Böblinger Waldbegang Bäume im besten Stammesalter
Wie wird der Böblinger Wald in Zeiten des Klimawandels aussehen? Die Forstleute Paul Erbacher und Alexandra Radlinger zeigten den Bürgern ihre Strategien für die Zukunft.
Wie wird der Böblinger Wald in Zeiten des Klimawandels aussehen? Die Forstleute Paul Erbacher und Alexandra Radlinger zeigten den Bürgern ihre Strategien für die Zukunft.
Es ist viel geklatscht worden beim Waldbegang auf dem Böblinger Tannenberg am Freitag. Doch nicht nur die Stechmücken kamen auf ihre Kosten, auch die etwa 50 Besucher, denen der Förster Paul Erbacher und die stellvertretende Kreis-Forstamtsleiterin Alexandra Radlinger erklärten, warum sie welche forstliche Entscheidung treffen: Erstaunlich genug, wie viele gegensätzliche Zielvorstellungen sie dabei berücksichtigen.
Der Böblinger Tannenberg im Osten der Stadt ist nur noch zur Hälfte ein solcher: Berg ja, Tannen nein. Das einzige Nadelholz sind Fichten, und selbst die machen nur noch 17 Prozent der Waldfläche aus, obwohl die Fichte einst der wirtschaftlich wichtigste Baum war.
Das flachwurzelnde Nadelholz kann wunderbar gerade Balken produzieren, ständig Wasser aufnehmen und schnell wachsen: aber eines eben nicht – Trockenheit aushalten. Deswegen wandelt sich der Wald immer mehr in einen Laubmischwald. Die Buche ist der Leitbaum, der manchmal auch zum Leidbaum wird, dann, wenn er sich unversehens an ein anderes Schwergewicht im Wald heranpirscht: An die alten Eichen.
Vor einer kleinen Gruppe dieser alten Eichen zeigt Paul Erbacher den Besuchern, was er meint. Eine Buche schiebt sich an einer Eiche hoch, will ihre Krone überflügeln und ihr damit das Licht wegnehmen. Weil aber die Förster solche Gruppen von alten Eichen schützen wollen, hilft nur das, was jetzt ein Waldarbeiter in der Hand hat. Er wirft die Motorsäge an, Zweitakt-Qualm steigt von seinem Fichtenmoped hoch und in fünf Minuten sind die Schnitte gesetzt.
Damit die Buche in die richtige Richtung fällt, wird der Stamm über eine Umlenkrolle vom Traktor umgedrückt. Mit trockenem Knacken zerschlägt die Krone das Unterholz. Ob es nicht schade um die jungen Bäume im Unterholz sei, wird gefragt, nein, lautet die Antwort Paul Erbachers, weil sie ja sowieso nicht alle hochkommen würden.
Man merkt den beiden Forstleuten an, wie wichtig ihnen Naturschutz ist. Die Zahl von 900 Festmetern, die dieses Jahr geschlagen werden, hört sich viel an, bedenkt man aber, dass etwa 300 Festmeter pro Hektar im Wald stehen, und dass der Stadtwald 1000 Hektar groß ist, dann wird klar, dass es nirgendwo einen Kahlschlag geben wird.
Es werden nicht einmal alle Stämme geholt, die schlagreif sind. Solche Stämme, die der Specht als Wohnsitz erkoren hat, bleiben unversehrt, dazu stehen schrotschussartig etliche Bannwaldinseln im Forst, an denen die Förster gar nichts machen. Die meisten Zuhörer, darunter die Baubürgermeisterin Christiane Kraaywanger und der Böblinger Oberbürgermeister Stefan Belz, sind jetzt beruhigt, dass ihnen der Stadtwald als Naherholungsgebiet erhalten bleibt.
Ständig pflügen Radfahrer, Jogger oder Spaziergänger durch die kleine Gruppe der Waldbegänger. Vor einer japanischen Zierpflanze, einem „runzelblättrigen Schneeball“, wie ein anwesender Gärtner weiß, bleibt Alexandra Radlinger stehen: Dieser Gast aus Fernost ist überhaupt nicht gern gesehen, „Grünschnitt muss aus dem Wald draußenbleiben“, schärft sie den Besuchern ein. Damit er sich nicht selber aussäht. Ansonsten sind die Förster nicht gegen seltene Bäume. Auch wenn sie nur wenige Prozent der Waldfläche bewohnen, können sie das genetische Reservoir sein für den Baum der Zukunft, der der Klimaerwärmung trotzt.
Eine schön geschwungene Eiche steht direkt am Wegrand, drumherum wurde ausgeholzt. 250 Jahre ist sie alt und erblickte das Licht des Waldes zu einer Zeit, als Goethe noch jung war und das Heilige Römische Reich deutscher Nation noch existierte. „Wir wollen hier einfach ein schönes Exemplar zeigen, damit die Fußgänger sich an dem prächtigen Gehölz erfreuen können“, sagt Paul Erbacher. Der ebenso will, dass der Wald weiter zur Naherholung sowie den Pflanzen- und Pilzfreunden dient und dabei hofft, dass sich die Menschen in 250 Jahren ebenso über die Arbeit der heutigen Förster freuen werden.
Vorbei an Pfifferlingen und Parasolpilzen biegt die Gruppe auf einen Trampelpfad. Wie der Wald der Zukunft wohl aussehen wird, fragen die Besucher. Natürlich werde es Bäume geben, ist die Antwort, aber sie werden lange nicht mehr so hoch sein wie die heutigen, einfach weil in den kommenden Dürrejahrzehnten zu wenig Wasserdruck im Boden sein wird, als dass er die Baumkronen noch erreichen könnte. Auch in diesem Waldteil wird ausgelichtet. „Wir wollen, dass die älteren Bäume hier in Ruhe dick werden können“, sagt Paul Erbacher, was man ja auch so manchem anderen Senior wünschen würde.
Bannwald
In Baden-Württemberg sind Bannwälder absolute Naturreservate, in denen jegliche Nutzung per Gesetz verboten ist.
Stadtwald
Die Bäume auf Böblinger Gemarkung haben drei Besitzer: Bund, Land und Stadt. Dementsprechend gibt es auch drei Forstämter, die für die Bäume zuständig sind.