Böblinger Wasserturm wieder offen Wunsch nach Weitblick endlich erfüllt

Blick vom Böblinger Wasserturm: Bei klarer Sicht reicht der bis in den Schwarzwald und auf die Schwäbische Alb Foto: /Eibner/Andreas Ulmer

Sechs Jahre nach seiner Schließung als Aussichtsturm ist der Böblinger Wasserturm auf der Waldburg wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Viele hatten sich eine frühere Öffnung gewünscht.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Diese Aussicht hat es in sich. Oben auf der Aussichtsplattform des Böblinger Wasserturms an der Waldburgstraße bei 557 Meter über Normalnull angekommen, dürfen die Besucher endlich wieder den Blick schweifen lassen – müssen aber gesiebte Luft atmen. Ein Drahtgitter sichert die Brüstung ab. Laut Stadtverwaltung eine unverzichtbare Maßnahme. Außerdem ist das Treppenhaus nun mit einer Glasscheibe eingehaust, auch dies dient der Sicherheit.

 

Sechs lange Jahre war der weithin sichtbare Wasserturm gesperrt, jetzt ist er endlich wieder zugänglich – was bei der offiziellen Eröffnung am Donnerstag gefeiert wurde. Oberbürgermeister Stefan Belz, Werner Dinkelaker, Tina Gatty von der Schönbuch Braumanufaktur und Biergarten-Pächter Kai Hammami durchschnitten das rote Band und gaben den Turm frei.

In einer launigen Rede sprach Dinkelaker vielen aus dem Herzen, die persönliche Erlebnisse mit dem Turm verbinden. „Ich habe hier meine Freundin zum ersten Mal geküsst“, berichtete der Brauerei-Geschäftsführer schmunzelnd, „und da das meine heutige Frau Kessi war, kann ich das ja ruhig erzählen.“ Ganz in der Nähe aufgewachsen, sei er schon als Knirps oft die 151 Stufen empor gestiegen. Seiner Bindung an den Ort verlieh er noch einmal Ausdruck, indem er ein Gedicht von Karl Rau aus dem Jahr 1880 rezitierte, in dem dieser die Waldburg besang. Jene Waldgaststätte der Brauerei, die der Straße und dem Gebiet ihren Namen gab.

Höchstgelegenes Bauwerk der Stadt

Der heutige Betonfinger reckt sich genau 31,2 Meter in die Höhe und ist damit das höchste begehbare Bauwerk der Stadt. Vor seiner Erbauung vor 96 Jahren stand dort seit 1917 ein Fliegerbeobachtungsturm, als der Böblinger Flughafen militärisch genutzt wurde. Interessant: Der Wasserturm trägt seinen Namen mittlerweile zu Unrecht. Bis zur Schließung als Aussichtsplattform 2018 speicherte er noch 80 Kubikmeter Trinkwasser. Dies war mit ein Grund für die Schließung: Eine Verunreinigung oder gar ein Anschlag auf das Reservoir wäre zu leicht möglich gewesen. Doch die Stadtwerke speichern das Wasser mittlerweile in dem mit Graffiti besprühten Gebäude daneben – der Turm trägt keines mehr.

Das renovierte Treppenhaus mit aufgefrischtem Putz und Geländer Foto: Eibner/ Pressefoto/Andreas Ulmer

So konnte die Renovierung in Angriff genommen werden, dauerte aber länger, als vielen lieb war. Insbesondere Altstadtrat Horst Wiedenhorn setzte sich immer wieder für den Wasserturm ein und sammelte 450 Unterschriften, um der Verwaltung Dampf zu machen. Bereits vor drei Jahren stand das Thema im Böblinger Gemeinderat auf der Tagesordnung. Es gab viele Ideen, wie der beliebte Turm aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst werden sollte: Mit einem Förderverein, Kunstaktionen oder gar einer Füllung mit Bier.

Ganz so weit kam es nicht, wenngleich die Brauerei bei der Umsetzung ihrer Pläne die Stadt rechts überholte. Bereits im Mai 2022 floss nämlich neues Böblinger Bier aus den Schläuchen unterhalb des Wasserturms. Damals eröffnete die Schönbuch Braumanufaktur gemeinsam mit Gastronom Kai Hammami den Waldbiergarten, der sich seitdem großer Beliebtheit erfreut. Wäre es nach dem Willen einiger Böblinger gegangen, dann hätte man spätestens damals wieder die 151 Treppenstufen zur Aussichtsplattform erklimmen dürfen, um die Weitsicht auf Alb, Schwarzwald und bei klarer Sicht sogar bis zu den Alpengipfeln genießen zu können. Doch der Wunsch ging erst jetzt in Erfüllung.

Interne Wechsel als Grund für Verzögerung

Nur, warum zogen sich die Arbeiten über drei Jahre? Grund dafür seien interne Personalwechsel im Amt für Gebäudemanagement gewesen, sagt dessen Leiter Timo Nußbaum. Außerdem habe es zunächst aufwendige Überlegungen gegeben: „Ein Drehkreuz mit Zählwerk war im Gespräch oder eine Rampe für die Feuerwehr“, sagt Nußbaum. „Am Ende sind wir zu der Erkenntnis gereift, dass es auch einfacher geht.“ Die Renovierung gibt sich nun mit weniger zufrieden und hatte vor allem die Sicherheit der Besucher im Blick.

Werner Dinkelaker, Wirt Kai Hammami, Tina Gatty und OB Stefan Belz Foto: Eibner /Pressefoto/Andreas Ulmer

Zuständige Architektin bei der Stadt ist Lisa Krön, die den Turm nun zwar auf den technisch neuesten Stand brachte, dabei aber auf Originaltreue achtete. Die Treppe sei noch die von 1928, aber freilich an vielen Stellen ausgebessert und allen Standards entsprechend. Ein erhöhtes, aber noch originalgetreues Geländer schützt vor Stürzen auf den 151 Trittstufen, die sich im Inneren empor schlängeln. Außerdem wurde auf der Innenseite der Putz bis in zwei Meter Höhe erneuert und neue Brandschutztechnik eingebaut. So blieb der Umbau deutlich unter dem ursprünglich veranschlagten Kostenrahmen und kostete statt 200 000 nur in etwa 150 000 Euro.

Wann der Turm geöffnet ist

Sommersaison
 Bis auf Weiteres ist der Turm immer zu den Öffnungszeiten des angegliederten Waldbiergartens geöffnet. Ein Schlüssel muss nicht im Lokal erfragt werden, das Personal kümmert sich um Öffnung und Schließung. Ein Aufzug existiert nicht, es sind die 151 Stufen zu nehmen.

Wintersaison
 Während der Wintermonate bleibt der Biergarten geschlossen, der Turm soll aber laut Stadtverwaltung auch in der kalten Jahreszeit für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Oberbürgermeister Stefan Belz versprach, die Öffnungszeiten zu gegebener Zeit öffentlich bekannt zugeben. 

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