Böblingen Im Kampf gegen Leerstände in der Innenstadt

Eine verwaiste Ladenfläche folgt der nächsten in der Bahnhofstraße. Foto: Stefanie Schlecht

Die Stadt Böblingen plant, „Schlüsselgebäude“ in ihren Besitz zu bringen. Neben viel Brachfläche gibt es auch erste Lichtblicke.

Volontäre: Janina Link (jali)

Große Fensterflächen, dahinter nichts – wer durch die Böblinger Fußgängerzone schlendert, sieht sie überall: leer stehende Gebäude. „Moderne Büro- und Einzelhandelsflächen zu vermieten“, steht auf Schildern in den Fenstern im Erdgeschoss des City Carré. Auf dem Gelände, auf dem früher das Klett-Areal stand, sind in den vergangenen Jahren vier mehrgeschossige Gebäude mit Einzelhandels- und Wohnflächen entstanden. Die Freude darüber, dass damit eine der großen Baulücken in der Innenstadt geschlossen wurde, bleibt jedoch getrübt – denn viele der Flächen stehen bis heute leer.

 

Hinter den dunklen Schaufenstern: verwaiste Flächen, kahle Wände und gähnende Leere. Bei diesem Anblick drängt sich unweigerlich die Frage auf, wann – und ob – dort etwas einzieht. Zuständig ist die Firma BUWOG mit Sitz in Berlin. Doch die Anfrage unserer Zeitung läuft ins Leere: Zum aktuellen Vermietungsstand der Einzelhandels- und Praxisflächen ist bis zum Redaktionsschluss keine Auskunft zu erhalten.

IHK bemängelt hohe Mieten in der Bahnhofstraße

Die Stadtverwaltung arbeitet seit Jahren daran, die Innenstadt attraktiver zu machen – mit Erfolg, wie Pressesprecher Gianluca Biela sagt. So wurde die 2006 geschaffene Stelle eines „Leerstandmanagers“ recht schnell zum „Citymanager“ umgewandelt – der Leerstand sei stark zurückgegangen, die Innenstadt habe sich positiv entwickelt. Angesichts der weiterhin zahlreichen leer stehenden Gebäude könnte man sich fragen, ob diese Umbenennung nicht doch ein wenig voreilig war.

Verwaiste Schaufenster im City Carré Foto: Stefanie Schlecht

Den Umbau der Bahnhofstraße zur Fußgängerzone im Jahr 2014 bewertet die Stadt nach wie vor positiv. Neben einer deutlich gesteigerten Aufenthaltsqualität hätten Eigentümer daraufhin in ihre Grundstücke investiert. Doch ein Problem bleibt die Höhe der Mieten. Das verdeutlicht eine Studie der IHK zur Mietsituation im Handel in der Region Stuttgart. „In den teuersten Lagen im Kreis werden für Einzelhandelsflächen bis zu 27 Euro pro Quadratmeter Geschäftsfläche verlangt“, heißt es in einer Pressemitteilung der Kammer. „Die höchsten Mieten werden in der Bahnhofstraße in Böblingen aufgerufen.“

Stadt möchte Schlüsselgebäude in ihren Besitz bringen

Kosten, die viele kleine Geschäfte oft nicht tragen können. Auch die Stadt Böblingen ist sich dessen bewusst: „Dass vor allem kleinere Händler hier an ihre Grenzen oder sogar darüber hinaus kommen, nehmen wir wahr.“ Biela macht deutlich: „Leider können wir die steigenden Baupreise, die Preisforderungen der Eigentümer sowie die globalen Auswirkungen nicht abfedern.“ Der größte – und teuerste – Hebel der Stadt ist der Erwerb der Immobilien mit Steuergeldern.

Tatsächlich arbeite sie derzeit daran, weitere Schlüsselgebäude in ihren Besitz zu bringen, so Biela. So könnten diese Gebäude dann unter anderem gezielt saniert oder umgestaltet werden. Und auch die Preisgestaltung der Mieten würde der Stadt dann freistehen. Biela erklärt: „Wenn die Stadt Eigentümerin ist, eröffnen sich neue Handlungsmöglichkeiten.“

Osiander in der Fußgängerzone kommt gut an

Und: An manchen Stelle in der Böblinger Innenstadt hat sich tatsächlich viel getan. Neben dem neu eröffneten Zentrum Pulse zwischen Brumme-Allee und Olgastraße sind an der Kreuzung der Wilhelm- mit der Bahnhofsstraße 71 Mikro-Apartments entstanden, deren Betrieb schon seit April läuft. Das Angebot richtet sich vor allem an Geschäftsreisende, die einen längeren Aufenthalt planen, oder Neuankömmlinge auf Wohnungssuche. Die Eröffnungen auf den vier Ladenflächen im Erdgeschoss des Gebäudekomplexes stehen ebenfalls kurz bevor.

Ein weiterer Neubau in der Bahnhofstraße liegt im Erdgeschoss brach. Foto: Stefanie Schlecht

Auf einer Fläche davon sei der Mietvertrag mit einem Friseur schon unter Dach und Fach, sagt Immobilienverwalter Armin Weiss, der in München sitzt. „Insgesamt ist es aber nicht ganz so einfach, geeignete Mieter für Ladenflächen in Böblingen zu finden“, sagt er. Geplant ist außerdem ein asiatisches Lokal, mit weiteren Interessenten verhandle er noch. Ebenfalls noch recht neu in der Fußgängerzone ist die Osiander’sche Buchhandlung, die aus dem Mercaden-Einkaufszentrum umgezogen ist. Die neue Filiale sei „sehr gut angelaufen“, wie Osiander-Geschäftsführer Christian Riethmüller berichtet. „Wir haben viele neue Kunden dazugewonnen, die vorher nicht im Center waren“, sagt Riethmüller. Das Feedback der Kunden zum neuen Laden sei sehr positiv.

Gebäude in der Poststraße zu etwa zwei Dritteln belegt

Biela freut sich auch über das entstandene „vielfältige Angebot an Wohnungen“ mitten in der Stadt. Private Eigentümer erhalten von der Stadt zwar keine finanziellen Anreize, ihre leer stehenden Flächen schneller zu vermieten, aber dennoch profitiert Böblingen von Fördermitteln aus Bund und Land, so etwa für die Sanierung der Unterstadt oder die Entwicklung des Quartiers um die Mühlbachstraße, auf dem das Einkaufszentrum steht. Laut Biela „zieht jeder Euro, den die Stadt in Sanierungsgebiete investiert, das Vier- bis Achtfache an privaten Investitionen nach sich.“

Den Plan, Schlüsselgebäude in städtischen Besitz zu bringen, verfolgt die Stadt schon länger. Nach diesem Prinzip griff sie 2024 auch in der Poststraße zu: Der Kauf des brachliegenden Seestudios und zweier weiterer Gebäude ließ damals aufhorchen. Auch hier gibt es Entwicklungen: Teile der kürzlich von der Stadt gekauften Gebäude in der Poststraße sind zu etwa zwei Dritteln vermietet. Die bisherigen Mieter und Verträge sollen bleiben.

Für die leer stehenden Ladenflächen gibt es laut Stadtsprecher schon Interessenten, die „voraussichtlich im ersten Halbjahr 2025“ einziehen sollen. Dieses erste Halbjahr ist in zwei Wochen allerdings vorüber. Ob die angekündigten Mieter noch bis dahin auftauchen, bleibt abzuwarten.

IHK-Studie

Umfrage
Der Studie zur Mietsituation im Handel in der Region Stuttgart liegt eine Umfrage zugrunde, die im Herbst 2024 mit Hilfe eines Dienstleisters durch ein Online-Verfahren, ergänzt durch ein schriftliches Verfahren, durchgeführt wurde. Geantwortet haben 600 Mitgliedsunternehmen des stationären Einzelhandels der IHK Region Stuttgart.

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