Böblinger Landrat Roland Bernhard Mit Vollgas in die dritte Amtszeit
Alter Landrat rostet nicht: Roland Bernhard (67) steht vor seiner dritten Amtszeit in Böblingen. Von Ermüdung fehlt beim Kreis-Chef jede Spur.
Alter Landrat rostet nicht: Roland Bernhard (67) steht vor seiner dritten Amtszeit in Böblingen. Von Ermüdung fehlt beim Kreis-Chef jede Spur.
Am 24. Juli stellt sich Roland Bernhard ein drittes und letztes Mal als Landrat zur Wahl – und zählt dann schon 67 Lenze. Doch von Ermüdungserscheinungen ist beim Kreischef nichts zu bemerken. Im Gegenteil: Der parteilose Politiker sprüht vor Tatendrang. Viele Großprojekte hat er im Laufe seiner ersten beiden Amtszeiten angestoßen, in seiner dritten will er sie über die Ziellinie bringen. Doch bis dahin warten noch hohe Hürden.
Klinik-Defizit
Die mit Abstand größte Baustelle im Kreis Böblingen ist – auch im übertragenen Sinn – der Gesundheitssektor. Ganze 55 Millionen Euro Defizit im Klinikverbund Südwest standen Ende 2023 in der Bilanz. Auf Dauer viel zu viel für die Kreise Böblingen und Calw, die den Verbund tragen. Mit einer „Troika“ an Maßnahmen kämpfen sie dagegen an. Bernhard: „Das langfristig angelegte Ergebnisverbesserungsprogramm ist ein wichtiger Baustein, um das Klinikdefizit nachhaltig zu senken. Unsere Betriebskosten wären sonst noch steiler angestiegen.“ Durch den Verzicht auf teure Leasingkräfte sei schon eine erste Eindämmung geschafft worden. Mit „einem ganzen Strauß an Verbesserungsmaßnahmen“ versuche man, das Ergebnis zu verbessern. Jährlich sollen zehn Millionen Euro eingespart werden bis 2027. Das sei kein Zuckerschlecken und Bernhard wünscht sich, dass beide Kreistage den jetzt eingeschlagenen Weg konsequent weiter verfolgen.
Neue Flugfeldklinik
Sie ist das Kernstück des neuen Medizinkonzepts im Klinikverbund, das eine stärkere Konzentration von Leistungen an den Häusern vorsieht bei gleichzeitiger Spezialisierung. Nicht zur Freude der Standorte, die Stationen verlieren, etwa die Geburtshilfe in Herrenberg. Wie steht es um die Kosten bei der neuen Großklinik? „Wir haben Investitionskosten in Höhe von 750 Millionen, die aber komplett finanziert sind“, sagt Bernhard. „Und wir werden alles dafür tun, den Kostenplan einzuhalten.“ Als im Herbst 2023 die neuerliche Kostensteigerung von 621 auf besagte 750 Millionen im Kreistag präsentiert wurde, steckte darin bereits eine Reserve von 60 Millionen für zu erwartende Baupreissteigerungen. Jetzt räumt Bernhard ein: „Die werden wir angesichts der schwierigen Marktlage voraussichtlich auch brauchen.“ Derzeitiger Knackpunkt ist die Planung der Technischen Gebäudeausstattung, die wider Erwarten noch nicht fertiggestellt ist. Solange dies nicht der Fall ist, können diese Arbeiten nicht an die Baufirmen vergeben werden – ergo fällt eine feinere Kalkulation schwer.
Tauziehen um Böblinger Klinikareal
Eine Gegenfinanzierung der enormen Kosten soll der Verkauf des Krankenhaus-Areals in Böblingen bringen. Bernhard hat den klaren Auftrag des Kreistags, das Areal im Laufe dieses Jahres zum „bestmöglichen“ Preis zu veräußern und darüber mit der Stadt Böblingen zu verhandeln. Das Land Baden-Württemberg hat jüngst sein Interesse an dem Filetstück noch einmal bekräftigt und wäre wohl bereit, 52 Millionen Euro zu bezahlen. Doch Bernhard sagt: „Wir verhandeln innerhalb der kommunalen Familie.“ Er hat die Stadt gebeten, ein konkretes Angebot vorzulegen. „Dieses liegt seit einigen Tagen auf dem Tisch.“ Wie in Verhandlungen üblich, nennt er dessen Höhe nicht, sagt aber: „Die beiden Angebote liegen noch sehr weit auseinander.“ Zum Zwecke der Nachverhandlung hat er die Stadt gebeten, das Angebot nachzubessern. Die nächste Verhandlungsrunde mit Kreiskämmerer Björn Hinck und den beiden Böblinger Bürgermeistern Stefan Belz und Tobias Heizmann im Landratsamt ist anberaumt. Das Ergebnis der Verhandlungen soll dem Kreistag im Herbst vorgelegt werden.
Bremsspuren bei der Schönbuchbahn
Bernhards zweites Großprojekt ist der zweigleisige Ausbau und die Elektrifizierung der Schönbuchbahn, um wegzukommen von den Diesel-Loks des Regio-Shuttle. Ursprünglich sollten die neuen E-Züge aus Saragossa schon 2020 rollen. Doch erst gab es Probleme mit falsch dimensionierten Oberleitungsmasten, dann verweigerte das Eisenbahnbundesamt die Zulassung der Bremsen des neuen Modells „Nexio“: diese packten zu stark zu und Fahrgäste könnten stürzen. Nachdem dies gelöst schien und man den 9. Juni 2024 für die Jungfernfahrt ausgab, machte die Software Probleme mit falschen Fehlermeldungen auf der Strecke. Der spanische Hersteller CAF muss nun abermals nachbessern und hofft auf eine Inbetriebnahme am 15. Dezember dieses Jahres. Bernhard: „Wir hätten uns hier alle einen besseren Verlauf gewünscht. Dass sich die Zulassung der Bremsen so verzögert, treibt mir die Zornesröte ins Gesicht.“ Er sichert zu, bei diesem Projekt mittlerweile „auf enge Manndeckung“ zu spielen und alle Beteiligten immer wieder zur Einhaltung dieses Termins zu ermahnen. Doch „bei allem Ärger überwiegt mittlerweile die Vorfreude“, sagt der selbst ernannte Berufsoptimist, der eher ein Freund des Gaspedals sei als des Bremspedals.
Keine neuen Großprojekte
In Anbetracht der immensen Baustellen wagt Roland Bernhard nicht, neue Großprojekte für seine dritte und letzte Amtszeit in Aussicht zu stellen: „Der Schwerpunkt liegt absolut auf der Vollendung der laufenden Großprojekte; da haben wir noch genug zu tun. Ganz bewusst habe ich keine neuen Großprojekte vor.“ Dies wolle er mit Verve angehen. Außerdem müsse der Landkreis seinen höchst angespannten, expansiven Haushalt konsolidieren. Verwaltung und Kreistag stünden schwere Zeiten bevor. Bernhard kündigt an, freiwillige und Pflicht-Leistungen auf den Prüfstand zu stellen: „Wir werden da alles umdrehen müssen.“ Sein Blick richtet sich außerdem auf interne Prozesse, die er beschleunigen und digitaler machen will. Weitere Hausaufgaben warteten im Katastrophen- und Bevölkerungsschutz, den man in der Vergangenheit etwas vernachlässigt habe. Außerdem sei ihm der Zusammenhalt in der Gesellschaft ein Herzensanliegen, „das auch nicht gleich Geld kostet.“ Die Zersplitterung – auch politisch – bereite ihm Sorgen. „Das bürgerschaftliche Engagement im Kreis Böblingen müssen wir unbedingt stärken.“
Privatmann Bernhard
In seiner knapp bemessenen Freizeit sei er ganz Familienmensch, sagt der Vater von sechs Kindern und Großvater von fünf Enkeln zwischen zwei und sechs Jahren: „Meine Frau weiß, dass ich sie, aber auch meine Arbeit liebe“, sagt er und ist sich des Rückhalts seiner Familie für die dritte Amtszeit sicher. Wenn es der Kalender erlaubt, steigt er mit Leidenschaft aufs Rad: „In der knappen Freizeit radle ich gerne mit meiner Frau oder den Kindern mit dem E-Bike. Mindestens einmal pro Woche versuche ich, auf dem Mountainbike das Hemd nass zu schwitzen.“ Dann macht er die Wälder um seinen Wohnort Horb-Bildechingen unsicher.
Keine volle dritte Amtszeit
Auch wenn Bernhard wohl gerne noch mal volle acht Jahre den Dampfer Landratsamt durch die Fährnisse des Alltags steuern würde: Das Gesetz schiebt dem einen Riegel vor. Am Ende des Monats seines 73. Geburtstags ist endgültig Schluss für ihn, ein Landrat in Baden-Württemberg muss sein Amt mit 73 abgeben. Das wäre am 30. Januar 2030 so weit. Schon jetzt lässt sich ausrechnen, dass die nächsten Kreistagswahlen im Juni oder Juli 2029 anstehen, was zeitlich in etwa mit dem altersbedingten Ende von Bernhards Amtszeit zusammenfiele. Auf kommunaler Ebene wird in aller Regel einvernehmlich versucht, die Neuwahl der Bürgervertreter und die Suche nach einem neuen Landrat zeitlich voneinander zu entzerren.
Geboren
wurde Roland Bernhard am 20. Januar 1957 in Tübingen. Er ist verheiratet und hat sechs Kinder.
Gewählt
zum Landrat des Kreises Böblingen wurde Bernhard erstmals im Jahr 2008. Die jüngste Wahl fand am 18. Juli 2016 statt. Roland Bernhard wurde mit 70 von 80 Stimmen wiedergewählt. Seine Amtszeit dauert bis zum Jahr 2024.
Vorherige Stationen
waren nach dem Studium der Rechtswissenschaft in Tübingen die Position des Leiters des Rechtsamtes und Kreissozialamtes im Landratsamt Böblingen.
Im Innenministerium
war Roland Bernhard Referent für Staatsangehörigkeitsrecht, Aufnahme von Spätaussiedlern, Ausländer- und Asylrecht.
Im Landratsamt Calw
war Bernhard danach Erster Landesbeamter und Leiter des Fachbereichs 1 mit den Abteilungen Controlling, Personal und Organisation, Finanzen, Nahverkehr und Strukturförderung, Gebäude und EDV im Landratsamt Calw.