Böblinger Stadtkirche Kirchenkanzel soll letzten großen Auftritt bekommen

Lesepult statt Kanzel – was Vorteile hat: Es ist überall einsetzbar und demokratischer, weil es auch Kirchengemeinderäte nutzen. Foto: /Anke Kumbier

Ihren Dienst hat die Kanzel der Böblinger Stadtkirche bereits vor drei Jahren beendet. Seither wandert sie von Lagerplatz zu Lagerplatz. Sie einfach zu entsorgen geht nicht, findet Pfarrerin Gerlinde Feine. Sie tüftelt an einem letzten großen Auftritt.

Böblingen: Anke Kumbier (ank)

Wie die ehemalige Kanzel der Stadtkirche da in einer Garage in Böblingen liegt, erinnert sie entfernt an einen Sarg. Aber noch soll sie nicht zu Grabe getragen werden. Stattdessen hofft Pfarrerin Gerlinde Feine auf kreative Ideen, was mit ihr passieren könnte – und auf einen Lagerplatz.

 

1985 hat die Kanzel, die alte, die links neben dem Chorbogen an Wand gehangen hatte, ersetzt. Die neue stand viele Jahre neben dem Altar. In aufrechtem Zustand erinnert sie übrigens nicht an einen Sarg, eher an ein Fass zu dem zwei Stufen hinaufführen. Zahlreiche Predigten wurden von ihr herabgehalten, Segenswünsche gesprochen – bis sie vor rund drei Jahren abgekanzelt wurde.

Der Gemeinde auf Augenhöhe begegnen

Sie passte nicht mehr in das Konzept einer Kirche, in der sich Menschen auf Augenhöhe begegnen und der Austausch im Mittelpunkt stehen soll, fasst Feine die Entscheidung zusammen. „Eine Kanzel hat ja etwas mit von oben herab bekehren zu tun.“ Die moderne Theologie sehe diese Dialogform nicht mehr vor. Dabei war die neue Kanzel wohl noch vor knapp 40 Jahren Teil einer Veränderung, die Feine als „revolutionär“ bezeichnet: Die Kanzel rückte damals zumindest etwas näher an die Gemeinde heran als die alte an der Wand. Außerdem wurden die Kirchenbänke durch Stühle ersetzt und der Altar rund gemacht.

In der Garage liegend erinnert die Kanzel an einen Sarg. /ank

Jetzt wandelt sich die Stadtkirche weiter, was auch mit der geplanten Fusion der vier Böblinger Kirchengemeinden zusammenhängt. Die Stadtkirche soll noch mehr zu einer „Citykirche“ werden, die Raum für Ausstellungen oder Konzerte bietet und neue Besucher anlockt. Ab 2025 soll es das herkömmliche Gottesdienstprogramm nicht mehr geben, heißt es im Gemeindeblatt. Segensfeiern an Lebensschwellen und bei besonderen Ereignissen, Konzertgottesdienste oder die Teilnahme an Veranstaltungen wie der „Langen Nacht der Museen“ stehen dann verstärkt im Fokus. In den klassischen kirchlichen Handlungsfeldern will die Stadtkirche aber nach wie vor präsent sein, auch Gottesdienste an Heiligabend oder Ostern werden demnach weiterhin gefeiert.

Kreative Ideen sind gefragt

Bereits das Verschwinden der Kanzel läutete diesen Wandel ein, zum erste Advent sollen dann noch die alten Stühle durch leichtere und stapelbare ersetzt werden, berichtet Feine. So lasse sich der Raum einfacher umgestalten. An das, was 1985 seinen Anfang nahm, „machen wir jetzt einen Knopf dran“, meint die Stadtpfarrerin.

Sonderlich hoch war die Kanzel nicht, trotzdem steht sie für Gerlinde Feine (im Bild) für ein „von oben herab“ predigen. /Evangelische Stadtkirchengemeinde

Doch die Kanzel soll zumindest noch einen letzten großen Auftritt bekommen. Zwar scheint sie niemand sonderlich zu vermissen, seit sie vor etwa drei Jahren durch ein Lesepult ersetzt wurde. Selbst bei traditionellen Gottesdienstbesuchern habe es keinen Aufschrei gegeben, berichtet Feine. Einfach nur auf den Wertstoffhof bringen, will sie die Kanzel trotzdem nicht.

Während Corona lagerte sie noch unter der Empore, kam dann ins Waldheim. Dort musste sie nach zwei Jahren raus und befindet sich jetzt bei Pfarramtssekretärin Victoria Egger in der Garage. Dort kann sie aber höchstens bis Oktober bleiben. Die evangelische Stadtkirchengemeinde sucht also nach einem neuen Unterschlupf für die Kanzel – bis klar ist, was mit ihr passiert.

Ideen hat Feine bereits: Sie beispielsweise zum 500-Jahr-Jubiläum des Bauernkriegs 2025 durch die Stadt zu fahren. Oder etwas Londoner Hyde-Park-Feeling nach Böblingen zu holen, indem sie als Speakers Corner (Sprecher Ecke) verwendet wird. Doch ebenso gut könnte aus ihr etwas neues entstehen – ähnlich wie bei einer Pfarrerin im schweizerischen St. Gallen, die aus einer alten Kanzel gemeinsam mit Jugendlichen einen Tisch baute. Einer Aktion, von der Feine ganz begeistert erzählt. Noch ist das Schicksal der Kanzel aber offen. „Sicher ist nur, dass sie nicht zurückkehrt.“

Kanzel und Gemeindefusion

Kreativität
Wer ab 1. Oktober einen Lagerplatz für die Kanzel (etwas mehr als einen Meter breit) frei hätte oder weitere Ideen für ihre Verwendung, darf sich gerne melden unter stadtkirche@kirchebb.de

Fusion
Die evangelische Kirche befindet sich im Umbruch. Das wirkt sich auch auf Böblingen aus. Dort fusionieren die vier Kirchengemeinden Stadtkirche, Paul-Gerhardt-, Martin-Luther- und Christuskirchengemeinde zu einer. Bis 2030 soll es nur noch drei Pfarrstellen statt bislang 4,5 geben.

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