Böblingen im Ranking der Regionen vorn Institut: Landkreis wieder vorn dabei

Die Autoindustrie mit dem weltgrößten Mercedes-Werk (Bildmitte) ist wirtschaftlicher Taktgeber im Kreis – mit allen Segnungen und Risiken, die diese Ballung bewirkt. Foto: /Werner Kuhnle

Im Vergleich der Regionen belegt der Landkreis Böblingen traditionell vordere Plätze. Laut aktueller Statistik des Instituts der deutschen Wirtschaft landet er bundesweit auf Platz 16. Doch die jüngste Entwicklung ist nicht mehr ganz so rosig.

Sie wird gern zitiert und häufig gelobt: Die wirtschaftliche Stärke des Landkreises Böblingen und seine Zukunftsfähigkeit. Landrat Roland Bernhard wird nicht müde, die Studien des Instituts Prognos zu zitieren, nach denen der Landstrich zwischen Strudelbach und Ammer in Sachen Zukunftsfähigkeit regelmäßig zur Spitzengruppe in Deutschland gehört. Doch der Vergleich der Regionen ist außerordentlich komplex und die zugrunde liegenden Statistiken lassen sich auf vielfältige Weise aufstellen.

 

Neben anderen vermittelt das neue Regionalranking des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) ein aussagekräftiges Gesamtbild. Darin haben die Autoren die ökonomische Entwicklung aller Regionen unter die Lupe genommen und die Ergebnisse kürzlich präsentiert. Die 400 Kreise und kreisfreien Städte wurden gemäß ihres wirtschaftlichen Erfolgs bewertet. Dazu hat das Forscherteam 14 Indikatoren aus den Bereichen Wirtschaftsstruktur, Arbeitsmarkt und Lebensqualität verglichen, die signifikanten Einfluss auf Kaufkraft und Arbeitslosigkeit haben. Daraus folgt das Gesamtergebnis.

Dem zugrunde lagen Daten von Ende 2022, sie sind demnach nicht ganz aktuell. Der Kreis Böblingen steht darin auf Platz 16 und liegt damit auf der Spitzenposition in der Region Stuttgart. Die Landeshauptstadt landet auf dem 36. Platz, zur Spitzengruppe im Land gehört noch der Landkreis Esslingen, der bundesweit auf Platz 78 steht. Auch im Dynamikranking haben sich die Landeshauptstadt und die Kreise Böblingen und Esslingen verbessert. Die Studie ordnet sie deswegen als sogenannte Outperformer ein. „Die Region Stuttgart ist ein sehr starker Wirtschaftsraum“, sagt Vanessa Hünnemeyer, eine der Studienautorinnen. Es gebe anders als in anderen Ballungsräumen kein eindeutiges Stadt-Landkreis-Gefälle. Das mache die Region auch resilienter gegen wirtschaftliche Krisen allgemein.

Der Kreis Böblingen hat nach einer Delle während Corona wieder Boden gut gemacht. Im Südwesten liegt nur der Kreis Biberach weiter vorne (Platz 13). Ganz an der Spitze des Niveaurankings liegt erneut der Landkreis München, vor Mainz und Coburg.

Allerdings: Es hakt im Kreis an einigen Stellen. Die Wirtschaftsförderung der Region Stuttgart sieht eine zentrale Herausforderung in der Verfügbarkeit von Gewerbeflächen. „Es zeigt sich weiterhin, dass der verfügbare Gewerbeflächenbestand für die Anforderungen der Transformation, zum Beispiel beim Übergang vom Verbrennungsmotor auf Elektromobilität beziehungsweise auf Brennstoffzellenantriebe, nicht ausreichend ist“, sagt Pressesprecherin Johanna Hellmann.

Zu wenig Gewerbefläche in der Region

Schaut man auf die momentane Situation, so kam der Wirtschaftsmotor im Kreis Böblingen jüngst gehörig ins Stottern. Die Unternehmen im Kreis stünden vor vielfältigen Herausforderungen, heißt es in dem jüngsten Konjunkturbericht der Industrie- und Handelskammer: Steigende Preise, Zinsen und Personalkosten setzen den Betrieben ebenso zu wie internationale Konflikte, Nachfrageschwäche und überbordende Bürokratie. Ein anhaltender Personalmangel trübt zusätzlich die Aussichten.

Besonders die Industriebetriebe, ein Rückgrat der regionalen Wirtschaft, sähen derzeit wenig Anlass zur Hoffnung: 50 Prozent von ihnen erwarten keine Besserung. So schrumpfte der Teil der Wirtschaft, der eine positive Lage verzeichnen kann. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten spiegeln sich auch auf dem Arbeitsmarkt wider, wenngleich der Landkreis Böblingen im Vergleich noch eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in der Region Stuttgart aufweist: Sie lag zu Jahresbeginn bei 3,8 Prozent. Der Mangel an Fachkräften in verschiedenen Sektoren bleibt eine zentrale Herausforderung.

Zu wenig Frauen auf dem Arbeitsmarkt

Das passt zu einem Ergebnis der IW-Studie: Bei der Beschäftigungsrate von Frauen landet Böblingen bundesweit auf Platz 175 von 400 – das ist nur Mittelmaß. Außerdem gibt das Wanderungssaldo der 30- bis 50-Jährigen Anlass zur Sorge: In dieser Altersgruppe wandern mehr ab als zu – Böblingen landet auf Platz 308. Die geringe Ärztedichte als weicher Standortfaktor könnte ebenfalls besser sein: Platz 271.

Dennoch scheint der Kreis im Vergleich zu 2020 seine Hausaufgaben gemacht zu haben: Im Dynamikranking schafft er es in die Top 100 im Bund. Im Jahr 2020 lag er darin noch im hinteren Mittelfeld.

Erneuerbare Energien als Standortfaktor

Studie
 Das IW-Ranking 2024 legt ein besonderes Augenmerk auf die Energiewende. Demnach bieten sich besonders für ländliche Räume aufgrund ihrer verfügbaren Flächen Chancen.

Kreis Böblingen
 Während der Kreis bei der Solarenergie im Landesschnitt ordentlich dasteht, gibt es nur ein Windrad. Dagegen steigt der Strombedarf der Industrie. Strom aus erneuerbaren Energiequellen werde ein immer wichtigerer Standortfaktor, sagt Vanessa Hünnemeyer von IW Consult. „Ich würde nicht soweit gehen, dass eine Wirtschaftsregion, wenn keine Windkraft vorhanden, per se unattraktiv ist.“ Man müsse sich aber überlegen, wie wichtig regionale Souveränität sei. Diskussionen wie etwa über den angedachten interkommunalen Windpark zwischen Böblingen, Holzgerlingen und Ehningen verzögerten den Ausbau und bremsten mögliche Vorteile aus. Stromerzeugung vor Ort werde ein wichtigerer Standortfaktor

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