Böblingen: Neues Tarifsystem der Stadtwerke Gebühren bei Fernwärme steigen

Auch Peter Aue hat  gegen die  Erhöhung des  Fernwärmepreises protestiert. Foto: factum/Archiv
Auch Peter Aue hat gegen die Erhöhung des Fernwärmepreises protestiert. Foto: factum/Archiv

Die Stadtwerke erhöhen den Grundpreis für die meisten Abnehmer um mehr als das Doppelte, im Gegenzug soll die Verbrauchsgebühr etwas sinken. Die Interessengemeinschaft der Bürger kündigt erneut Protest an.

Böblingen: Günter Scheinpflug (gig)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Böblingen - Kaum haben sich die Wogen der Entrüstung über die letzte Preiserhöhung bei der Böblinger Fernwärme gelegt, warten die Stadtwerke mit einem neuen Tarifsystem auf, das am 1. Januar nächsten Jahres in Kraft treten soll. „Auf den ersten Blick bringt das erneut wohl eine Erhöhung um

durchschnittlich 20 Prozent“, sagt Peter Aue, der Sprecher der Interessengemeinschaft Fernwärme. Dem Verein gehören derzeit mehrere hundert Böblinger an, die gegen die Preis- und Informationspolitik der Stadtwerke auf die Barrikaden gehen. Rund 8500 Haushalte sind an das Böblinger Fernwärmenetz angeschlossen. Sie sollen in den nächsten Tagen Post von den Stadtwerken erhalten.

„Wir wollen bei der Fernwärme mehr Transparenz schaffen und noch kundenfreundlicher werden“, sagt Martina Mayer, die Stadtwerke-Sprecherin. Man wolle die Verbraucher über die Preisgestaltung und Nutzung der Fernwärme künftig umfangreicher informieren. So mancher Haushalt hatte zuletzt eine zu hohe Anschlussleistung, wodurch ein hoher Grundpreis fällig wurde. „Auf Wunsch kommt ein Energieberater ins Haus“, erklärt Mayer, gegen eine Gebühr von 20 Euro. Wenn dieser eine Einsparung für möglich halte, sorge ein Monteur der Stadtwerke kostenlos dafür, dass der Anschluss weniger kostenträchtig ausgelegt sei, erklärt Mayer weiter. Die Stadtwerke seien bereit, jedem Kunden zu helfen, der seine Anschlusskapazität verringern wolle.

Grundgebühr vervielfacht sich binnen kurzer Zeit

Der Böblinger Peter Aue etwa hatte für sein Haus eine Anschlussleistung von rund 15 Kilowatt. Für das Gebäude reichte ihm aber auch weniger. Er hat die Kapazität auf rund zehn Kilowatt verringern lassen. Pro Kilowatt waren bislang 34,30 Euro zu bezahlen. Diesen Betrag mit zehn Kilowatt multipliziert bedeutete für Aue bereits eine stattliche Summe. Zumal der Grundpreis vor gut einem Jahr im Durchschnitt um 21,1 Prozent – das sind 173 Euro im Jahr – angehoben wurde. Vor der letzten Erhöhung lag die Grundgebühr noch bei 10,83 Euro.

Und nun erhöhen die Stadtwerke den Grundpreis wieder, dieses Mal aber gestaffelt in drei Zonen. Im ersten Bereich finden sich drei Viertel aller Abnehmer – mit einer Anschlussleistung von bis zu 50 Kilowatt. Die Grundgebühr steigt für Aue um mehr als das Doppelte: auf 75,57 Euro pro Kilowatt. Im Gegenzug sinkt die Verbrauchsgebühr von 85,78 Euro pro Megawattstunde auf 66,72 Euro. Aue hat überschlägig errechnet, dass das für ihn rund 200 Euro mehr sind pro Jahr. „Die Stadtwerke geben uns auf der einen Seite etwas, um uns auf der anderen noch mehr zu nehmen“, kommentiert der IG-Sprecher das Vorgehen. Er überlege sich nun einen weiteren Vorstoß, um gegen diese Preispolitik zu klagen.

Abnehmern werden Lieferverträge angeboten

Die Bürger hatten schon einmal die Verbraucherzentrale in Stuttgart eingeschaltet. Sie hatte sich aber außer Stande gesehen, gegen die drastische Preisanhebung vom Sommer 2015 „im Rahmen der ihr zur Verfügung stehenden Rechtsinstrumente vorzugehen“, wie es hieß. Der Verbraucherschützer Eckhard Benner hatte dies näher erläutert. „Wir haben keine Möglichkeit, dagegen zu klagen, weil die Stadtwerke für die Verbraucher keine Allgemeinen Geschäftsbedingungen verfasst haben.“ Ein Vertragsverhältnis bestehe quasi durch die Lieferung der Fernwärme.

Bisher hatten die Abnehmer keine Lieferverträge. Die Stadtwerke wollen dies nun nachholen und den Kunden einen Bonus anbieten. „Wer unterschreibt, bekommt auf die Verbrauchsgebühr einen Abschlag von 2,5 Prozent angerechnet“, sagt Mayer. Wer keinen Vertrag wolle, für den würde das neue Tarifsystem trotzdem gelten. „Viele von uns wurden vor Jahrzehnten von der Stadt Böblingen zwangsweise an das Fernwärmenetz angeschlossen“, berichtet Aue. Jetzt müsse sich jeder überlegen, ob es für ihn eine Alternative gibt, seine Wohnung warm zu bekommen.




Unsere Empfehlung für Sie