Böblinger Amtsgericht In der Spätschicht Autoteile abgezweigt

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Im Prozess geht es wohl nur um die Spitze des Eisbergs: Bei einem Logistikdienstleister in Böblingen wird offenbar regelmäßig Mercedes-Zubehör gestohlen. Bislang lässt sich nur ein Fall beweisen. Der 44-jährige Angeklagte ist zwar geständig – trägt aber nichts zur Aufklärung der Taten bei.

Dem bislang unbescholtenen Angeklagten konnte zwar nur ein Fall von Diebstahl nachgewiesen werden, aber er muss trotzdem ins Gefängnis. Foto: dpa/Peter Steffen
Dem bislang unbescholtenen Angeklagten konnte zwar nur ein Fall von Diebstahl nachgewiesen werden, aber er muss trotzdem ins Gefängnis. Foto: dpa/Peter Steffen

Böblingen - Wie in einem Selbstbedienungsladen scheinen sich Mitarbeiter eines Logistik- und Transportdienstleisters in Böblingen gefühlt zu haben: Nach den Erkenntnissen der Kriminalpolizei zweigten sie dort zwischengelagerte Autoteile „in Riesenstückzahlen“ ab, die für die Produktion in einem Sindelfinger Werk bestimmt waren. Aber nur einer der vielen Diebstähle konnte bisher aufgeklärt werden: Ein Schichtführer ist am Amtsgericht Böblingen verurteilt worden, weil er Klimakompressoren im Wert von 300 000 Euro in einen Lastwagen verladen ließ, um sie vermutlich an Händler und Werkstätten zu verkaufen. „Wir verhandeln hier nur die Spitze des Eisbergs“, stellte der Vorsitzende Richter fest.

Mehrmals im Monat Bute abtransportiert

Mindestens seit August 2017 soll ein bis zwei Mal im Monat ein Lastwagen mit gestohlenen Autoteilen von der Laderampe des Dienstleisters gefahren sein und ein Lieferwagen wöchentlich mit Diebesgut beladen worden sein, berichtet die mit dem Fall befasste Hauptkommissarin vor Gericht. Auspuffteile, Scheinwerfer und Rückleuchten, Steuergeräte, Navigationsgeräte und Katalysatoren sowie Start-Stopp-Automatikbauteile oder Rückfahrkameras verschwanden aus dem Lager. Mitarbeiter hätten die Vorfälle an die Geschäftsführung gemeldet, seien aber nicht durchgedrungen, und zeigten sie bei der Polizei an. Der angeklagte Schichtführer soll ihnen mit Abmahnung und Kündigung gedroht haben. Das Unternehmen konnte lange keine Auskunft über den Fehlbestand geben, weil möglicherweise die Logistiksoftware manipuliert worden war. Auch bei dem Automobilkonzern stieß sie bei ihren Recherchen auf wenig Resonanz. „Die Führungskräfte müssten von den Diebstählen wissen“, davon ist die Kommissarin jedoch überzeugt.

Vor Gericht räumte der 44-jährige Angeklagte die eine Tat ein und entschuldigte sich bei seinem Arbeitgeber. Mehr als 20 Jahre war er bei der Firma angestellt, er hat keine Vorstrafen. Die Polizei hatte einen Mitarbeiter von ihm auf einem Video identifiziert, in dem er mit einen Teil der Klimakompressoren zu sehen ist. Der wegen Beihilfe angeklagte Familienvater war gleich in der Vernehmung geständig und sagte aus, dass sein Vorgesetzter ihn beauftragt habe, die Paletten in den Lastwagen zu laden. Ein paar Tage Urlaub soll der 41-Jährige dafür bekommen haben, indem der Schichtführer für ihn abstempelte. Wegen Beihilfe ist er zu einer Bewährungsstrafe von neun Monaten verurteilt worden und muss 1500 Euro Strafe bezahlen. Angaben zur Tat machte der Familienvater vor Gericht ebenfalls nicht. Zur Verwunderung von Staatsanwaltschaft und Richter ist er nach wie vor bei dem Unternehmen beschäftigt.

Die Diebstähle gehen weiter

Sein Vorgesetzter hat seinen Job verloren und sitzt seit Juli in Untersuchungshaft. Dennoch gehen die Diebstähle weiter: Bei der Polizei ist kürzlich wieder eine Anzeige eingegangen. Pünktlich zum Prozess lieferte das geschädigte Unternehmen außerdem eine Liste der abhanden gekommenen Waren: Allein für das vorige Jahr umfasst sie 100 Positionen mit einem Verkaufswert von zusammen mehr als zehn Millionen Euro. Den Schaden hat im Prinzip der Logistiker, er haftet laut der Polizei allerdings nur für den um ein vielfach geringeren Einkaufswert für die Autoteile – in Höhe von 390 000 Euro.

Völlig unklar ist, wo die Beute verkauft wurde. Ein paar Teile tauchten auf der Internetplattform Ebay auf, der Verkäufer hatte sie auf einem Flohmarkt erstanden. Die Ermittlungen dazu laufen noch. Der Staatsanwalt räumte ein, dass „die Tragweite des Falls von Anfang an nicht erkannt“ und Durchsuchungen beispielsweise nicht genehmigt wurden. Weil der Angeklagte nichts zur Aufklärung beitragen wollte, muss er im Gefängnis bleiben: Zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilte ihn der Richter sowie zu einem Wertersatz von 300 000 Euro. „Das ist kein Kavaliersdelikt, sondern organisierte Kriminalität“, erklärte er.