Böblingen Hier werden verwaiste Siebenschläfer aufgepäppelt

Siebenschläfer gehören zur Gruppe der Schlafmäuse. Foto: Sandra Fuchs

Marion und Matthias Gensler aus Böblingen kümmern sich um verwaiste und verletzte Siebenschläfer. Zwei ihrer Nagerbabys wurden neulich bei Bauarbeiten gefunden.

Böblingen: Veronika Andreas (va)

Gerade mal fünf Gramm wiegt das kleinste Siebenschläferbaby, dass bei Marion und Matthias Gensler kürzlich eingezogen ist. Die Augen des winzigen mit Flaum bedeckten Nagetiers sind noch geschlossen, alle zwei bis drei Stunden muss es gefüttert werden. Auch in der Nacht. „Das ist schon anstrengend, aber wir machen es gern“, sagt Marion Gensler vom Nabu Böblingen-Sindelfingen, die sich seit sechs Jahren mit ihrem Mann ehrenamtlich um Siebenschläfer kümmert.

 

19 verwaiste Siebenschläferbabys haben die Genslers von Mai bis September per Hand groß gezogen und zum Teil wieder in die Freiheit entlassen. Die restlichen zehn Nagetiere werden bald ausgewildert. „Fünf befinden sich aktuell in der Außenvoliere. Sie haben mittlerweile ihren Rhythmus gefunden und sind nur noch nachts aktiv“, weiß Gensler. Zudem sollen die Handaufzuchten nun menschenscheu werden, denn das ist in der freien Natur extrem wichtig.

Siebenschläfer stehen auf heimisches Streuobst

Siebenschläfer verschlafen über die Hälfte des Jahres. Foto: Marion Gensler

Siebenschläferbabys kommen mit einem Gewicht von ein bis zwei Gramm auf die Welt. In den ersten Tagen und Wochen benötigen sie hauptsächlich Wärme und Milch, ab einem Alter von etwa drei Wochen nehmen sie schließlich langsam feste Nahrung zu sich. Erwachsene Bilche, wie Siebenschläfer auch genannt werden, ernähren sich hauptsächlich von pflanzlicher Kost wie Bucheckern, Knospen, Nüssen und Obst, im Herbst fressen sie aber auch fettreiche Nahrung wie Haselnüsse, um ihren Winterspeck anzufressen. „Siebenschläfer mögen es gerne süß, heimisches Obst und ganz besonders Weintrauben lieben sie“, sagt die Fachbeauftragte für Wildtiere beim Nabu. „Die Königsdisziplin ist für einen Siebenschläfer, eine Haselnuss aufzuknacken“, sagt die Nabu-Expertin. „Dann ist er bereit für die Wildnis.“

Vielen Siebenschläfern werden Regentonnen zum Verhängnis

Die Siebenschläfer werden meist von der Tierrettung oder auch von Findern zu dem Ehepaar gebracht. „Aktuell habe ich zwei Baustellenopfer bekommen. Eine Mutter mit ihren beiden Babys wurde bei Erdarbeiten von Bauarbeitern gefunden“, erzählt die Siebenschläferexpertin. Die Nagetier-Mutter sei daraufhin sofort geflohen. Die Arbeiter hätten die beiden Babys der Polizei übergeben. So landeten sie schließlich bei den Genslers. „Es musste schnell gehen, sonst wären sie gestorben. Sie waren erst zwei Wochen alt und wurden noch gesäugt“, sagt Marion Gensler, die auch die Ansprechpartnerin für die Naturschutzbehörde im Landratsamt ist, wenn es um Siebenschläfer geht.

Dass es immer wieder zu Verwechslungen zwischen Siebenschläfern und Mäusen kommt, können die Genslers nicht verstehen. „Siebenschläfer haben einen extrem buschigen Schwanz und ganz weiches Fell“, sagt die Siebenschläferexpertin. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass Siebenschläfer, die sich beispielsweise in einem Gartenhäuschen eingenistet haben, von Unwissenden mit Lebendfallen eingefangen werden. Dabei stehen Siebenschläfer unter Artenschutz. „Das bedeutet, man darf sie nicht einfach einfangen“, sagt Gensler. Und auch ihre Nist- und Zufluchtsstätten dürfen nicht zerstört werden. Wenn man Probleme mit Siebenschläfern haben sollte, muss man sich an die untere Naturschutzbehörde wenden.

Wohnungsnot bei Familie Siebenschläfer

Viel Leid könnte man den kleinen Nagern und anderen Wildtieren ersparen, wenn mehr Menschen über die Gefahren, die sich in und um das Haus befinden, Bescheid wüssten und etwas dagegen tun würde, sind sich die Tierschützer sicher. „Regentonnen oder Eimer können Siebenschläfern und anderen Tieren zum Verhängnis werden“, sagt Marion Gensler. Sie sollten immer abgedeckt werden. Aber auch diverse Schächte wie Licht-, Lüftungs-, Kamin- und Kellerschächte sind mit Gittern zu versehen. Da alte Bäume und alte Streuobstwiesen rar geworden sind, kann man den Siebenschläfern auch durch das Aufhängen von Nistkästen zumindest eine „künstliche Höhle“ anbieten.

Zu sehen sind die flinken Kletterer nur selten

Da Siebenschläfer nachtaktiv sind, sieht man sie in freier Wildbahn nur selten. Allerdings kann man ihre Geräusche wie Schreien, Fiepen oder Quieken durchaus wahrnehmen. Während Siebenschläfer tagsüber in Baumhöhlen, Nistkästen oder Dachräumen schlafen, so kommen sie erst mit Einbruch der Dunkelheit aus ihrem Versteck. Wenn es draußen langsam ungemütlich wird und der angefressene Winterspeck wohlige Wärme bringt, ziehen sich die Schlafmäuse für mindestens sieben Monate in Nester unter der Erde oder in Baumhöhlen zurück – Siebenschläfer eben. Dann kommen auch Matthias und Marion Gensler etwas zur Ruhe, bis sie spätestens im nächsten Frühjahr wieder als Ersatzeltern für Siebenschläferwaisen einspringen.

Was den Siebenschläfer so besonders macht

Schlafmaus
Der Siebenschläfer zählt zur Familie der Bilche – auch Schlafmäuse genannt – und ist an das Leben in den Bäumen angepasst. Von Oktober bis in den Mai hinein hält der Nager rund sieben Monate Winterschlaf in einer unterirdischen Höhle. Bucheckern sind für den Siebenschläfer ein wichtiger Nahrungsbestandteil.

Klettermax
Siebenschläfer sind geschickte Kletterer und selten auf dem Boden anzutreffen. Um mühelos an senkrechten Wänden oder Bäumen zu klettern, besitzen sie lange, gelenkige Zehen und klebrige Sohlenballen. Dieses haftende Sekret an den Ballen hilft ihnen, sich besser halten zu können.

Nachteule Die Sinnesorgane des Siebenschläfers sind bestens an ein Leben in der Nacht angepasst. Er hat ein ausgezeichnetes Gehör und einen gut entwickelten Geruchssinn. Aber besonders der Tastsinn ist hervorragend ausgeprägt.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Böblingen Wildtier Artenschutz