Job angetreten. Vorstellen kann sie sich zum Beispiel Hörstationen, an denen Protagonisten von früher erzählen oder auch kleine Filme.
„Ich will die Menschen von damals den Menschen von heute nahebringen.“ Mit einem solchen Konzept hofft sie, künftig mehr Besucher und vor allem auch Kinder anzulocken.
Die Liebe zur Geschichte hätten ihr die Eltern eingepflanzt, sagt die junge Frau. „Wir sind am Wochenende oft in Museen gegangen. Und mein Vater hat uns auf viele Burgen geschleppt. Aufgewachsen ist Wegner in Calw, in Tübingen studierte sie Geschichte und Archäologie.
Dort erlernte sie das Handwerkszeug, das sie für ihren Job braucht: das Entziffern alter Schriften, das Verständnis von Ahnen- und Wappentafeln. Und sie entdeckte ihre Leidenschaft für die Geschichte des 16. Jahrhunderts. „Da ist viel passiert, hat es viele Umbrüche gegeben: die Erfindung der Druckerpresse, die Reformation und eben den Bauernkrieg“, schwärmt die Historikerin.
Nebenbei promoviert die Museumsleiterin
An der Arbeit im Böblinger Bauernkriegsmuseum reizt sie zum einen das Thema, zum andern die Möglichkeit, ihre Begeisterung für die Geschichte an andere weiterzugeben. Ihren ersten großen Auftritt wird sie im November bei der Langen Nacht der Museen haben, wofür sie das Programm entwerfen wird. Als nächstes steht de Konzeption einer Sonderausstellung auf ihrem Plan. Diese wird im kommenden Jahr im Frühling oder Sommer eröffnet werden. Was plant sie dafür? „Ich habe noch keine konkreten Konzepte, aber viele Ideen“, sagt Wegner.
Eine davon: die Aufarbeitung der Geschichtsschreibung des Bauernkriegs. „Dieser ist in den verschiedenen Epochen immer wieder instrumentalisiert worden, sowohl von den Nazis als auch in der DDR“, sagt Wegner. Dies würde sie gerne in einer Ausstellung dokumentieren. Aktuell jedoch sei das Thema Freiheitskampf auch heute noch – siehe den Ukrainekrieg.
Auch andere Themen der Böblinger Stadtgeschichte aufzuarbeiten und einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren, gehört zu den Aufgaben der Museumsleiterin. Dabei kann sie aus dem Fundus des Depots schöpfen. Dort lagern viel Exponate und auch Kunst zum Bauernkrieg.
Nebenbei schreibt Lea Wegner an der Universität Tübingen weiter an ihrer Promotion. Dies lasse sich auch wunderbar mit dem Job vereinbaren – dasselbe große Thema. Aktuell arbeitet sie noch 50 Prozent, ab Oktober werden es dann voraussichtlich 75 Prozent sein, vorausgesetzt der Gemeinderat stimmt dem zu.
Noch ist die Historikerin vollauf damit beschäftigt, sich einen Gesamtüberblick zu verschaffen. Doch Andreas Wolfer und die Kulturschaffenden der Stadt sind gespannt, wie sie in den kommenden Jahren das Museum verändern wird. Dann werden auch die Schließungsdebatten über das Museum, die in den vergangenen Jahren geführt worden sind, hoffentlich endgültig vom Tisch sein.