„Wenn Sie über Migrationsfragen einfache Antworten hören, dann stimmt es einfach nicht.“ So der einleitende Satz von Cristina Visier Würth am 22. Mai beim Vortrag „Narrative, Mythen und Metaphern in der Öffentlichkeit (miss-)verstehen: ein Faktencheck zur Migrationsdebatte“. Frau Cristina Visier Würth leitet die Fachstelle für Kulturelle Kompetenz im Landratsamt Böblingen.
Als Einstieg wählte sie einige Nachrichten, die zwar selbstsicher aufgemacht, aber nachweislich falsch sind, wie z.B. ein Artikel über eine Kindergelderhöhung für ukrainische Geflüchtete. Dass sich solche Falschmeldungen oft beharrlich halten, hängt mit psychologischen Mechanismen zusammen, erklärte die Referentin. Informationen, die sich mit der eigenen Meinung decken, werden leichter vom Gehirn angenommen. Wenn ich also ohnehin der Meinung bin, dass es ukrainischen Geflüchteten bei uns zu gut geht, werde ich diese Meldung aufsaugen wie ein Schwamm. Zum zweiten: auch nachweislich falsche Informationen bleiben im Kopf hängen. Das Gehirn braucht immer mehrere Impulse und Korrekturen, um die Falschmeldung im Hirn zu entkräften. Es ist nötig, aber sehr aufwändig, eine Falschmeldung zu korrigieren – so Frau Visier Würth. Das gilt besonders dann, wenn alte Falschmeldungen wiederholt oder Bilder in einen falschen Kontext gesetzt werden.
Frau Visier Würth stellte auch das Vokabular von Meldungen über Migration auf den Prüfstand. Wer von einer „Flüchtlingswelle“ oder einem „Tsunami“ spricht, suggeriert damit, dass etwas hereinbricht wie eine Naturgewalt. Die Geflüchteten selbst werden dadurch nicht mehr als Menschen und Opfer eines Kriegsgeschehens verstanden, sondern werden sprachlich selbst zur Bedrohung für die, die schon da sind. Diese Begriffe sind nicht angemessen in der Migrationsdebatte.
Mit unzähligen Umfragen und Grafiken widerlegte die Referentin gängige Vorurteile. Z.b. sind es statistisch nicht mehr Männer als Frauen, die nach Deutschland migrieren. Tatsächlich bleiben viel mehr Flüchtlinge in ihren Ländern als Binnenvertriebene als nach Europa kommen. Und Deutschland ist auch nicht das wichtigste Land für Geflüchtete. Die Hälfte der Migranten in Deutschland ist nicht aus ganz anderen Kulturen, sondern aus einem europäischen Land gekommen, um nur ein paar Stichworte zu nennen. Die Zahlen sprechen eben oft eine andere Sprache als meine innersten Ängste.
Eine anregende Diskussion mit den ca. 30 Zuhörer:innen schloss sich an. Am Ende des Abends stand fest: Zuwanderung verursacht die Probleme in Deutschland nicht, aber sie macht sie sichtbar wie in einem Brennglas.
Der Vortrag fand statt im Rahmen der Ausstellung „Heimat.los – Heimat.finden“ in der Friedrich-List-Straße 69 in Böblingen. Die letzte Möglichkeit, die Bilder zu sehen ist am Sonntag, 26.5. . Um 11 Uhr findet die Finissage der Ausstellung von Elena Schmidt statt. Die Kirchengemeinde lädt dazu herzlich ein. Der Eintritt ist frei.
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