Böblingen Tierheim steuert auf die Insolvenz zu

Das Tierheim ist auf den Hund gekommen. Foto: dpa
Das Tierheim ist auf den Hund gekommen. Foto: dpa

Beide Gesellschafter – der Kreis und der Verein – haben die Zahlung eingestellt. Die Mitglieder aber wollen die Einrichtung halten. Der Landkreis hingegen möchte es in Alleinregie übernehmen.

Böblingen: Gerlinde Wicke-Naber (wi)
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Böblingen - Bitterböse Worte dominierten die Rede der stellvertretenden Vorsitzenden Simone Reichert-Leone am Freitagabend bei der Mitgliederversammlung des Tierschutzvereins. Heftige Vorwürfe erhob sie gegen den Landkreis, mit dem der Verein gemeinsam das Tierheim betreibt. Dieser habe den Verein „systematisch behindert, übergangen und belogen“. Schuld an dieser Situation hätten auch die früheren Vorstände des Vereins, die diese Verträge mit der Kreisverwaltung geschlossen hatten. Damit hätten sie „leichtfertig das Mitspracherecht des Vereins im Tierheim aus der Hand gegeben“. Erst externe Berater, die man sich im vergangenen Jahr gesucht hatte, hätten diese Missstände aufgedeckt.

Markus Hess, der bis Juli des vergangenen Jahres den Verein ein Jahr lang als Vorsitzender geführt hatte und dann nach Querelen zurückgetreten war, hielt eine emotionale Gegenrede und erklärte, im Verein bleibe „bei aller manchmal auch gespielter Tierliebe die Menschenwürde auf der Strecke“. Und dann gab es noch den Tagesordnungspunkt „Ausschluss der Tierheimleiterin Ute Andok“ aus dem Verein, der bei neun Enthaltungen mit 26 Ja- und 24 Neinstimmen äußerst knapp verlief. Nein, die Mitgliederversammlung war alles andere als harmonisch.

Geld reicht nur noch wenige Monate

Doch nun solle alles anders werden, sagte Reichert-Leone. „Was 2014 geschehen ist und aktuell noch geschieht, wird unseren Verein nachhaltig verändern.“ Beide Parteien – der Vereinsvorstand und die Kreisverwaltungen – betrachten die Zusammenarbeit als gescheitert. Beide Gesellschafter haben ihre Zahlungen an die Tierheim GmbH seit Jahresanfang eingestellt.

Momentan werden die laufenden Ausgaben aus einer Erbschaft von 200 000 Euro an das Tierheim sowie aus den Einnahmen der Einrichtung gedeckt, zum Beispiel durch die Beherbergung von Pensionstieren. Doch schon bald dürfte der Topf leer sein. Wenn kein Geld nachfließt, dann droht spätestens zum Ende des Jahres die Pleite des Tierheims.

Der Landkreis, dessen Vertreter Wolf Eisenmann an der Mitgliederversammlung der Tierschützer teilnahm, sieht einer Insolvenz offenbar gelassen entgegen. Dann wäre er in der Pflicht, das Tierheim zu übernehmen. Das möchte der Kreis sowieso. Dieses Angebot der alleinigen Übernahme durch den Kreis wiederholte Eisenmann am Freitagabend auch öffentlich. Alles andere komme für den Kreis nicht mehr in Frage, so Eisenmann.

Auch der Vereinsvorstand tendiert zu dieser Lösung. Drei Szenarien gebe es, sagte Reichert-Leone: Der Landkreis übernimmt das Tierheim, der Verein trägt die alleinige Verantwortung, oder aber beide Seiten lassen es darauf ankommen und die Einrichtung geht pleite. „Verein und Landkreis wollen diese Pleite nicht“, betonte Reichert-Leone.

Die Übernahme des Heims durch den Verein sei nur eine theoretische Lösung. „Denn diese Variante ist mit erheblichen Vorbehalten der Lokalpolitik verbunden. Man traut dem Verein heute nicht mehr zu, dass er alleine das Tierheim führen kann.“

Doch genau dies zweifelten etliche Mitglieder an. „Das ist doch Schmarrn, dass der Landkreis das Tierheim führen will. Der kann verwalten, aber nicht Tierschutz“, monierte Carl Giese. In viele anderen Kreisen und Kommunen würden Vereine als Träger von Tierheimen fungieren. „Warum soll das ausgerechnet im Kreis Böblingen nicht funktionieren?“, fragte Giese.

Er beantragte eine Sondersitzung der Mitglieder nur zu diesem Punkt. Herbert Lawo, der Vorsitzende des Landesverbands der Tierschutzvereine, kritisierte „das Sondermodell Böblingen mit dem komplizierten Konstrukt einer gemeinsamen GmbH“. Der Kreis solle sich die öffentliche Aufgabe Tierschutz besser als Dienstleistung von den Tierschützern einkaufen. Wolf Eisenmann hingegen erklärte selbstbewusst: „Wenn wir als Kreis Krankenhäuser betreiben und eine eigene Müllabfuhr haben, warum sollen wir dann nicht ein Tierheim betreiben können?“

Zweites Tierheim geplant

Momentan verhandeln der Landkreis und der Vereinsvorstand über eine Lösung. Gefeilscht wird um den Preis des Tierheimgeländes und um einen attraktiven Ersatzstandort für den Verein. Dieser plant offenbar die Eröffnung eines zweiten Tierheims. Reichert-Leone versprach eine Mitgliederversammlung, sobald eine entscheidungsreife Lösung vorliege.

Sie lobte „die Geschlossenheit im Verein: Trotz aller Widrigkeiten ist es niemandem gelungen, uns auseinanderzubringen“. Doch ganz so einig ist man sich wohl nicht. Dies zeigte nicht nur die knappe Abstimmung über den Ausschluss von Ute Andok. Kritik übten einige Mitglieder auch an der Finanzpolitik des Vorstands. Bemängelt wurden die hohen Kosten im vergangenen Jahr für externe Berater, darunter Juristen, sie lagen bei 30 000 Euro.




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