Böblinger Pianistenfestival Wien, Oxford und dazwischen Böblingen – Lilya Zilberstein begeistert Publikum

Lilya Zilberstein zieht das Publikum am Freitagabend in ihren Bann. Foto: Stefanie Schlecht

Auf dem Weg von Wien nach Oxford legt Lilya Zilberstein einen Zwischenstopp beim Pianistenfestival ein. Scheinbar mühelos und voller Eleganz spielt sie Werke russischer Musiker.

Böblingen: Anke Kumbier (ank)

Einen krönenden Abschluss hat die Musikerin Lilya Zilberstein dem Internationalen Pianistenfestival in Böblingen am Freitagabend beschert. „Das war ja wieder phänomenal“, lautet das Urteil einer Besucherin als sie sich nach dem Konzert von Böblingens Kulturamtsleiter Sven Raisch verabschiedet.

 

Werke von Sergej Tanejev, Alexander Skrjabin, Lera Auerbach und Sergej Rachmaninow stehen auf dem Programm. Zilberstein, in Moskau geboren und 1990 nach Deutschland emigriert, hat sich als Pianistin einen internationalen Ruf erarbeitet. Sie tritt regelmäßig mit Martha Argerich im Duo auf und hat seit 2014 den Lehrstuhl für Musik und darstellende Kunst an der Uni Wien inne – als erste Frau überhaupt.

Zilberstein begeistert beim Internationalen Pianistenfestival

Zilberstein schöpft scheinbar mühelos und mit Eleganz die gesamt Bandbreite an Tönen, die der Bösendorfer Konzertflügel zu bieten hat, aus. Besonders den leisen und langsamen Stellen verleiht sie eine Andacht und Spannung, die ihresgleichen sucht. Kaum ein Mucks ist in diesen Momenten aus dem voll besetzten Saal in der Kongresshalle zu hören. Nur das weiße Tuch, mit dem sie sich hin und wieder die Stirn abtupft, liefert einen kleinen Hinweis darauf, wie anstrengend es sein muss, einen solchen Konzertabend zu bestreiten.

„Sie ist gestern aus Wien gekommen und am Montag geht es weiter nach Großbritannien, wo sie in Oxford ein Konzert spielt – mit Böblingen als schöner Zwischenstation“, sagt Ulrich Köppen, der musikalische Leiter des Festivals, zur Begrüßung und erntet anerkennendes Lachen. Zum Auftakt spielt Zilberstein das Prélude und die Fuge op. 29 von Tanejev (1856-1915). Weich und anrührend mit kraftvollen Steigerungen, bis in der Fuge ihre Finger regelrecht über die Tasten fliegen, sich die Töne jagen, um schließlich fast schon neckisch zu enden.

Zilberstein spielt auswendig, nur bei Lera Auerbach stehen Notenblätter auf dem Pult. Auf Tanejev folgt sein Schüler Skrjabin (1872-1915) – mit fünf Préludes op. 16 und der Sonata Nr. 3 op. 23. Vermutlich Skrjabins Frau, so ist es im Programmheft zu lesen, hat zu jedem Satz der Sonate einen Seelenzustand beschrieben. „Im Aufruhr der entfesselten Elemente kämpft die Seele wie trunken“, heißt es etwa zum Presto con fuoco, das Zilberstein in einem Wechsel aus perlenden Tonfolgen und brodelndem Klanggewitter zum Besten gibt. Ein „Boah“ und kleine Jubelrufe sind am Ende aus dem Publikum zu hören.

Werk einer Frau muss dabei sein

Köppen hatte beim diesjährigen Pianistenfestival nur eine Vorgabe gemacht: Mindestens ein Werk einer Komponistin sollte dabei sein. Zilbersteins Wahl fiel auf Lera Auerbachs „10 Träume für Klavier“. Auerbach wurde 1973 in der Sowjetunion geboren und lebt seit 1991 in New York. Sie ist Musikerin, Komponistin und Schriftstellerin.

Lilya Zilberstein beschließt das 28. Böblinger Pianistenfestival. Foto: Stefanie Schlecht

Die „Träume für Klavier“ klingen deutlich abstrakter als die Musik der Jahrhundertwende. Dafür räumt die Komponistin den Tönen ganz oben und ganz unten auf der Skala einen besonderen Platz ein und setzt sie immer wieder in Kontrast zueinander. Und nicht alle Träume bleiben abstrakt, manche wühlen auf und wecken Erinnerungen, etwa an das Soldatenlied aus der Dreigroschenoper oder den Anfang von Beethovens fünfter Sinfonie.

Zum Abschluss lässt Zilberstein das Publikum tief in die Musik von Rachmaninow (1873-1943) eintauchen. Sie spielt die 13 Préludes aus dem Opus 32 und zeigt noch einmal wie meisterhaft sie das Klavier beherrscht. Das Lento in h-Moll etwa ertönt schicksalhaft, wehmütig, während im Allegro in gis-Moll die linke Hand eine wunderschöne Melodie spielt, über die sich wie ein Perlenvorhang die hohen Töne der rechten Hand legen. Mehrmals wird Zilberstein vom Applaus des Publikums zurück auf die Bühne gerufen und gibt nach zwei Stunden Konzert noch eine Zugabe : die Vocalise von Rachmaninow.

Ausblick auf das nächste Pianistenfestival

Mit Zilbersteins Konzert geht das 28. Böblinger Pianistenfestival zu Ende. An fünf Freitagabenden in Folge traten Musikerinnen und Musiker in der Böblinger Kongresshalle auf. Nicht immer waren es allein Pianisten, beim Auftaktkonzert etwa erklangen zwei Konzertflügel neben einem Potpourri an Schlaginstrumenten. Kulturamtsleiter Raisch und Köppen zeigen sich mit dem diesjährigen Festival sehr zufrieden. Im Schnitt hätten sie 270 Besucher pro Abend gezählt, sagt Raisch. Das mache eine Auslastung von 85 Prozent.

Beim nächsten Pianistenfestival sollen Werke von Ludwig van Beethoven im Zentrum stehen – der Todestag des Komponisten jährt sich 2027 zum 200. Mal. Zwei „Appetithappen“ kündigt Köppen bereits an. Die Pianistin Evgenia Rubinova wird mit dem Bläserquartett-Ensemble Breeze, das Quintett für Klavier und vier Solobläser von Mozart spielen und in derselben Besetzung Beethovens Antwort darauf. Außerdem kommt, so Köppen, die Pianistin Elisabeth Tsai nach Böblingen. Sie spielt, mit zwei weiteren Pianisten, Beethovens zweite Sinfonie in einer Fassung für Klaviertrio.

Robert Neumann im SWR-Abend-Konzert

Am 15. Februar
Beim Internationalen Böblinger Pianistenfestival erntete Neumann mit seinen Interpretationen von Schubert, Beach, Chopin und einer eigenen Uraufführung begeisterten Applaus und Bravorufe. Im Abendkonzert des SWR am 15. Februar, 20 Uhr, spielt er gemeinsam mit dem SWR-Sinfonieorchester von Sergei Rachmaninow die Rhapsodie über ein Thema von Paganini. Dirigent ist Kerem Hasan. Außerdem stehen auf dem Programm von Lawson Lawall die zweite Klaviersonate, Robert Neumann gewidmet, und von Robert Neumann die Klaviersonate Nummer zwei mit dem Untertitel „Behemoth“, Lawson Lawall gewidmet.

Lilya Zilberstein
Bereits vor mehr als 20 Jahren gab Zilberstein in Böblingen ein Klavierkonzert, das vielen Fans ihrer Musik in Erinnerung geblieben sein dürfte. Vor fünf Jahren dann war sie extra aus Wien nach Böblingen gekommen, um das Konzert ihres Sohnes Anton Gerzenberg zu verfolgen.

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