Böblingen kauft Klinikareal zurück Vorbei das Fingerhakeln
Stadt und Kreis Böblingen sind sich einig beim Krankenhaus. Endlich.
Stadt und Kreis Böblingen sind sich einig beim Krankenhaus. Endlich.
Unter Druck könne man oft zielorientierter arbeiten, sagte der Böblinger Oberbürgermeister Stefan Belz, als er die Einigung beim Krankenhaus-Areal mit dem Landkreis kommentierte. Tatsächlich wurde die Zeit nach sechsjähriger Hängepartie in der Bunsenstraße jetzt langsam knapp: Bis Ende des Jahres sollte das Areal zum bestmöglichen Preis verkauft sein, hatte der Kreistag 2022 beschlossen. Zieht man mal die Weihnachtsfeiertage ab, sind das gerade so sechs Wochen. Für eine Verwaltung entspricht das einem Wimpernschlag.
Erstaunlich, dass es doch erst auf den letzten Drücker hingehauen hat, ziehen sich die Verhandlungen doch schon rund sechs Jahre hin. Besser spät als nie: Die jetzige Einigung auf die 40 Millionen für das Filetstück auf der Waldburg ist eine gute Nachricht am Ende einer Woche voller Hiobsbotschaften aus Washington und Berlin. Stadt und Kreis profitieren beide von dem Verkauf. Denn es öffnet sich ein Raum der Möglichkeiten.
Über den Preis lässt sich trefflich streiten: Keine der beiden Seite ist so richtig glücklich damit, geschweige denn euphorisch. Und das ist gut so. Schließlich ist es das Wesen des Kompromisses, dass beide von ihren Maximalforderungen abrücken. Wer sich am Ende mehr bewegt hat, kann nicht seriös bestimmt werden. Doch die lange Verhandlungsdauer lässt darauf schließen, dass die Preisvorstellungen zu Beginn doch sehr weit auseinander lagen. Der Landrat träumte von dichtem Wohnungsbau, vielleicht sogar Hochhäusern, die den Grundstückspreis an dieser 1A-Lage insbesondere vor der Zinswende in schwindelerregende Höhen gesteigert hätte – theoretisch.
Denn praktisch ist da noch eine Standortkommune dazwischen, die ganz andere Vorstellungen hat. „Wir brauchen zusammenhängende Gewerbeflächen“, hat Stefan Belz während der Verhandlungen fast mantraartig wiederholt. Zumal Böblingen in der jüngeren Vergangenheit massiv Wohnraum geschaffen hat und weiter schaffen wird: In der Unterstadt sind Seecarré, Pulse und City Carré entstanden, um nur die wichtigsten zu nennen. Vom Flugfeld ganz zu schweigen. Und ein großes Gewerbeareal – die IBM auf dem Rauhen Kapf – hat die Stadt ebenfalls für Wohnungen geopfert.
Dass das Krankenhaus-Areal nun nicht auch noch zum Wohngebiet werden soll, ist daher folgerichtig. So idyllisch die Wohnlage auch ist: In Anbetracht der prekären Lage der Automobilindustrie tut Böblingen gut daran, Räume anzubieten für Zukunftstechnologien. Nur, bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Man versetze sich gedanklich mal ins Jahr 2027: Der letzte Patient ist ins nagelneue Flugfeldklinikum verlegt worden, der letzte OP-Saal geräumt und die letzte Ambulanz geschlossen.
Dann gehört der Stadt ein menschenleeres, besenreines Krankenhaus.
Bis Forscher und Firmen dort ein Ambiente der Innovation vorfinden, muss sicher noch viel geschehen. Mit den 40 Millionen wird es nicht getan sein. Vielmehr braucht es die richtigen Akteure zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Stefan Belz hat schon durchblicken lassen, dass er in einem engen Austausch stehe mit Vertretern der hiesigen Wirtschaft und Hightech-Branche. Böblingen soll als Standort der Hochtechnologie gestärkt werden. Guter Gedanke.
Denn Veränderung bringt oft Neues hervor. Groß war die Trauer, als der einst stolze Böblinger Anlagenbauer Eisenmann vor fünf Jahren in die Insolvenz rutschte. Doch siehe da, mittlerweile keimen in dessen ehemaligem Schulungszentrum im Röhrer Weg unter dem Dach des Ai xpress einige innovative Pflänzchen – vom surrenden E-Motorrad Pocket Rocket bis zur Spezialfirma für Segelflugbatterien.