Wolfgang Kimmig-Liebe ist am 6. Dezember ganz der Niklaus. Foto: Eibner-Pressefoto
Neben dem Prinzip Hoffnung setzt sich der selbst ernannte Böblinger Nikolaus Wolfgang Kimmig-Liebe auch für Menschen ein, für die am Ende des Lebens oft die Hoffnung schwindet: als Sterbebegleiter in Hospizen.
Den Pressetermin muss Wolfgang Kimmig-Liebe zweimal verschieben. „Jetzt bin ich zu müde und muss einfach nur schlafen“, spricht er entkräftet auf den Anrufbeantworter. Es sei ihm gegönnt: In der Nacht zuvor hat er einen Hospizbewohner in Weissach im Tal auf seinem letzten Weg begleitet. „Er hat so gekämpft, bis er endlich loslassen konnte“, sagt er. Kimmig-Liebe harrte aus bis zum Schluss, wich nicht zurück. Der selbst ernannte Nikolaus schlüpft seit genau 40 Jahren in die Rolle des Friedensstifters. Ermüdungserscheinungen? So gut wie keine.
Der 69-Jährige zeigt wie in den Vorjahren eine enorme Ausdauer, wenn es darum geht, anderen Menschen Gutes zu tun. Die Zeit von Anfang November bis Weihnachten ist Nikolaus-Hochsaison. Und Kimmig-Liebe schont sich nicht dabei: Er geht mit Vorliebe dorthin, wo es besonders weh tut, das Leid am größten ist. Warum? „Überall ist Chaos auf der Welt und je weniger wir dagegen tun, desto schlimmer wird es doch“, sagt er. „Das Tun ist mir wichtig: nicht nur mit Härte, sondern auch mit Liebe.“
Um den Nikolaustag drängen sich die Termine im Stundentakt: Dieser Tage war er bereits auf dem Weihnachtsmarkt in Köln zu Besuch. In Aachen hat die Firma Lambertz ihren Sitz, in deren Auftrag er als „Lambertz-Nikolaus“ seit Jahren unterwegs ist. Deren Geschäftsführer Hermann Bühlbecker nimmt ihn im Anschluss vollends in Beschlag: Traditionell besucht er die Produktion der Firma und den Werksverkauf am Tag vor Nikolaus. Dies ist die kommerzielle Seite seiner Tätigkeit: Werbefigur für die gute Sache zu sein. Doch sie macht nur einen kleinen Teil seiner Mission aus, im Kern geht es Kimmig-Liebe immer um menschliche Kontakte. Darum auch die Hospizarbeit.
Eine Ausbildung als Sterbebegleiter hat Kimmig-Liebe keine bekommen, sieht sich stattdessen als Naturtalent. „Eine Ausbildung kann helfen, doch man kann auch damit nicht wegkommen von dem Schmerz, den der Mensch fühlt“, sagt er. Die Aufgabe in den Hospizen sei eine höchst-sensible. Manch einer der Bewohner lasse ihn auch nicht ohne Weiteres an sich heran. „Doch dann merken sie, dass ich es ernst meine und lassen es doch zu.“ Den Sterbenden sei er dann in den letzten Stunden nah, ganz nah.
„Das ist kein Zuckerschlecken“, sagt er. Für ihn bestätige sich da das Sprichwort, nach dem ein Mensch so sterbe, wie er gelebt habe. Kimmig-Liebe: „Manche klammern sich ans Leben, obwohl es keine Hoffnung mehr gibt.“ Ihnen versuche er Mut zuzusprechen, trotz allem Wärme zu geben, damit die Sterbenden „über die Brücke ins Licht“ gehen könnten. Eine Mission, die für ihn viel mit dem christlichen Bild des Jenseits zu tun hat. Ist es geschafft, muss der Nikolaus selbst Kraft schöpfen, das Erlebte verarbeiten, schlafen.
Bad in der Weihnachtsmenge
An den Tagen um Nikolaus stürzt sich der gebürtige Böblinger dann aber nach Herzenslust ins Leben. Auf dem Böblinger Weihnachtsmarkt am vergangenen Wochenende genoss er einmal mehr das Bad in der Menge. In Köln und Aachen ebenso. Am Nikolaustag geht er außerdem in den Kölner Kindergarten Kullen mit rund 100 Kindern. Nach diesem Höhepunkt des Jahres kehrt der Hüne wieder zurück in heimische Gefilde. Am 11. Dezember besucht er gemeinsam mit dem Böblinger CDU-Abgeordneten Marc Biadacz das Wohn- und Pflegezentrum auf dem Flugfeld, außerdem weitere Kindergärten in Böblingen, Sindelfingen, Stuttgart-Vaihingen – und die Hospize in Leonberg und Bietigheim-Bissingen.
Kimmig-Liebe auf dem Böblinger Weihnachtsmarkt Foto: Eibner/Sandy Dinkelacker
Für den Ausklang vor Weihnachten hat er sich noch mal eine spezielle Aktion in seiner Heimatstadt ausgedacht: Eine nächtliche Ehrenwache an der Böblinger Stadtkirche. „Ich will die ganze Nacht über meine Heimatstadt wachen“, sagt er. Der selbst ernannte Heilsbringer wird dabei nicht allein sein, Helfer sollen ihn begleiten – und wer sich sonst nach dem Trubel der Vorweihnachtszeit noch zu ihm gesellen möchte. Die Nacht endet damit, dass er sein schmuckvolles Gewand symbolisch ablegt.
Erst wenn er vor Weihnachten den Nikolaus abgelegt haben wird, „ist er wieder der Wolfgang“, sagt er selbst. Dann heißt es: durchschnaufen. Seine Zeit verbringt er dann mit Vorliebe mit den eigenen Kindern und Enkeln. „Aber nur bis zum nächsten Dezember“, sagt er. Ans Aufhören denkt der 69-Jährige noch lange nicht. So er sich noch bei guter Gesundheit befinde und der liebe Gott es zulasse, sei er ein „Friedensbringer“.
Nikolaus von Myra
Historische Person Über das Leben des historischen Nikolaus sind nur wenige Tatsachen belegt. Als gesichert gilt, dass er zwischen 270 und 286 n. Chr. in Patara geboren wurde, einer Stadt in Lykien (heutige Türkei). Er verstarb am 6. Dezember, das Jahr ist unbekannt.
Einlegebrauch Das nächtliche Füllen der Schuhe oder Ähnliches, basiert auf der Legende von den drei Jungfrauen, die nachts vom heiligen Nikolaus beschenkt wurden. jps