Böblingen kauft Krankenhausgelände OB Belz erklärt, warum die Stadt 40 Millionen Euro ausgibt

Böblinger Oberbürgermeister Stefan Belz: Fantasie für Firmen und Forscher auf der Waldburg Foto: Stefanie Schlecht/Archiv

Geht es nach den Plänen der Stadt Böblingen, blühen in der Böblinger Bunsenstraße nach dem Auszug des Krankenhauses dereinst neue Technologien und Geschäftsmodelle. Doch bis es soweit ist, muss noch viel passieren. Was, das skizziert Oberbürgermeister Stefan Belz.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Das zähe Ringen um das Areal des Kreiskrankenhauses hat ein Ende: Die Stadt Böblingen kauft das 10,4 Hektar große Filetstück mitsamt dem Böblinger Krankenhaus für 40 Millionen Euro vom Landkreis – sofern Kreistag und Gemeinderat zustimmen. Die Summe soll in vier Tranchen à zehn Millionen Euro überwiesen werden, um den städtischen Haushalt nicht zu überspannen. Zuvor stand im Raum, dass der Landkreis das Grundstück an das Land Baden-Württemberg veräußert, welches darauf wohl eine Landeserstaufnahme für Flüchtlinge errichtet hätte. Dies ist nun vom Tisch.

 

Herr Belz, das Ringen um das Krankenhaus hatte schon begonnen, bevor die neue Klinik auf dem Flugfeld gebaut wurde. Was gab jetzt den Ausschlag zur Einigung mit dem Kreis?

Im März dieses Jahres hat die Landesregierung überraschend im SWR kundgetan, 52 Millionen Euro für das Grundstück bezahlen zu können. Durch dieses sehr forsche Dazwischengehen kam eine höhere Geschwindigkeit in die Verhandlungen.

Die vorige Suche nach einem Investor war erfolglos geblieben.

In der Tat hatten wir zuvor mehrere Anläufe unternommen, gemeinsam einen geeigneten Investor zu finden. Klar war aber auch, dass die Stadt Böblingen stets die Planungshoheit dort hat. Doch da kein Investor während des Suchlaufs angebissen hatte, hatte sich das zerschlagen. Darüber hinaus gab es sowohl im Kreistag, als auch im Böblinger Gemeinderat aber spiegelbildliche Beratungen, das Areal bis Ende 2024 zum bestmöglichen Preis zu kaufen beziehungsweise zu verkaufen.

Landrat Bernhard und OB Belz (2. und 3.v.l.) beim Pressegespräch Foto: Eibner/Roger Bürke

Glücklicherweise sprudeln in Böblingen die Steuereinnahmen.

Tatsächlich bleiben 40 Millionen Euro aber eine stolze Summe, das ist uns durchaus bewusst. Trotz der Streckung in Tranchen auf vier Jahre werden wir auf der Ausgabenseite unsere Projekte in Anbetracht dieser Investition weiter priorisieren müssen.

Die Stadt ist dabei, den Bebauungsplan für das Gebiet neu aufzustellen. Was soll der Plan nun konkret ermöglichen?

Mit der Aufstellung des Bebauungsplans vor eineinhalb Jahren haben wir ein klares Signal gesendet, dass wir es mit der Umwandlung des Krankenhausareals in einen Technologie- und Innovationscampus ernst meinen. Stadtplanerisch bleibt es eine Gewerbefläche, gleichzeitig ist uns wichtig, unsere Pläne greifbar zu machen.

Daraus geht hervor, dass eine zusätzliche Wohnbebauung zwar nicht direkt vorgesehen, aber doch ergänzend denkbar ist. Also doch?

Sonderformen des Wohnens sollen dort möglich sein, das unterscheidet sich zum Wohnen in klassischen Wohngebieten. Wir denken etwa an Studierendenwohnheime oder sogenannte Serviced Apartments für den kurzfristigen Bedarf für Unternehmen vor Ort. Das hängt allerdings von der Entwicklung des restlichen Areals ab. Zunächst wird es Aufgabe des Gemeinderats sein, die begonnene Aufstellung eines Bebauungsplans zu einem guten Satzungsbeschluss zu bringen.

Bis sich ein Krankenhaus in einen Technologiepark entwickelt, ist es ein weiter Weg.

Klar ist, dass bis zum Auszug der Klinik auf dem Gebäude baulich nichts passieren wird. Das heißt aber nicht, dass wir untätig sind. Wir werden die Zeit bis 2027 nutzen, um den weiteren Prozess zu planen und organisieren.

Schultert das die Verwaltung mit Bordmitteln?

Die erste Phase wird einige Ämter in Anspruch nehmen: Liegenschaften, Wirtschaftsförderung, Bildung, Gebäudemanagement, Stadtentwicklung und weitere. Ergänzend haben wir im Haushalt des kommenden Jahres 1,5 zusätzliche Vollzeitstellen vorgesehen, die nur dieses Projekt vorantreiben. Das schlagen wir dem Gemeinderat in den Beratungen nun vor. Des Weiteren sähe ich es als hilfreich an, wenn wir in einem zweiten Schritt beispielsweise eine Projektgesellschaft für das Areal gründen, in der die relevanten Aufgaben erledigt werden.

Noch mal konkret: Was soll dort genau entstehen?

Das Krankenhaus-Areal ist für uns ein weiterer Baustein, um Zukunftsbranchen in Böblingen gedeihen zu lassen. Das bettet sich ein in ein bestehendes Konzept für die Ansiedlung von innovativen Technologien in der Stadt: AI xpress, AI transform und AI vision. Letzteres könnte in Teilen auf dem Technologie- und Innovations-Campus Platz finden. So entsteht mit dem Quanten-Rechenzentrum der IBM in Ehningen und der Hightech-Branche auf der Hulb eine sogenannte „Silicon Älley“ bis nach Stuttgart. Außerdem besteht nach wie vor ein starkes Netzwerk mit den Forschungsstandorten in Karlsruhe, Freiburg, Tübingen und Aalen, mit denen wir uns um einen KI-Innovationspark beworben hatten.

Dennoch fällt die Vorstellung schwer, dass auf einer ehemaligen Krankenstation auf einmal an künstlicher Intelligenz geforscht werden soll.

Meine Fantasie in diese Richtung reicht da sehr weit. Ich sehe viele Möglichkeiten, Krankenzimmer in Büro- oder Laborflächen umzuwandeln. Außerdem könnten auch verschiedene Bereiche oder Trakte miteinander verbunden werden, um größere Einheiten zu schaffen. Das Krankenhaus hinterlässt ja mal im Grundsatz eine sehr gute Erschließung an Infrastruktur. Es wird allerdings zu prüfen sein, ob eine zusätzliche Versorgung beispielsweise mit Wasser oder Strom notwendig sein wird.

Man wird dennoch kräftig in den Umbau investieren müssen. Bei den 40 Millionen Euro für den Kaufpreis wird es kaum bleiben können langfristig.

Ja, aber die Investitionen müssen nicht zwingend von der Stadt oder der Projektgesellschaft getätigt werden. Vielleicht haben Unternehmen auch Raumbedarf für Anwendungen? Eventuell besteht Interesse, Flächen anzumieten oder zu erwerben. Als Stadt müssen wir nicht zwingend im Eigentum der Flächen bleiben. Für diese Überlegungen ist es allerdings jetzt noch sehr früh. Sobald konkrete Ideen für den Rahmen entwickelt sind, wird es darum gehen, diese Optionen zu prüfen.

Das Krankenhaus wurde 1967 eröffnet Foto: Archiv/Bischof

Sie haben von studentischem Wohnen gesprochen, von Forschung. Geht Ihre Fantasie in Richtung einer Hochschule?

Ich hoffe, dass es uns gelingt, auf dem Areal Wissenschaft und Wirtschaft zu verzahnen. Das baut auf Initiativen auf, die wir etwa im Softwarezentrum oder im AI xpress schon heute verwirklichen. Anwendungsgebiete können Medizintechnik, Maschinenbau oder Mess- und Regelungstechnik sein, um nur einige zu nennen. Und wir haben mit dem Herman-Hollerith Zentrum ja bereits einen Hochschulstandort in Böblingen, der hier ebenfalls mit reinspielen kann.

Im AI Xpress haben sich unterschiedliche Start-ups angesiedelt. Ist das auch im Krankenhaus denkbar?

Ja unbedingt, das denken wir mit.

Wie stellen Sie sicher, dass die städtischen Pläne auch zu den Bedarfen der hiesigen Wirtschaft passen?

Zu diesem Zweck habe ich schon im Vorfeld einen sogenannten Initiativkreis mit namhaften Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft von vor Ort gebildet. Hier ist es mir wichtig, in einem geschützten Raum deren Ideen abzuholen. Die Aussage von dort war ein klares „Ja“ zum Erwerb des Areals und zur Umwandlung in einen Technologiepark. So entstand die Sicherheit, einen Weg zu beschreiten, der von der Wirtschaft und Wissenschaft in der Region mitgetragen wird.

Geschichte des Böblinger Krankenhauses

Vor dem Bau
 des Kreiskrankenhauses in der Bunsenstraße existierte in Böblingen seit 1857 ein Krankenhaus am Maienplatz, das 1928 erweitert wurde.

Neubau
 Nach 100 Jahren und stetig wachsenden Patientenzahlen wurde das Gebäude zu klein. Einem Neubau am Standort Bunsenstraße wurde der Vorzug vor dem Gelände des heutigen Freibads an der B 14 gegeben, da die „waldreiche Umgebung klimatisch günstiger“ sei.

Kreiskrankenhaus
 Nach Überlieferung alter Sitzungsprotokolle wurde dem Landkreis das jetzige Grundstück „zur Nutzung als Klinikareal kostenfrei überlassen“, sagt der Landrat. Ein Tauschgeschäft oder gar eine Schenkung sei nicht nachweisbar.

Gegenleistung
 Im Gegenzug übernahm der Landkreis damals Bau und Betrieb des heutigen Böblinger Kreiskrankenhauses, Einweihung war am 7. Juli 1967. So konnte Böblingen eine Klinik auf eigener Markung erhalten.

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