Böblingen Seit 39 Jahren Nikolaus aus Liebe

Nikolaus Wolfgang Kimmig-Liebe auf dem Böblinger Weihnachtsmarkt:Pflichttermin in der Heimatstadt – dieses Jahr erstmals wieder auf dem Marktplatz Foto: Eibner/Sandy Dinkelacker

Ein Böblinger tourt unermüdlich als Nikolaus durch die Lande und folgt der Mission seines historischen Vorbilds. Dabei geht er vor allem dort hin, wo es am meisten wehtut.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Er kann und will es nicht lassen: Seit 39 Jahren schlüpft der gebürtige Böblinger Wolfgang Kimmig-Liebe vor Weihnachten in die Rolle seines Lebens: dem heiligen St. Nikolaus von Myra. Dabei scheint der gelernte Kfz-Mechaniker um diese Zeit immer mehr mit seinem Alter Ego zu verschmelzen. So ließ er sich vor einigen Jahren als ersten Vornamen noch den „Nikolaus“ voranstellen, der damit offiziell in seinem Personalausweis steht. Und nicht nur von weltlicher Seite ist das Nikolaus-Sein bestätigt, er sei von Papst Benedikt XVI. als Nachfolger des heiligen St. Nikolaus gesegnet, küsste in Rom sogar einst den päpstlichen Ring.

 

Als Reinkarnation des Wohltäters tourt Kimmig-Liebe seit Jahren durch die Welt und geht mit Vorliebe dort hin, wo besonders viel Trauer und Verzweiflung herrschen: Krisengebiete, Hospize, Krankenhäuser. In diesem Jahr etwa flog er nach Syrien, das nicht nur vom Krieg, sondern auch von einem schlimmen Erdbeben heimgesucht wurde. Im Nikolausgewand besucht er Helfer, spendet Trost. Einmal beobachtet er einen handfesten Streit unter zweien von ihnen. „Dann habe ich mich in die Mitte hingekniet und gebetet, bis sich alle beruhigt haben“, sagt er.

Herzliche Empfänge in der Türkei

Außerdem reiste er in diesem Jahr einmal mehr ins türkische Demre, wie das historische Myra heute heißt. Regelmäßig wird er dort herzlich von den Offiziellen empfangen. Der türkische Kulturminister habe ihn sogar persönlich am Flughafen abgeholt. In Demre spürt er den Wurzeln des leibhaftigen Nikolaus nach, dem zu Ehren dort die Nikolaus-Kirche steht. So richtig los geht es für ihn im November und Dezember. Dann wird das Nikolaus-Sein für den Rentner zum Vollzeitjob. Neben den täglichen Auftritten auf dem Böblinger Weihnachtsmarkt besuchte er in diesem Jahr Kindergärten in Böblingen und die Sommerhofenschule in Sindelfingen. Doch das ist bei Weitem nicht alles.

Um den Nikolaustag drängen sich die Termine dann im Stundentakt: Am Montag war er bereits auf dem Weihnachtsmarkt in Aachen zu Besuch. Dort hat die Firma Lambertz ihren Sitz, in deren Auftrag er als „Lambertz-Nikolaus“ seit Jahren unterwegs ist. Deren Geschäftsführer Hermann Bühlbecker nimmt ihn im Anschluss vollends in Beschlag: Traditionell besucht er die Produktion der Firma und den Werksverkauf am Tag vor Nikolaus. Dies ist die kommerzielle Seite seiner Tätigkeit: Werbefigur für die gute Sache zu sein. Doch sie macht nur einen kleinen Teil seiner Mission aus, im Kern geht es Kimmig-Liebe um die Menschen.

In den Diensten von Lambertz

Am Nikolaustag selbst kehrt er wieder auf den Aachener Weihnachtsmarkt zurück, regelmäßig begleitet von einem Fernsehteam des Senders RTL. Am 7. Dezember zieht er nach Köln weiter, wo er das Seniorenzentrum Residenz am Dom besucht. Über Auftritte auf Weihnachtsmärkten in Köln geht es Mitte Dezember wieder Richtung Heimat nach Stuttgart, es stehen abermals Kindergärten auf dem Programm, gegen Jahresende dann das Böblinger Krankenhaus, in dem er durch die Stationen zieht. Erst kurz vor Weihnachten, am 21. Dezember, legt er in der Kirche seiner Heimatstadt sein Gewand ab.

Woher nimmt der 69-Jährige die Kraft zu all dem? Es seien die vielen positiven Erfahrungen, die Kimmig-Liebe mache, wenn er als Nikolaus unter den Menschen sei. Als er in der vergangenen Woche über den Böblinger Weihnachtsmarkt schreitet, scharen sich sofort die Kinder um ihn. Manche zeigen Ehrfurcht vor dem Hünen mit weißem Rauschebart, manche umarmen ihn einfach. „Das gibt mir die Kraft weiterzumachen“, sagt Kimmig-Liebe. Selbst sagt er von sich, keine leichte Kindheit in Böblingen gehabt zu haben, als eines von sieben Kindern, die seine Mutter von sieben verschiedenen Vätern hatte.

Bei all dem Engagement für die gute Sache steckt unter dem Nikolausmantel einer, der selbst manches zu verdauen hat. „Es war mir ein Bedürfnis, in meinem letzten Lebensdrittel meine eigenen Wurzeln zu erkunden“, sagt er. Nachdem seine Mutter vor Jahren verstorben ist, trieb ihn die Suche nach dem eigenen Vater mehr und mehr um. „Ich habe ihn nie gekannt. Er hat mich zwar als Kleinkind mal auf dem Arm gehabt, ist aber dann wieder zurück in die USA gegangen.“ Der Grund: Wolfgang Kimmig-Liebes Vater war als junger Soldat Anfang der 1950er-Jahre in Böblingen stationiert.

Suche nach Vater führt in die USA

Als er vor vier Jahren, schon selbst Großvater, den Entschluss fasste, seinen Vorfahr aufzuspüren, kam dabei das Fernsehen zur Hilfe. Für den SWR sucht „Die Aufspürerin“ Susanne Panter nach lange vermissten Familienangehörigen. „Mit ihr gemeinsam habe ich 2019 die USA durchkreuzt auf der Suche nach meinem Vater, der George Patrick hieß.“ Mit letzter Sicherheit aufgespürt haben sie seinen Vater nicht. Die heißeste Spur führte sie nach Connecticut.

In einem Reifenhandel meinte Kimmig-Liebe zwei seiner Halbbrüder erkannt zu haben, sie vergleichen Fotos. Die Ähnlichkeit verblüfft. Doch einen DNA-Test, der letzte Sicherheit hätte bringen können, lehnt die amerikanische Familie ab. Die Spurensuche führte Kimmig-Liebe nicht ganz ans Ziel – aber fast. Immerhin. Davon entmutigen ließ er sich nicht.

Ende Dezember heißt es: Durchschnaufen

Viel stärker ist für ihn ohnehin der Drang, es seinem historischen Vorbild gleichzutun. Erst wenn er vor Weihnachten den Nikolaus abgelegt hat, „ist er wieder der Wolfgang“, sagt er selbst. Dann heißt es: durchschnaufen. Seine Zeit verbringt er dann mit Vorliebe mit den eigenen Kindern und Enkeln. „Aber nur bis zum nächsten Dezember“, sagt er. Ans Aufhören denkt der 69-Jährige noch lange nicht. So er sich noch bei guter Gesundheit befinde und der liebe Gott es zulasse, sei er ein „Friedensbringer.“ Außerdem wird er im kommenden Jahr 40 Jahre lang als Nikolaus unterwegs sein. Ein Meilenstein, den er sich nicht nehmen lassen wird.

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