Böblingen: Einzelhandel „Rewe zieht wegen des Standorts die Reißleine“

Von gig 

Die fehlende Attraktivität des City-Centers ist für den Marktforscher Gerhard Beck der Grund, dass der Markt schließt. Denn die Kaufkraft sei in Böblingen aber immer noch überdurchschnittlich hoch, erklärt er in einem Interview.

Gerhard Beck sieht Böblingen monentan noch nicht auf einem absteigenden Ast. Foto: privat
Gerhard Beck sieht Böblingen monentan noch nicht auf einem absteigenden Ast. Foto: privat

Böblingen - Im Böblinger City-Center, das unweit des neuen Einkaufszentrums Mercaden liegt, gehen immer mehr Lichter aus. Mitte April macht die Handelskette Rewe dicht. An der Kaufkraft der Böblinger Kunden mangele es nicht, diese sei überdurchschnittlich hoch, sagt Gerhard Beck von der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung. Es sei vielmehr versäumt worden, das City-Center zu sanieren und attraktiver zu gestalten. Dabei habe sich doch das Umfeld am Bahnhof doch sehr positiv entwickelt.

Herr Beck, was meinen Sie, was war der wesentliche Grund, weshalb Rewe schließt? Es waren ja nicht zuletzt Sie und Ihre Gesellschaft, die Böblingen bescheinigte, dass es in der Stadt genügend Kaufkraft gebe und sich die Läden halten könnten.
Das ist richtig, aber wir müssen da etwas genauer hinschauen. Den Böblingern fehlt es ganz und gar nicht an Kaufkraft. Es ist vielmehr die mangelnde Attraktivität des Standorts im Erdgeschoss des City-Centers gewesen, das die Firma dazu bewog, die Reißleine zu ziehen. Eben weil dieses Einkaufszentrum doch ziemlich heruntergekommen ist. Dadurch sind zuletzt auch immer weniger Kunden gekommen, dis sich jetzt lieber andere Orte zum Einkaufen aussuchen.
Wie zum Beispiel die Mercaden. Experten wie Sie gingen aber davon aus, dass das neue Einkaufszentrum ein Frequenzbringer für die umliegenden Geschäfte werden könnte.
Auch das stimmt, im Idealfall ist das so, dass eine attraktive Shopping-Mal insgesamt für mehr Belebung in der Stadt sorgt. Doch gingen wir davon aus, dass die Eröffnung der Mercaden einen Schub auslöst und die Eigentümer der anderen Läden und Einkaufszentren die notwendigen Schritte einleiten und in Renovierungen investieren. Das ist im Fall des City-Centers ab nicht grundlegend geschehen. Ein Kübel Farbe hier, ein frischer Putz dort alleine reichen eben nicht.
Vielleicht wollten die Firmen und Eigentümer aber auch nicht mehr Geld in die Hand nehmen, weil sie schon befürchtet haben, dass Sie der Konkurrenz auf Dauer nicht gewachsen sein könnten.
Ja, das ist sicher aber der falsche Weg, um bestehen zu können. Wie gesagt, die Kaufkraft in Böblingen ist auf Grund der überdurchschnittlich hohen Einkommen vorhanden. Außerdem haben wir eine leicht steigende Einwohnerentwicklung. Der Kaufkraftindex liegt bei 113 – und damit um 13 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Das ist schon enorm.
Die Verkaufsflächen an der Bahnhofstraße und der Wolfgang-Brumme-Allee haben sich mit den Mercaden aber doch weit mehr als verdoppelt. Sinkt da nicht automatisch der Umsatz der Händler, weil gar nicht so viele Kunden kommen können?
Nicht unbedingt. Das Umfeld am Bahnhof und die Fußgängerzone hat sich zuletzt absolut zum Positiven gewandelt. Es gibt eine hervorragende Aufenthaltsqualität. Zwischen der Bahnhofstraße von früher und von heute liegen Welten. Allerdings ist es wie gesagt versäumt worden, die angrenzenden Gebäude – etwa auch des City-Centers – zu sanieren.
Zudem ist auch der Wettbewerb schärfer geworden. Ist der Einzelhandlesstandort Böblingen auf einem absteigenden Ast?
Das sehe ich im Moment noch nicht. Die Einzelhändler werden aber künftig nur bestehen können, wenn sie gemeinsame Marketing-Projekte auf die Beine stellen und attraktiv genug sind – natürlich zusammen mit den Mercaden. Dabei geht es nicht nur um Kunden, sondern auch um die Ansiedlung von Top-Markenherstellern. Sie sind die Zugpferde an einem Standort. Doch wird sich eine Top-Firma entweder für einen Standort in Böblingen oder in Sindelfingen entscheiden, nicht für beide. Das Breuningerland ist natürlich sehr attraktiv. Die Böblinger müssen aufpassen, das nicht zu viel Kaufkraft dorthin oder auch nach Stuttgart abfließt.