Die neue Schallschutzwand am Schießstand bei der Panzerkaserne bringt nicht die versprochene Entlastung: Die Anwohner klagen über massiveren Schießlärm als zuvor. Nur in Schönaich ist es ruhiger geworden.

Böblingen - Ulrich Durst traut sich nicht mehr auf die Straße. „Sobald ich draußen bin, fallen die Leute über mich her und schimpfen: ‚Sie haben doch versprochen, dass es nun leiser wird.’“ Doch das Gegenteil sei der Fall, sagt der Sprecher der Bürgerinitiative Rauher Kapf, die gegen den Schießlärm kämpft. „In den vergangenen Wochen war der Lärm aggressiver und schlimmer denn je. Wir fühlen uns wieder wie auf dem Schlachtfeld.“

Dabei war Durst noch vor wenigen Wochen sehr optimistisch gewesen. Die US-Armee hatte, wie versprochen, Lärmschutzwände gebaut. Diese sollten den Schießlärm deutlich reduzieren. So hatten es Experten vorab berechnet. Nun spricht Durst von „Alibi-Schallwänden“ und sagt: „Die Bürger fühlen sich von den Verantwortlichen der US-Armee getäuscht.“ Seine Befürchtung: „Die Amerikaner sagen jetzt: ,Wir haben getan, was wir konnten’ – und das war’s dann.“

Die Baubürgermeisterin ist sehr irritiert

Auch im Böblinger Rathaus gehen wieder heftige Beschwerden ein. Jetzt sogar von Bewohnern des Wohngebiets Tannenberg, die bisher wenig Anlass zur Klage hatten. Besonders schlimm sei es am 13. Oktober gewesen, berichtet die Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger. Bis auf den Marktplatz habe der Schall der Schüsse gehallt. Kraayvanger ist „sehr irritiert. Damit haben wir nicht gerechnet.“

Sie hatte gehofft, dass das leidige Thema Schießlärm durch die neue Wand nun endlich an Brisanz verlieren würde. „Wir haben eine hochprofessionelle Arbeitsgruppe mit Mitgliedern der US-Armee und der Bundeswehr. Alle Beteiligten haben sich sehr bemüht, eine gute Lösung zu finden. Wir waren überzeugt, mit der Baumaßnahme den Lärm deutlich reduzieren zu können.“ Selbstverständlich stehe sie im Kontakt mit den Verantwortlichen der US-Armee. „Auch diese sind höchst irritiert“, sagt Christine Kraayvanger.

Auf Anfrage unserer Zeitung gibt es vom Europa-Hauptquartier der US-Armee in Wiesbaden, wo die Lärmschutzarbeiten koordiniert werden, nur eine dürftige schriftliche Mitteilung: „Die Auswertung der Wirksamkeit der Lärmschutzmaßnahmen wird derzeit von der Bundeswehr geprüft, wobei die neuen Beschwerden zur Kenntnis genommen werden. Die US-Armee in Europa hofft, dass die Ergebnisse in naher Zukunft vorliegen. Es wäre jetzt verfrüht, die Daten ohne Vorlage der Auswertung zu kommentieren.“

Auch die Baubürgermeisterin bittet um Geduld. „Im Moment gibt es von Experten der Bundeswehr Langzeit-Schallmessungen im Rauhen Kapf. Ende des Jahres werden die Ergebnisse vorliegen. Die müssen wir abwarten.“ Bereits vor dem Bau der Lärmschutzwand hatte es eine mehrwöchige Messung gegeben. Deren Werte sollen mit denen der laufenden verglichen werden. „Wenn wir die Fakten auf dem Tisch und die Lärmwerte sich tatsächlich nicht gebessert haben, werden wir am runden Tisch beraten, wie wir nachbessern können“, verspricht Kraayvanger.

Die Anwohner sprechen von Schießlärm-Terror

Doch die Bewohner des Rauhen Kapfs sind mit ihrer Geduld am Ende. 20 Jahre lang hat die Bürgerinitiative gekämpft. Unendlich viele runde Tische hatte es gegeben. Ein Konzept zur dauerhaften Dämmung der offenen Schießbahnen war bereits vor Jahren entwickelt worden. Die Umsetzung scheiterte dann am Geld.

Bewegung in die starren Positionen war erst gekommen, als der CDU-Bundestagsabgeordnete Clemens Binninger das Verteidigungsministerium einschaltete und die US-Armee mit Markus Laubenthal einen deutschen Brigadegeneral erhielt, der sich des Themas annahm. Er rief eine Arbeitsgruppe ins Leben, die eine kostengünstige Lösung entwickelte, die schnell eine Entlastung für die Anwohner bringen sollte. Als in den Sommerferien die Bagger am Schießstand anrollten, war die Euphorie groß. Laubenthal und Binninger besuchten die Baustelle. Und Ulrich Durst war voll des Lobs für die Akteure.

Dieser Euphorie ist nun Verbitterung gewichen. „Wir erleben die US-Army hier wie eine Besatzungsmacht, die den Nordosten Böblingens kampflos erobert hat. Seit Wochen erleben wir wieder täglichen US-Schießlärm-Terror“, wettert Durst.

Immerhin einen positiven Effekt hat die Lärmschutzwand: In Schönaich, das auch unter dem Schießlärm litt, sei es deutlich ruhiger geworden, berichtet der dortige Bürgermeister Tobias Heizmann.