Böblinger Nikolaus Von einem, der goldene Brücken baut

Kimmig-Liebe in seiner Heimatstadt Böblingen Foto: Archiv/Eibner

Als Nikolaus tourt der gebürtige Böblinger Wolfgang Kimmig-Liebe seit 41 Jahren über Weihnachtsmärkte, Kindergärten und Hospize. Eine Mission, die langsam ihren Tribut fordert.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Die Reinkarnation des heiligen St. Nikolaus von Myra ans Telefon zu bekommen, ist in der Vorweihnachtszeit alles andere als leicht. Seit 1984 schlüpft der gebürtige Böblinger Wolfgang Kimmig-Liebe jährlich in sein Nikolaus-Gewand, besucht schwer Kranke oder Sterbende in Hospizen und Krankenhäusern. „461 Termine stehen in diesem Jahr im Kalender“, sagt er. „Es waren mal 50, es waren mal 100. Doch mein Wirken spricht sich einfach rum.“ Es scheint, als werde er überall gebraucht, ist überall willkommen, wo es den Menschen nicht gut geht. Doch überall sein kann er nicht.

 

„Ich weiß nicht, wie lange das noch geht. Ich werde müde“, sagt er und klingt dabei matter als sonst. Ein Ritual hält ihn jung, sagt er: „Ich stehe jede Nacht um drei Uhr auf und schreibe auf, was mich gerade bewegt. Das erledige ich dann am nächsten Tag.“ Bei seinem Alter steht seit diesem Jahr eine Sieben vorne. Doch, was nach außen hin gut zum weißen Rauschebart – angeklebt – passt, zollt in seinem Inneren langsam seinen Tribut.

Von schwerem Sturz berappelt

Im vergangenen Jahr stürzte Kimmig-Liebe auf einer Treppe oberhalb des Böblinger Weihnachtsmarkts schwer, lag im Krankenhaus und berappelte sich erst langsam wieder. Da wurde der, der selbst über viele Jahre Trost spendete und Kranken half, selbst zum Patienten. Doch der Sturz scheint im November dieses Jahres schon wieder fast vergessen. Kimmig-Liebe bringt nach wie vor die Kraft auf, zu den ganz Jungen ebenso zu gehen, wie zu den ganz Alten.

Kimmig-Liebe in einem Pflegeheim Foto: privat

„Dieses Jahr bin ich wieder im Hospiz in Pforzheim, das ist mir wichtig“, sagt er. Obwohl er keine Ausbildung als Sterbebegleiter hat, begleitet er regelmäßig Sterbende auf ihrem letzten Weg. Manchmal wacht er stundenlang an ihrer Seite, schläft selbst nicht. „Ich versuche, den Weg zur Treppe ins Licht zu ermöglichen“, sagt er prosaisch. Tatsächlich aber fehle es in vielen Hospizen an Pflegepersonal, sagt er. Der Beistand in den letzten Lebensstunden komme oft zu kurz.

„Ich reagiere so, wie mein Herz sagt und wie ich mich fühle“, sagt Kimmig-Liebe. Die Rolle als Nikolaus scheint ihm trotz der belastenden Momente und der Trauer eine Kraftquelle zu sein. Vielleicht auch, weil er neben den Sterbenden jedes Jahr viele Kindergärten und Schulen besucht. In diesem Jahr begleitete ihn der SWR für einen Tag, brachte einen Beitrag in der Landesschau. Einer der Schüler sagt: „Er ist nett. Und er sieht cool aus.“ Ein Mädchen empfindet seinen Besuch als Geschenk, ein anderes umarmt ihn.

Der 6. Dezember als Höhepunkt

Auch diese Rolle gehört zu ihm, ebenso die des Markenbotschafters für den Lebkuchenhersteller Lambertz. Rund um den für ihn wichtigsten Tag des Jahres, den 6. Dezember, ist er jedes Jahr in Aachen und Köln. Besucht dort die Lebkuchen-Produktion sowie die Weihnachtsmärkte in Aachen und Köln. Dort trifft er jeweils tausende Kinder, sagt er. Seine Tournee geht bis kurz vor Weihnachten. Dann – auch das eines seiner Rituale – legt er sein mehrere Kilogramm schweres Gewand in einer Kirche ab. Und wird wieder „der Wolfgang“.

Nikolaus von Myra

Historische Person
Über das Leben des historischen Nikolaus sind nur wenige Tatsachen belegt. Als gesichert gilt, dass er zwischen 270 und 286 n. Chr. in Patara geboren wurde, einer Stadt in Lykien (heutige Türkei). Er verstarb am 6. Dezember, das Jahr ist unbekannt.

Einlegebrauch
Das nächtliche Füllen der Schuhe oder Ähnliches basiert auf der Legende von den drei Jungfrauen, die nachts vom heiligen Nikolaus beschenkt wurden. jps

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