Böblinger Hotels in der Corona-Krise Für manche Touristen eine gute Gelegenheit

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In den Hotels im Kreis Böblingen herrscht vorwiegend Leere, weil die Geschäftsreisenden noch im Homeoffice arbeiten. Für die Betriebe ist es eine Katastrophe. Immerhin, ein paar Gäste sind trotz der Coronakrise schon angereist – um Urlaub zu machen.

Mussten mal rauskommen: Peter und Simone Wimmer aus Bayern Foto: StZ
Mussten mal rauskommen: Peter und Simone Wimmer aus Bayern Foto: StZ

Böblingen - Simone Wimmer wäre zwar lieber an den Gardasee gefahren. Aber dann hat sie ihrem Mann zuliebe doch Böblingen gebucht. Er wollte schon lange die Motorworld und das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart besuchen. „Mir war es wichtig, mal rauszukommen“, sagt die Kurzurlauberin. Das Ehepaar gehört zu den wenigen Gäste, die momentan im V 8-Hotel nächtigen. Für dessen Direktor Simeon Schad ist das Coronavirus verheerend. Er macht nur einen Bruchteil seines üblichen Umsatzes, musste mehr als der Hälfte seiner Mitarbeiter kündigen – und hofft auf bessere Zeiten, wie sicher alle seine Kollegen im Kreis Böblingen. „Es gibt eine ganz leichte Tendenz nach oben“, sagt er über seine ersten Gäste.

Auch ein Vorteil: Man muss sich nicht anstellen

Simone und Peter Wimmer sind genau die Kunden, auf die die Branche angewiesen ist. Sie waren während ihres Städtetrips viel unterwegs und oft essen. „Was soll da passieren?“, fragt Simone Wimmer, „man muss die Betriebe doch unterstützen.“ Im Urlaub eine Maske zu tragen, stört sie nicht, das wäre zu Hause schließlich ebenfalls Pflicht. Sie halten sich an die üblichen Regeln. Wenn sich viele Menschen auf engem Raum befänden, dann sei es gefährlich. Aber in Corona-Zeiten ist gerade das Gegenteil der Fall: Die Wimmers müssen nirgendwo anstehen. „So leer wird es vermutlich nie wieder sein“, sagt sie.

Was für Touristen ein Vorteil ist, bedeutet für Simeon Schad viel Arbeit. Zwei bis drei Mal in der Woche muss er beispielsweise in alle 187 Räumen die Wasserhähne öffnen, wenn keine Gäste da sind, die dies erledigen. Der Rundgang dauert stundenlang. Aus voller Fahrt sei sein Unternehmen durch das Coronavirus Mitte März ausgebremst worden. Unter der Woche waren seither höchstens zwei bis fünf Zimmer belegt. Im April und im Mai hat er nur drei Prozent des normalen Umsatzes gemacht, für den Juni rechnet er mit acht Prozent. Von seinen 70 Mitarbeitern musste er 40 entlassen, der Rest ist in Kurzarbeit. „Es ist eine Riesenherausforderung“, sagt er. Bei monatlichen Kosten von 300 000 Euro verpufften die Regierungshilfen schnell.

Das Gourmetrestaurant ist ausgebucht

Im Herrenberger Hotel Römerhof läuft ohne Geschäftsreisende und Veranstaltungen so gut wie nichts. Die Auslastung liegt dank einiger Montagearbeiter höchstens bei einem Fünftel. „Am Wochenende ist absolute Flaute, weil alle Hochzeiten abgesagt sind“, berichtet der Mitarbeiter Ramalhosa Paulo. Dafür ist das hauseigene Gourmetrestaurant Nova ein Lichtblick: Erst im März wurde es mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet, seit der Wiedereröffnung sind die Plätze an den vier Tischen fast jeden Abend ausgebucht.

„Bis der Geschäftsbetrieb in den für uns relevanten Branchen wieder angelaufen ist, wird es noch sehr lange dauern“, vermutet Heiko Bader, der Chef des Amber-Hotels in Leonberg. Die Unternehmen hätten festgestellt, dass Telefon- und Videokonferenzen auch ganz gut funktionierten. Und mit der Absage von Großveranstaltungen wie dem Volksfest fehlen ihm zudem die wenigen Touristen.

Kein Problem damit, in Urlaub zu fahren

Manfred Martin hat die Gelegenheit genutzt, um ein Geschenk einzulösen: Seine Frau hat ihm einen Aufenthalt im V 8 Hotel geschenkt – im Route 66-Themenzimmer, weil er die Straße einst mit dem Motorrad gefahren ist. „Ich habe kein Problem damit, irgendwo hinzufahren“, sagt der Dachdeckermeister aus Reinheim bei Darmstadt. Zumal das Reisen im Moment gar nicht so unangenehm sei, weil man viel mehr Platz habe. Das Mercedes-Benz-Museum und die Wilhelma stehen auf ihrem Plan, in einem schwäbischen Lokal haben die Martins Freunde aus Esslingen getroffen. „Wir genießen es“, sagt seine Frau Susanne.

Nach Mallorca oder Kuba wäre das sonst reisefreudige Paar dieses Jahr nicht gefahren, im Sommer geht es wie seit 50 Jahren an die Nordsee. Von der Corona-Krise haben die beiden wenig mitbekommen: Er hat mit seinem Betrieb durch den Lockdown gearbeitet, sie war als Physiotherapeutin ebenfalls beschäftigt. „Aber mir tut es sehr leid für die Unternehmer“, sagt Susanne Martin angesichts der Leere im V 8 Hotel, „das ist schon grenzwertig.“

Ende des Aufwärtstrends

Hoch
: Seit 2010 steigen die Gäste- und Übernachtungszahlen in den Beherbergungsbetrieben in Baden-Württemberg kontinuierlich an, meldete das Statistische Landesamt im Februar. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete die Tourismusbranche im Land erneut ein Rekordergebnis. Die Zahl der Übernachtungen erreichte 2019 die Marke von 57,2 Millionen, 4,2 Prozent mehr als 2018. Im Kreis Böblingen ist die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um fast zwei Prozent gestiegen. Viele neue Hotels wurden in der Region Stuttgart gebaut, zuletzt wurde in Sindelfingen das Holiday Inn Express eröffnet. Neben dem Möbelhaus Ikea ist dort noch ein Neubau mit 210 Betten geplant.

Tief
: Für ersten drei Monate dieses Jahres hat das Statistische Landesamt für die Branche „einen massiven Einbruch von bisher nicht dagewesener Wucht“ verzeichnet. Im Januar und im Februar waren es noch 3,3 Prozent beziehungsweise 6,9 Prozent mehr Übernachtungen als 2019, im März gingen sie um mehr als die Hälfte zurück – und Mitte März begann der Lockdown in Deutschland.




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