Wenn Städte nach der Anzahl der Dichte der sichtbaren Baukräne bemessen würden, dann wäre Böblingen vermutlich ganz vorne mit dabei. Wer in den vergangenen Monaten in der Unterstadt den Blick nach oben gerichtet hat, wird bemerkt haben, dass es am Himmel über der Innenstadt eng zugeht. So viele Kräne sind dort aufgebaut, dass die Ausleger der Arbeitsgeräte sich bisweilen ziemlich nahekommen. Mittlerweile ist zu erkennen, was die Bauarbeiter zwischen Elbenplatz und Bahnhof erschaffen: Die Rohbauten wachsen in die Höhe, Fassaden, Gebäudeschluchten und Innenhöfe entstehen. Ende des nächsten Jahres werden in diesem Innenstadtquartier auf engem Raum rund 2400 Menschen leben – 800 mehr als bisher. Und damit ist das Ende noch längst nicht erreicht.
Mit dieser Aufsiedlung möchte die Stadt ihren selbst gesteckten Ansprüchen gerecht werden: Die vielen Gebäudekomplexe in der Innenstadt sollen der akuten Wohnraumproblematik begegnen und verhindern, dass wertvolle Naturflächen außerhalb der Stadt zu Neubaugebieten werden.
Wenig Auslauf für die Kleinen
Der Gang durch die Unterstadt zeigt aber auch eines: Schulen, Kindergärten und Spielplätze – soziale Infrastruktur, die dort benötigt wird, wo viele Menschen wohnen – macht sich rar zwischen den neuen Häuserschluchten. In diesem Bereich scheint die Entwicklung hinter dem stürmischen Wachstum an Wohnungen hinterherzuhinken.
Beispiel Spielplätze: Im gesamten Quartier gibt es nur wenige Quadratmeter Auslauffläche für die Kleinen. Nur zwischen der Kurzen Straße und der Wilhelmstraße haben die Stadtplaner dem Nachwuchs ein kleines Eck gegönnt. Viel Rasen, wenig Spielgeräte – nicht gerade eine Vorzeigefläche. Die Verwaltung betont, dass auch mit den Wasserspielen rund um die Bahnhofstraße für Kinder etwas geboten sei: Angebote, die sich jedoch mitten im Getümmel der Fußgängerzone befinden und nur im Sommer taugen.
Kein Kitaplätze mehr als bisher
Auch wer sich auf die Suche nach Kindertagesstätten im boomenden Wohnquartier macht, muss genau hinschauen, um fündig zu werden. Nur an der Talstraße finden sich zwei Einrichtungen in unmittelbarer Nachbarschaft. Dort gibt es Platz für 80 Kinder. Dass dies bald knapp werden könnte, machen die Bevölkerungszahlen deutlich. Derzeit leben 188 Menschen im Alter bis 15 Jahren in der Unterstadt. Ende 2024 dürften es rund 280 sein, ohne dass ein einziger Kitaplatz zusätzlich entsteht.
Kommt die Grundschule auf dem Flugfeld?
Nicht besser sieht es beim Thema Grundschule aus. Der auch in Böblingen gerne verwendete Slogan „Kurze Beine, kurze Wege“ ist für die Schulanfänger in der Unterstadt schon immer sehr eingeschränkt gültig: Die nächstgelegenen Schulen sind allesamt nicht gerade um die Ecke, der Weg dorthin führt über viel befahrene Straßen. Die Hoffnung der Stadtverwaltung richtet sich auf das benachbarte Flugfeld. Dort plant der Internationale Bund (IB) schon geraume Zeit den Bau einer öffentlichen Grundschule. Man sei immer noch dran an diesem Projekt lässt der Schulträger mit Sitz in Frankfurt verlauten. Zu einem möglichen Baubeginn und Unterrichtsstart gibt es jedoch noch keine Informationen.
Die Hoffnung ruht auf der Zukunft
Auch was weitere Spielplätze und Kindertagesstätten betrifft, hängt die Unterstadt am Tropf der Hoffnung. Die soll ein Projekt erfüllen, das nicht vor 2045/25 an den Start gehen wird: Dort, wo heute noch das Einkaufszentrum und die Shell-Tankstelle an der Wolfgang-Brumme-Allee stehen, soll ein weiteres Wohnareal entstehen. Die Böblinger Baugesellschaft wird an dieser Stelle das Mühlbachviertel entwickeln – ein Stadtquartier mit Wohnungen, Gewerbeflächen und einem großzügigen Grüngürtel. Dort soll es dann genügend Platz für Spielflächen und eventuell auch eine Kita geben.
Bis dieses Viertel realisiert ist, dürfte jedoch dieses Jahrzehnt vergehen und damit dürften auch zwei Kindergenerationen rausgewachsen sein. Und: Wenn das neue Quartier fertiggestellt ist, soll auch das 60-Meter Hochhaus am Postareal in der Bahnhofstraße stehen. Mühlbachviertel und Hochhaus bescheren der Unterstadt voraussichtlich weitere 800 Bewohner, deren Kinder mit Schulen, Kitas und Spielplätzen versorgt werden müssen.
Grünflächen gibt es in der Umgebung genügend, sagt die Bürgermeisterin
Böblingens Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger ist dieser Spagat bewusst. Dass nicht nur Abwasserleitungen und Straßen gebaut werden müssten, sondern auch Kitas, Spiel-, Frei- und Naherholungsflächen, das treibe die Stadtplaner schon seit Jahrzehnten um, versichert sie. Dabei treffe man oftmals auf das Erbe der Vergangenheit: „Wir versuchen auch, zu beheben, was in früheren Jahren nicht optimal gelaufen ist“, sagt Kraayvanger. Dass in der Unterstadt notwendige Freiflächen für die Bewohner und Kitas entwickelt werden müssten, sei richtig. „Wir werden weiter grübeln, wo wir im Umfeld was schaffen können“, verspricht sie. Die Flächen seien aber beschränkt. In großer Dimension finde das nicht statt.
Böblingens Baubürgermeisterin ist davon überzeugt, dass die Menschen, die jetzt in die Unterstadt ziehen, eine „gute Lebensqualität“ erwarte. Allerdings müssten die Bewohner eine gewisse Mobilität mitbringen. Grün- und Spielflächen fänden diese beispielsweise auf der anderen Seite der Bahngleise auf dem Flugfeld oder im Stadtgarten bei den Seen. Außerdem besitze Böblingen „unglaublich gute Außenflächen“ wie den Wald.
Mehr Spiel- und Freiflächen statt maximaler Verdichtung. Wäre auch das eine Lösung gewesen? Nein, sagt Christine Kraayvanger. In der Unterstadt herrsche eine urbane Struktur: „Das ist dort nicht machbar“.