Böblingens OB zu Stuttgart 21 Warum die Kappung der Gäubahn verhindert werden soll

Der Protest ist auch im Böblinger Bahnhof sichtbar. Foto: /Eibner-Pressefoto/Dimitri Drofitsch

In zwei Jahren soll die Gäubahn nur noch bis Vaihingen fahren. Die Amputation der Strecke bringt die Vertreter der Städte entlang der Trasse auf die Barrikaden. Böblingens OB Stefan Belz erklärt, wie der Kampf gegen diese Pläne aussieht.

Wenn Ende 2025 der neue Stuttgarter Hauptbahnhof in Betrieb gehen soll, dann hat das Auswirkungen auf die Gäubahn, die Stuttgart mit dem Bodensee verbindet. Da eine Gleisverbindung mit dem neuen Bahnhof nicht mehr funktioniert, wird der letzte Abschnitt, die sogenannte Panoramabahn, gekappt werden. Für die Züge auf der Gäubahn heißt die Endstation dann Vaihingen. Eine Anbindung an den Hauptbahnhof wird es erst wieder geben, wenn der Pfaffensteigtunnel zwischen Böblingen und dem Flughafen Stuttgart gebaut ist. Das wird wohl nicht vor Mitte der 2030er Jahre sein. Bei den betroffenen Städten entlang der Gäubahn treffen diese Pläne auf wenig Gegenliebe. Sie fordern, dass die Verbindung nach Stuttgart bis zum Bau des Tunnels erhalten bleibt. Einer der vehementsten Kritiker der Abtrennung ist der Böblinger Oberbürgermeister Stefan Belz (Grüne).

 

Herr Belz, warum ist die Kappung der Gäubahn ein Problem für Böblingen? Die meisten Schienennutzer fahren doch mit der S-Bahn statt mit dem Regionalexpress oder dem Intercity.

Böblingen ist eine starke Drehscheibe für den Schienenverkehr mit rund 40 000 Fahrgästen pro Tag. Hier verkehren zwei S-Bahnen und die Schönbuchbahn. Mit dem Regional-Express und dem Intercity, die hier ebenfalls halten, sind wir auch Teil der Gäubahn und des Fernverkehrs zwischen Stuttgart und Zürich. Wenn diese Linien zukünftig in Vaihingen enden, ist das nicht förderlich für die Attraktivität dieses Angebotes.

Was sind Ihre Befürchtungen?

Wenn die Gäubahn nicht mehr bis Stuttgart durchfährt, kann das einen Rückgang der Fahrgastzahlen zur Folge haben. Dies könnte auch dazu führen, dass die Bahn den Halt des Intercity in Böblingen streicht. Das wäre ein Qualitätsverlust im Schienenverkehr für die Stadt, den wir nicht hinnehmen werden. Deshalb muss die Anbindung der Gäubahn an den Stuttgarter Hauptbahnhof auch nach dem Start von Stuttgart 21 noch gewährleistet sein. Idealerweise bis der Pfaffensteigtunnel zum Flughafen gebaut ist.

Die Bahn argumentiert mit technischen Zwängen, die Stadt Stuttgart mit städtebaulichen Gründen gegen diese Forderung. Ist das für Sie nachvollziehbar?

Die vorgebrachten technischen Argumente müssen hinterfragt und nochmals überprüft werden. Die Bahn verwies im Faktencheck Ende November genau auf jene Gleise, die technisch am schwierigsten zu bewerkstelligen sind, um die Gäubahn für einen gewissen Zeitraum ab 2026 an den Hauptbahnhof angebunden zu lassen. Wir glauben, dass das auch einfacher machbar wäre. Dass die Stadt Stuttgart das frei werdende Rosenstein-Quartier rasch entwickeln möchte, ist nachvollziehbar. Hier stellt sich jedoch die Frage, ob damit an einer Stelle begonnen werden könnte, die es erlaubt, die beiden Gäubahngleise noch einige Jahre zu erhalten. All diese Dinge wollen wir Anrainer-Kommunen im Interessenverband Gäu-Neckar-Bodenseebahn nun durch ein Gutachten klären lassen. Dieses Gutachten soll den Faktencheck der Bahn zu diesem Thema nochmals überprüfen.

Kann ein Gutachten, das ein Interessenverband in Auftrag gibt, objektive Ergebnisse liefern?

Ja, auf jeden Fall. Das soll ja kein Gefälligkeitsgutachten werden, sondern eine objektive Begutachtung, um im Anschluss zu einer guten politischen Entscheidung zu kommen. Den Verband gibt es bereits seit knapp 70 Jahren und wir haben ein starkes Interesse an einem funktionierenden Betrieb der Gäubahn. Wir haben aber auch eine gewisse Skepsis gegenüber den Ergebnissen des Faktenchecks. Da ist einiges nicht zu Ende gedacht, deshalb wollen wir das nochmals überprüfen lassen. Im Übrigen können die ganzen Verzögerungen im Zuge von Stuttgart 21 und dem Bau des Pfaffensteigtunnels nicht alleine auf dem Rücken der Gäubahn lasten.

Was erwarten Sie von dem Gutachten?

Das Gutachten muss einen Preis nennen für eine weiterhin bestehende Anbindung der Gäubahn an den Stuttgarter Hauptbahnhof. Wir wollen wissen, welche technischen und städtebaulichen Kröten es hierfür zu schlucken gilt.

Hier der kleine Interessenverband, dort die mächtigen Akteure Bahn und Stadt Stuttgart. Haben die Gäubahn-Anrainer überhaupt eine Chance mit ihrem Anliegen?

Ja, denn die Bahn macht ein Angebot, das von der Politik und der Gesellschaft gefordert wird. Auch die Gäubahn ist ein Teil davon. Ebenso trägt die Landeshauptstadt Mitverantwortung für eine gelingende Mobilität und damit auch für den Bahnverkehr in Baden-Württemberg. Natürlich sind Stuttgart und die Bahn durch das Projekt Stuttgart 21 vertraglich aneinander gebunden. Aber die Bahn hat auch gegenüber uns Pflichten und muss alle Partner gleich behandeln. Da kann es nicht sein, dass wir ab 2025 bis zur Fertigstellung des Pfaffensteigtunnels Mitte der 2030er Jahre vom Stuttgarter Hauptbahnhof abgetrennt werden.

Der Verband strebt einen „Gäubahn-Frieden“ an. Wann ist der erreicht?

Wir streben eine hohe Qualität der Verbindungen auf der Gäubahn und gute Umsteigemöglichkeiten an. Unseren Protest gegen die Kappung haben wir 2019 erstmals artikuliert. Seither gibt es keinerlei Bewegung. Das sorgt dafür, dass wir uns nicht gehört fühlen. Das Land möchte bis zum Jahr 2030 die Fahrgastzahlen auf der Schiene verdoppeln. Mit einer Abbindung der Gäubahn kann dies nicht gelingen.

Würden die Anrainer dafür auch vor Gericht streiten?

Zunächst müsste das Eisenbahnbundesamt einer Entbindung der Strecke vom Bahnbetrieb zustimmen. Das ist bisher noch nicht geschehen. Den juristischen Weg behalten wir uns jedoch vor. Sinnvoll wäre es, und das ist auch mein Anliegen, eine politische Lösung zu finden, statt dass wir uns jahrelang juristisch verhaken.

Als Königsweg gilt mittlerweile die Verlängerung der S-Bahn bis Horb, die dann durch den Stuttgarter S-Bahn-Tunnel direkt mit dem Hauptbahnhof verbunden wäre.

Eine Verlängerung bis an den Bodensee wäre noch wesentlich eleganter. Eine Regio-S-Bahn bis nach Singen, das würde eine neue Ära bedeuten. Aber bis die ersten Regio-S-Bahnen fahren, reden wir von einem Zeitraum wahrscheinlich nicht vor dem Jahr 2028.

Wäre Böblingen bereit, sich an diesem Projekt finanziell zu beteiligen?

Zunächst muss geklärt werden, ob das finanziell und betrieblich überhaupt sinnvoll ist. Da müssen das Land und die Region den ersten Schritt machen, die Kommunen sind hier indirekt beteiligt, so auch Böblingen. Bahnverkehr ist immer eine Gemeinschaftsaufgabe.

Einsatz für die Schienenverbindung zwischen Stuttgart und der Schweiz

Interessenvertretung
Der Interessenverband Gäu-Neckar-Bodensee-Bahn ist ein Zusammenschluss von Institutionen aus Politik und Wirtschaft mit dem Ziel, das Verkehrsangebot auf der Gäubahn weiterzuentwickeln. Vorrangig geht es um den zweigleisigen Ausbau der Strecke.

Kappung Seit 2019 macht sich der Verband auch stark gegen die geplante Kappung der Gäubahn-Verbindung zwischen Stuttgart-Vaihingen und dem Stuttgarter Hauptbahnhof im Zuge von Stuttgart 21.

Geschichte
Der lose Zusammenschluss wurde 1954/55 von Gemeinden entlang der Strecke gegründet. Mittlerweile gehören auf deutscher Seite auch die Landkreise, Regionalverbände sowie Industrie- und Handelskammern zu den Mitgliedern, auf Schweizer Seite sind es Kommunen, Kantone und Verwaltungsstellen zwischen Schaffhausen und Zürich. Vorsitzender ist derzeit der Tuttlinger CDU-Landtagsabgeordnete und ehemalige Landesjustizminister Guido Wolf (CDU).

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