Städtische Mitarbeiterinnen wie Mihriban Bagci (dritte von links) und Regina Vogt (zweite von rechts) sind in der Unterstadt unterwegs. Foto: Stefanie Schlecht
Beim Projekt „Lebenswert & Mittendrin“ hört sich die Stadt an, wie Bewohner ihr Quartier zwischen Bahnhof und Seecarrée empfinden. Dabei müssen sie auch Frontalkritik aushalten.
Kein Quartier in Böblingen liegt zentraler, wohl kein Ort in der Stadt ist umtriebiger als der Bereich zwischen Bahnhof und Seecarrée. Rund 2000 Menschen leben hier. Noch viel mehr passieren täglich die Bahnhof-, Wilhelms- oder Karlstraße auf dem Weg in die Schule, zur Ämtern, zum Bahnhof, zum Arzt oder zum Einkaufen. Wie lebenswert ist dieser „Durchgangsstadtteil“ aber? Und kann aus einer lebendigen auch eine vernetzte Nachbarschaft entstehen?
Zunächst aber sammelt die Stadt Stimmen dazu, wie Bewohner das Quartier erleben. Bei eisigen Temperaturen gelingt es Mitarbeiterinnen wie Regina Vogt und Mihriban Bagci, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Zwei Aidlinger sind regelmäßig hier, um Behördentermine oder Einkäufe in der Bahnhofstraße zu erledigen. „Wir mögen es, weil alles an einem Ort ist“, sagen sie. Ein Herr mittleren Alters lebt seit vier Jahren nahe des Gebäudekomplexes „Pulse“ in der Olgastraße. Auf die Frage, wie er seine Nachbarschaft sieht, antwortet der Böblinger mit afghanischen Wurzeln: „Ich kenne keinen meiner Nachbarn.“
Diesen Zustand würde die Fachstelle für Bürgerschaftliches Engagement gerne ändern. „Das Ziel unserer geplanten Werkstatt-Formate ist, dass Menschen zusammenkommen. Wer sich kennt, unterstützt sich eher. Vielleicht mündet das mal in ein Nachbarschaftsfest“, erklärt Vogt. Auch Mittagessentreffs, Kaffeekränze, Mehrgenerationen- oder interkulturelle Events könnten sich aus der Vernetzung entwickeln. Vor allem für Alleinstehende kann eine solche ein Gegenmittel bei Einsamkeit sein: „Eine Nachbarschaft, die bemerkt, dass jemand länger nicht mehr gesehen wurde, ist viel wert.“
Der Durchlauf in dem Stadtquartier ist riesig. Auch weil die Mercaden dort angesiedelt sind. Foto: Stefanie Schlecht
Gerade in einem Stadtteil, in dem viele Wohngebäude erst seit kurzem bestünden, eine große soziokulturelle Durchmischung herrsche und baulich weiter Neues entstehe, sei es herausfordernd, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen. Hier könnte ein Quartiersbüro dienlich sein. Eine solche Anlaufstelle ist für die Karlstraße 16 vorgesehen. Die Erfahrung zeige, dass Stadtteiltreffs wie der ,Treff am See‘ oder ,Im Grund‘ sozialen Mehrwert mit sich bringen, sagt Regina Vogt und betont: „Die Treffs werden gut angenommen.“
Bei Straßengesprächen muss auch zugehört werden
Beteiligungsformate wie „Lebenswert & Mittendrin“ sind auch dafür da, den Bürgern das Ohr zu schenken. Auch dann, wenn sie das Gesprächsangebot erst einmal dafür nutzen, loszupoltern: „Politiker gehören mal in einen Hof gesperrt – dafür, was sie bei Rente oder Ähnlichem machen“, schimpft der Olgastraßenbewohner. Aus diesem Grund wähle auch er die AfD. Auf die Anmerkung der Fragestellerin, dass er mit seinem Migrationshintergrund angesichts von „Remigrations“-Überlegungen als einer der ersten seine Koffer packen könne, antwortet der Mann: „Ich bin hier geboren. Das kann die AfD doch nicht machen.“
Mihriban Bagci schüttelt über die Annahme des Mannes, sein Aufenthalt sei sicher, wenn die Rechtsaußenpartei regieren würde, den Kopf. Sie weiß aber auch, als Vertreterinnen der Stadt, sind solche Spontangespräche auf der Straße wichtig, um zu hören, was in den Menschen vorgeht oder wo konkret der Schuh drück. Regina Vogt unterstreicht: „Wenn es Rückmeldungen dazu gibt, wo die Beleuchtung fehlt oder wo sich Müll türmt, nehmen wir das auf“, sagt Vogt. Denn auch so könne ein Stadtviertel vorangebracht werden.