Böblinger Kulturpreisträger Friedrich Gumbsch: Sein Geschichtsbuch sind die Äcker
Es gibt niemanden, der die Frühgeschichte Böblingens besser erforscht hätte als Friedrich Gumbsch. Dafür hat er jetzt den Kulturpreis der Stadt Böblingen erhalten.
Es gibt niemanden, der die Frühgeschichte Böblingens besser erforscht hätte als Friedrich Gumbsch. Dafür hat er jetzt den Kulturpreis der Stadt Böblingen erhalten.
Sie sind rund 3000 Jahre gewandert: Sie kamen aus Anatolien und aus dem Halbmond des vorderen Orients, sie brachten Ackerbau, Viehzucht, Hausbau und die Töpferei nach Europa. Um 5800 vor Christus sind die Linearbandkeramiker in Ungarn, dann folgen sie der Donau, überschreiten die Schwäbische Alb, ziehen durch das Aichtal, besiedeln die fruchtbaren Ebenen rund um Böblingen und wandern weiter gen Westen. Um 5300 sind sie in den Niederlanden und im Pariser Becken nachweisbar.
Und überall, wo die steinzeitlichen Bauern siedelten, hinterließen sie Spuren, die für geübte Augen überall sichtbar sind. Friedrich Gumbsch hat diese Augen, suchende Augen, in einem Körper der 96 Jahre alt ist. Mit diesen Augen hat er das Tor zur Frühgeschichte des Kreises Böblingen weit aufgestoßen, 5000 Funde hat er seit 1960 angesammelt: Schaber, Pfeilspitzen, Projektile, Feuersteinknollen, Wandbewurf der steinzeitlichen Langhäuser. Für dieses Engagement hat ihn die Stadt Böblingen im Juli mit dem Kulturpreis bedacht und dazu noch mit einer Zeichnung von Fritz Steisslinger beschenkt. Das war der wissenschaftliche Höhepunkt eines Lebens, das in einem anderen Jahrhundert in einem anderen Land begann.
Er ist heute fast verklungen, der freundliche Akzent der Südböhmen, aber Friedrich Gumbsch spricht ihn noch. Er war etwa zehn Jahre, als ein Verwandter, der akademische Kunstmaler und Gymnasiallehrer Johannes Wagner, nach Diebling bei Budweis kam. Er hatte ein Auto, eine Sensation im Jahr 1938 – neugierig sprang der Junge darum herum. Was er denn werden wolle, hatte der Maler gefragt, Bauingenieur hatte der Bub geantwortet, doch sein Vater, ein Invalide aus dem Ersten Weltkrieg, hatte nur gelacht: „Das, Bub, können wir uns nicht leisten.“
Doch der akademische Kunstmaler besorgte einen Platz im Gymnasium in Waidhofen an der Thaya und auch einen Platz im dazugehörigen Internat. Der Bub hätte es zum Abitur dort schaffen können – wenn nicht der Krieg gekommen wäre und er 1945 nach Wien zur Infanterieausbildung hätte reisen müssen. Er überstand schwerstkrank ohne Narkose eine Operation im Otakringer Hospital, kehrte halbtot wieder in die Heimat zurück, und dann, nachdem die Familie noch mit den Tschechen den Sieg der Alliierten gefeiert hatte, wurde er zusammen mit allen anderen Deutsch-Österreichern vertrieben. „Wir haben früher friedlich zusammengelebt, wir können das auch wieder tun“, hatte der neue tschechische Bürgermeister von Diebling noch gesagt, freilich die Partisanen sahen das anders. Eine kaputte Uhr, die ihm der Vater fürs Gymnasium einst geschenkt hatte, war beinahe das Einzige, das er mitnehmen konnte.
Friedrich Gumbsch spricht oft vom Glück, das er im Leben gehabt hat. Er lacht viel, wenn er über die Kriegswirren spricht, versucht das Glück im Unglück zu sehen. Er hat jede Hürde seines Lebens mit Humor genommen und mit drei, eigentlich vier böhmisch-deutschen Worten: „Probier mer’s mol“. Es war ein Glück, sagt er, dass sein Bruder bei der Vertreibung noch an einer Kriegsverletzung litt, so durften sie einen Handwagen mitnehmen – und konnten mehr Koffer transportieren als andere, bettelarm waren die Flüchtlinge aber doch. Sie mussten nach Österreich marschieren, dort im Grenzort Eisgarn im Waldviertel lebten sie in einer Gartenlaube, und er, als 16-jähriger Junge, arbeitete auf einem Bauernhof. Es war ein Glück, sagt er, als zwei Russen auf den Hof kamen und Essen verlangten. „Sie wollten eine Uhr haben, aber es gab bei uns nichts mehr zu stehlen.“ Auch alle anderen Uhren in der Gemeinde waren längst an die Besatzer gegangen. Friedrich zog die kaputte Uhr aus seinem Strohsack und verkaufte sie den Russen für 5700 Reichsmark, die sie wohl auch irgendwo gestohlen hatten, und damit konnte er die Familie ernähren, als sie von Österreich weiter vertrieben wurden in die junge Bundesrepublik und die Gegend um Geislingen an der Steige.
Er schaffte es auf das Helfenstein-Gymnasium und der dortige Rektor, selbst ein Archäologe, spannte ihn bei seinen Forschungen ein. Gumbsch lernte die Augen zu öffnen. „Auf den Wiesen findet man nichts“, sagt er, „nur auf den Äckern“. Der Acker muss frisch gepflügt worden sein, der Frost sollte die Schollen gebrochen haben, und wenn es dann ein bisschen regnet und die oberste Krume abgewaschen ist, dann kommen sie zum Vorschein: Die Steinbeile und Schaber und mehr, die er nur aufzulesen brauchte.
Natürlich gab es Jahre, in denen er anderes zu tun hatte, als sich der Archäologie zu widmen. Als ihm das Geld für das Helfenstein-Gymnasium ausging, bewarb er sich bei der Post – probier mer’s mol – wurde Inspektor, bildete sich – probier mer’s mol – im Abendgymnasium in Göppingen Richtung Kaufmann aus, schaffte als einziger Proband die Prüfung, fand, dass die Post zu schlecht zahlte und stieg – probier mer’s mol – in den höheren Dienst auf. Er arbeitete in Stuttgart, wohnte in Böblingen, heiratete, zog mit seiner Frau Elfriede drei Söhne groß und öffnete nebenher dieses Fenster in die Frühgeschichte, mit dem Rüstzeug, das er erst von seinem Rektor, dann von den Mitarbeitern des Landesdenkmalamtes und schließlich an der Universität Tübingen gelernt hatte.
Auf dem Tisch in seinem Wohnzimmer liegen jetzt die 30 besten Funde. An den Steinbeilen kann man spiegelglatte Bohrungen sehen. Wo der Radius dicker ist, wurde der Bohrer angesetzt, dort wo der Radius dünner ist, trat der Bohrer wieder aus. Die Linearbandkeramiker müssen Wochen für ein Steinbeil gebraucht haben, den Bohrer immer mit der Hand hin und her bewegend. Jetzt hält er einen sogenannten Schusterleistenkeil hoch. „Das hab ich für den Wetzstein einer Sense gehalten“, sagt er lachend, bis ihn die Forscher der Uni Tübingen darüber aufklären, dass es die Klinge eines Steinbeils war.
Er ließ sich von den Spezialisten belehren und wurde darüber selbst ein Spezialist. Im Jahr 1990 war es dann soweit, er organisierte die erste große Ausstellung seiner Schätze in Böblingen. Ein Katalog unter dem Titel „Spuren der Steinzeit in Böblingen“ wurde bei der Wilhelm Schlechtschen Druckerei aufgelegt: Detailliert fasst Gumbsch darin die Geschichte seiner Funde zusammen.
Mit diesen Verdiensten blieb Gumbsch immer auf dem Radar der Stadtverwaltung, bis in diesem Frühjahr die Zeit reif war, dem nunmehr 96-Jährigen im Haus der Familie in Böblingen den Kulturpreis der Stadt zu verleihen. Das dünne DIN-A-4 Blatt der Urkunde bewahrt er in einem Ordner auf, die Zeichnung von Fritz Steisslinger hängt an der Wand, zwei Bücher stehen jetzt im Regal. Im kommenden Herbst will er wieder eine Ausstellung kuratieren und dann wird sich für ihn die Frage stellen, was mit den Funden einmal geschehen soll. Friedrich Gumbsch möchte, dass sie in Böblingen bleiben, in der Stadt, in der er sie aus der Erde geborgen hat. Dazu müsste ein städtisches Museum oder das Stadtarchiv die Funde aufnehmen. Er hat noch keine Zusage, aber es probieren, das wird er auf alle Fälle einmal.
Linearbandkeramiker
Die Kultur der Bandkeramiker in der Jungsteinzeit ist definiert durch Tongefäße, die mit bandförmigen Mustern verziert sind. Diese Kultur erfand Ackerbau und Viehzucht und steht am Beginn der Sesshaftwerdung des Menschen.
Jungsteinzeit
Das Neolithikum begann in Mitteleuropa etwa um 5500 vor Christus und wurde etwa gegen 2500 vor Christus durch die neue Epoche der Bronzezeit abgelöst.