Böblingens größter Weihnachtsbaum Die rührende Geschichte von Franks Baum

Die 47 Jahre alte Fichte schmückt den Böblinger Elbenplatz an Weihnachten. Foto: Stefanie Schlecht

Hinter Böblingens prachtvollstem Weihnachtsbaum auf dem Elbenplatz verbirgt sich eine rührende Geschichte: Die Fichte kam vor 47 Jahren in einem Joghurtbecher aus Jugoslawien nach Deutschland.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Böblingen - Es war das Jahr 1974, als die Geschichte von Frank Rathfelders Baum ihren Anfang nahm. Damals war der aus Böblingen stammende Arzt erst zwölf Jahre alt. Mit seinen Eltern war er gerade auf der Rückreise aus dem Sommerurlaub in Porec am jugoslawischen Meer. Auf einem Rastplatz vor der slowenischen Grenze machte die Familie halt und der Filius musste einmal austreten. Dabei sah er die kleine Fichte: Gerade zehn Zentimeter groß, putzig und unschuldig stand sie dort. Und weckte offenbar den Beschützer-Instinkt des Jungen, der den kleinen Baum unbedingt mit nach Hause nehmen wollte. Gesagt, getan. Die jugoslawische Mini-Fichte wurde ausgebuddelt und mangels Alternative in einem Joghurtbecher nach Böblingen transportiert.

 

Auf der Diezenhalde gedeiht die Fichte prächtig, wächst und wächst. . .

Der Boden auf der Diezenhalde muss dem Einwanderer gut bekommen sein. Denn er entwickelte sich in Böblingen zu einem wahren Prachtexemplar. An die zehn Meter hoch, gerade und regelmäßig gewachsen, spendete er dem elterlichen Haus Schatten. „Wir haben ihn natürlich gepflegt und zurückgeschnitten, wenn das nötig war“, sagt Frank Rathfelders Mutter Helga, die mit ihren 93 Jahren noch immer in dem Flachdach-Haus in der Stockholmer Straße lebt.

Sohn wäre in diesem Jahr 60 geworden

In diesem Jahr wäre ihr Sohn 60 Jahre alt geworden. Als sie das sagt, gerät sie ins Schluchzen. Leider hat sie ihren Frank vor vier Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit verloren. Und das, obwohl nur wenige Monate vorher im November 2016 ihr Mann im Alter von 87 Jahren gestorben war. Ihr Sohn war Unfallchirurg in München, sei immer ein „Sunnyboy“ gewesen. Sein Tod kam unerwartet und riss eine große Lücke in das Leben der Familie. Das wird deutlich, wenn sie von ihm erzählt. Nach den schmerzlichen Verlusten blieb der Baum einfach stehen. So groß und stark wie eh und je. In diesem Herbst streckte er einen seiner Äste so an das Fenster des Arbeitszimmers, als wolle er seine Hand nach ihr ausstrecken. „Der Ast hat immer gegen die Scheibe gedrückt. Wenn man das Fenster aufgemacht hat, ragte er ins Zimmer“, sagt Helga Rathfelder. Im November stolperte sie dann über einen Aufruf der Stadt Böblingen im Amtsblatt. Es würden Weihnachtsbäume gesucht für die öffentlichen Plätze der Stadt. Mindestens acht Meter hoch sollten sie sein und gerade gewachsen. „Eigentlich achte ich nicht so auf die Mitteilungen vom Amt, doch da dachte ich, das wäre doch eine schöne Verwendung für Franks Baum“, sagt die 93-Jährige. Ihr Sohn sei doch immer so lebensfroh gewesen und mit dieser Entscheidung garantiert einverstanden. Ihre Tochter Susanne, die in Konstanz lebt, war es nach Rückfrage ebenfalls. Also fasste sich Helga Rathfelder ein Herz und rief auf dem Rathaus an. Sie stieß auf offene Ohren.

Rathaus zeigt gleich Interesse

Zweige des Baumes zieren geflochten zum Kranz das Grab des Sohnes.

„Vier Männer kamen vorbei, haben den Baum begutachtet und für gut befunden. Ihn zu fällen, hat eineinhalb Stunden gedauert“, sagt sie. Alte Bäume verpflanzt man nicht, sagt ein altes Sprichwort. Doch nach seiner Reise aus Jugoslawien vor 47 Jahren sollte Franks Baum noch einmal eine Reise antreten: auf den Böblinger Elbenplatz. „Wer weiß, was sonst mit ihm passiert wäre“, sagt Helga Rathfelder. Deshalb wollte sie ihm ein würdiges Ende bescheren. Vor dem Abtransport sicherte sie sich noch ein paar Zweige. Ein befreundeter Gärtner flocht für das Grab ihres Sohnes in Bad Wiessee daraus einen Kranz.

Wer Frank Rathfelders Baum dieser Tage stehen sieht, auf diesem vom Verkehr so umtosten Elbenplatz, könnte fast meinen, er habe vielleicht schon immer dort hinwollen: mitten ins Leben, prachtvoll erleuchtet und von majestätischer Gestalt.

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