Böblingen Im Café Asyl trifft sich halb Aleppo

Der Diakon Martin Rebmann unterhält sich mit Tarek Abd Rabba, Walaa und Etab  Najeeb(von links)  aus Aleppo. Das Baby ist der Sohn von Walaa Najeeb. Foto: factum/Bach
Der Diakon Martin Rebmann unterhält sich mit Tarek Abd Rabba, Walaa und Etab Najeeb(von links) aus Aleppo. Das Baby ist der Sohn von Walaa Najeeb. Foto: factum/Bach

Ehrenamtliche laden Flüchtlinge zweimal im Monat ins Mehrgenerationenhaus ein. Vor allem Familien aus dem Nahen Osten nutzen das Angebot – und treffen häufig alte Bekannte aus der Heimat.

Böblingen: Gerlinde Wicke-Naber (wi)

Böblingen - Seit neun Monaten lebt Walaa Najeeb im Kreis Böblingen. Monatelang war sie zuvor unterwegs gewesen: geflüchtet aus dem Bürgerkrieg in Syrien. Übers Meer führte die Flucht der 20-Jährigen, hochschwanger in einem unsicheren Boot. In Böblingen kam Sohn Hajjaj zur Welt, ein halbes Jahr ist er nun alt. Sein Vater ist weit weg. „Er ist nach Lybien geflüchtet“, berichtet Walaa Najeeb. Zum Glück ist die junge Frau nicht allein nach Deutschland gekommen.

Die Flucht gelang ihr gemeinsam mit ihrer Schwester Etab, der Mutter und dem Bruder. Nun leben alle zusammen in Altdorf – sozusagen im Wartestand. Erst wenn der Asylantrag der Familie entschieden ist, dürfen Walaas Ehemann und ihr Vater nachkommen. Dann können auch alle Deutschkurse an der Volkshochschule besuchen und Fuß fassen auf dem deutschem Arbeitsmarkt.

Mutter starb auf der Flucht

Geschichten wie die der Familie Najeeb kann fast jeder erzählen im Café Asyl. An jedem zweiten und vierten Dienstagabend im Monat öffnet es im Mehrgenerationenhaus Treff am See seine Pforten. Arabischer Tee wird ausgeschenkt – stark und sehr süß – und in den traditionellen kleinen Gläsern. 30 bis 50 Menschen kommen jedes Mal. Die meisten stammen aus dem Nahen Osten – aus den Kriegsgebieten in Syrien und dem Irak. Familie Najeeb trifft hier viele alte Bekannte aus ihrer Heimstadt Aleppo. Zum Beispiel Tarek Abd Rabba, der seit drei Monaten mit seinen fünf Kindern in Sindelfingen lebt. Seine Frau wurde auf der mehrmonatigen Flucht schwer krank, in Bulgarien gab es im Krankenhaus keine Medikamente – die Frau starb.

Ganz allein gekommen ist hingegen Abdelraheem Hajali. Seine Familie legte ihr Geld zusammen, schickte den 25-Jährigen nach Deutschland. In Aleppo hat der junge Mann Medizin studiert und eine Ausbildung zum Anästhesisten begonnen. Doch dann kam der Krieg. Monatelang arbeitete Hajali in einem Krankenhaus und versorgte unter katastrophalen Bedingungen Verwundete und Kranke. „Ich kam oft wochenlang nicht raus aus der Klinik – wegen der vielen Arbeit und weil der Heimweg durch die von Scharfschützen bewachten Straßen zu gefährlich war“, erzählt er. Nun hofft der junge Mann auf eine schnelle Anerkennung als Asylbewerber. Dann will er Deutsch lernen und seine Ausbildung beenden. Froh ist der 25-Jährige über das Café Asyl und die Möglichkeit, Bekannte aus der Heimat wie die Najeebs und Tarek Abd Rabb zu treffen. „So ganz allein in Deutschland, das ist schwer“, sagt er.

Nicht nur Flüchtlinge kommen zum regelmäßigen Austausch ins Café Asyl. Auch Deutsche schauen vorbei – Ehrenamtliche aus den Helferkreisen, die sich um Flüchtlinge im Kreis kümmern.

Paten betreuen die Flüchtlinge

Einer der Helfer ist Fatih Dursun. Der 29-Jährige gehört zu einem Helferkreis, den Mitarbeiter von Daimler gegründet haben. Er betreut als Pate eine Familie, die er im Café Asyl kennen gelernt hat. „Ich begleite die Familie zu Behörden und Ärzten, helfe ihnen bei der Wohnungssuche“, berichtet er. Bernadette Peters kümmert sich um eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern aus Damaskus, deren Ehemann noch in Ägypten ist. „Das ist eine lebenstüchtige Frau. Mit unserer Unterstützung kommt sie gut zurecht“, berichtet Peters. Etwa 40 Leute gehören zum Arbeitskreis Asyl, den der katholische Diakon Martin Rebmann leitet.

Neben Patenschaften für Flüchtlinge, dem Café Asyl und der Vermittlung von Dolmetschern organisiert die Gruppe auch Sprachkurse für Asylbewerber. Zweimal in der Woche eine Stunde. „Das ist wenig, aber besser als nichts“, sagt Martin Rebmann.




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