Aber der Reihe nach. Tobias Bacher hat Bauingenieurwesen studiert, etwas handfestes mit guten Berufsaussichten, so stellt man sich das vor. Er hat das Studium auch beendet und in seinem Job gut und viel gearbeitet. Vier Jahre lang war er in der Baubranche tätig. Als Baustellenleiter reiste er zu Großprojekten in ganz Deutschland.
Dann irgendwann – wahrscheinlich schleichend – stellen sich ihm Fragen nach dem Sinn dieses Unterfangens. Will ich das? Wollte ich das jemals? Warum mache ich das? „Zuerst dachte ich, dass mir das Pendeln einfach nicht zusagt. Aber dann habe ich gemerkt, dass die ganze Baubranche nichts für mich ist“, erklärt Bacher. „Und zwar nicht, weil ich nicht gut in meinen Job war. Ich war sehr erfolgreich.“ Es ging ans Grundsätzliche: Terminstress, enge Budgets, ein irrer Druck jeden Tag und bei jedem Projekt, Stress pur. „Es ging irgendwann einfach nicht mehr“, sagt Bacher.
Der gute Draht zu Kindern war schon immer da
Es ist eine Sache, nicht ganz zufrieden zu sein, mit dem, was man tut, tun muss, um Geld zu verdienen. Etwas ganz anderes ist es, alles auf Null zusetzen. Und einen ganz anderen Weg einzuschlagen.
Bei alle der Grübelei fällt ihm die Zeit nach der Schule ein, als er am Krankenhaus Böblingen einen Bundesfreiwilligendienst gemacht hat. „Das hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen“, erzählt er. Das sei rückblickend ja eigentlich der erste Kontakt in den sozialen Bereich gewesen. Auch zu Kindern habe er schon immer einen guten Draht gehabt. Sei es auf Familienfeiern oder auf dem Sportplatz, es mache ihm Spaß, sich mit Kindern zu beschäftigen. Und plötzlich kam ihm der Gedanke, Erzieher zu werden.
Bacher recherchierte: Was gibt es für Möglichkeiten bei der Stadt? Der Ingenieur in ihm überlässt nichts dem Zufall – er hospitiert dreimal, dann ist er sich sicher: Das ist es. Er macht eine sogenannte praxisintegrierte Ausbildung (Pia) zum Erzieher. Anders als bei der klassischen Erzieherausbildung, welche in den ersten beiden Ausbildungsjahren ausschließlich schulisch erfolgt, sind die Studierenden bei der Pia-Ausbildung mit jeweils mindestens 20 Wochenstunden in einer sozialpädagogischen Einrichtung angestellt und erhalten für ihre Arbeit eine Vergütung.
Das ist zwei Jahre her. Im September startet Tobias Bacher nun ins dritte Lehrjahr. An zwei Tagen die Woche arbeitet er in der Kindertagesstätte Lange Straße. Dort kennt er zwar nicht mehr jeden Bauklotz – aber es fühlt sich an wie „Heimkommen“. In diesen Kindergarten ging er selbst als kleiner Kerl. „Ich will gerne dortbleiben“, sagt er. Kurzum: Es mache einfach Spaß. Man kann sich vorstellen, dass das bei Drei- bis Sechsjährigen auf Gegenseitigkeit beruht: Bacher spielte Fußball und American Football.
Doch die Pia-Ausbildung hat es auch in sich. Ein Großteil der Theorie ist Selbstreflexion. „Man lernt viel über sich selbst und über andere. Das hat mich persönlich extrem weitergebracht“, sagt der 33-Jährige. Auf die leichte Schulter sollte man die Ausbildung auch nicht nehmen.
Das familiäre Umfeld und Freunde stehen hinter ihm
Bachers Freundin und sein Umfeld finden es „cool“, dass er diesen beruflichen Neuanfang gewagt hat – es scheint auch eine gewisse Ansteckungsgefahr zu herrschen: Bachers Mutter hat vor Kurzem selbst noch die Ausbildung zur Erzieherin angefangen. Auch vom Finanziellen her, kann der 33-Jährige, der mit seiner Freundin in einer kleinen Wohnung in Böblingen lebt, die drei Jahre mit weniger Lohn gut überbrücken, wie er sagt. Erstens habe er noch Rücklagen und zweitens: Die weitverbreitete Meinung stimme nicht mehr, dass Erzieher so schlecht verdienen würden. Es gebe deutlich schlechter bezahlte Jobs, ist er sicher.
Erzieher verdienen gar nicht so schlecht
Wenn Bacher so etwas wie ein Fazit ziehen müsste, würde er sagen: Man müsse nicht direkt nach dem Schulabschluss den Job fürs gesamte restliche Leben finden. Er wolle zudem Männern Mut machen, in den sozialen Bereich zu wechseln. „Ich glaube, es würde einigen Menschen zum Seelenfrieden verhelfen“, meint er. „Ich habe den Schritt bislang keine Sekunde bereut.“
Auch wenn es am Anfang nicht ganz leicht gewesen sei, sich das einzugestehen. Er habe seinen Traum verwirklicht und wolle auf jeden Fall im sozialen Bereich bleiben. Vielleicht hänge er ein Sozialpädagogik-Studium dran, um sich mehr Möglichkeiten zu eröffnen – wenn das Fußballspielen mit den Kindern zu anstrengend wird. „Ich freue mich auf das, was noch kommt“, sagt er.
Mehrer Wege zum Beruf
Ausbildung
Es gibt zwei Möglichkeiten, Erzieher/in zu werden. Zum einen besteht die Möglichkeit, nach einem zweijährigen Besuch der Fachschule in Vollzeit ein einjähriges Berufspraktikum zu absolvieren. Zum anderen gibt es die praxisintegrierte Ausbildung (Pia), in der sich theoretische und praktische Ausbildungsanteile abwechseln.
Direkteinstieg
Das neue Angebot „Direkteinstieg Kita“ wird ab dem Schuljahr 2024/25 angeboten. Das Angebot der praxisintegrierten zweijährigen Ausbildung an der Berufsfachschule richtet sich an Personen, die das Berufsfeld wechseln möchten.