Böblingerin als Stammgast in Tripsdrill Mit 83 Jahren: Schmerzfrei in die Achterbahn

Während andere sich in den Schlingentisch beim Physiotherapeuten hängen, therapiert Ursel Dees ihr Hüftleiden kopfüber in der Achterbahn. Foto: Freizeitpark Tripsdrill

Ursel Dees hat schon fast 5000 Fahrten hinter sich und rauscht am liebsten kopfüber durch den Freizeitpark in Tripsdrill – nicht nur zum Spaß.

Ja, die Hüfte. Man kennt das: Irgendwann läuft’s nicht mehr so rund im Gelenk. Bei Ursel Dees zwickt der Knochen seit 35 Jahren. Einmal in der Woche ist daher Therapietag. Die 83-Jährige steuert dann nicht wie alle anderen Hüftleidenden die Praxis eines Physiotherapeuten an, sondern schnappt sich Enkel Markus.

 

Gymnastik in der Achterbahn

Der kutschiert die Böblingerin in den Freizeitpark nach Tripsdrill. Dort absolviert die Dame ihr ganz eigenes Fitnessprogramm: Rein in die Achterbahn und nicht mehr so schnell raus. Erst wenn sie rund 30 Fahrten hinter sich hat, verlässt sie die Bahn. Tabletten, Krankengymnastik, Operation? Für Ursel Dees sind diese Dinge mittlerweile abgehakt. „Brauch ich nicht mehr“, sagt sie. „Ich hab meine Gymnastik“.

Die dauert eine knappe Minute pro Einheit und ist ziemlich turbulent. Die Hängeachterbahn „Hals über Kopf“ schraubt die Rentnerin durch schwindelerregende Spiralen, jagt sie fast senkrechte Strecken hinauf und hinunter und stellt sie viermal pro Fahrt auf den Kopf. Nicht viel anders ergeht es Ursel Dees, wenn sie in die „Karacho-Bahn“ einsteigt: In 1,6 Sekunden beschleunigt das Teil auf 100 Kilometer pro Stunde, bevor es richtig rundgeht.

Seit neun Jahren kopfüber

Schon immer, erzählt Ursel Dees, haben sie die Rummelgeräte fasziniert. Als „jongs Mädle“ sei sie auf der Böblinger Kirmes im Kettenkarussell „ganz oben“ gewesen, die Besuche auf dem Cannstatter Wasen in jungen Jahren waren ebenso Pflicht. Aber Achterbahn in der Dauerschleife? Darauf wäre sie nie gekommen.

Die Geschichte nahm ihren Lauf im Jahr 2007. Nachdem ihr Mann gestorben war, zählte der regelmäßige Ausflug nach Tripsdrill für Ursel Dees zur Pflicht. „Das hat mir wieder Lebensfreude verschafft“, sagt sie. Sieben Jahre später war es dann so weit: „Da möchte ich rein“, offenbarte Dees ihrer Familie und zeigte auf die Karacho-Bahn. „Tu’s nicht“, lautete die Warnung. Vergebens: Mit 74 Jahren bretterte Ursel Dees zum ersten Mal kopfüber durch die Freizeitparkwelt und hat es nicht bereut. Seither ist das Besuchsprogramm in Tripsdrill geklärt: „Die Familie ist im Park unterwegs und die Ursel bei der Achterbahn“, berichtet die Seniorin und grinst.

Der Doktor gab grünes Licht

Seither weiß Ursel Dees auch, dass sich marode Hüfte, malträtierter Rücken und rauschende Auf- und Ab-Rasereien nicht ausschließen müssen. Im Gegenteil: „Am allerschönsten sind die Momente über Kopf“, erzählt sie begeistert.„Da wird der Rücken sanft gedehnt.“ Für Ursel Dees die beste Therapie schlechthin. Schon längst sind die Tage vorbei, an denen sie der Schmerz Tag und Nacht plagt.

Mittlerweile ist die betagte Dame, die 1939 auf der Böblinger Waldburg das Licht der Welt erblickt und viele Jahre bei Spielwaren Kurz in Stuttgart Eisenbahnen verkauft hat, auch froh, dass sie den Medizinern nicht folgte, als diese sie wegen ihrer Hüftarthrose in den Operationssaal kutschieren wollten. Das war bereits vor 35 Jahren.

Und was sagen die Ärzte zu ihrer alternativen Therapieform? Genau dies wollte die frohsinnige Dame schon vor Jahren genau wissen und lud ihren Böblinger Orthopäden auf eine Karacho-Fahrt ein. Weiterfahren, da kann nichts passieren, lautete seine Empfehlung danach. „Der hat sich gefreut, dass ich wieder so viel Lebensfreude habe“, berichtet Ursel Dees. Auch viele Jahre später hat sich daran nichts geändert. Schwindel, Angst, Übelkeit? Mitnichten. Puls, Blutdruck? Alles bestens.

Die Hüftprobleme sind weg, ein wenig Prominenz ist da

Mittlerweile hat sich die Geschichte der Achterbahn-Oma herumgesprochen. „Mich kennt jeder in Tripsdrill, viele wollen mit mir fahren“, erzählt Ursel Dees. Die Leute nennen sie Karacho-Ursel oder Karacho-Oma. Für den Freizeitpark ist sie ein gern gesehenes Aushängeschild. Mit den Besuchern posiert sie für Fotos. Im Internet gibt es Filmchen, die sie jauchzend in der Achterbahn zeigen. Die Zeitungen haben über die Seniorin berichtet, vom Fernsehen wurde sie begleitet, der TV-Moderator Kai Pflaume hat sie sogar in seiner Show empfangen, und ihre E-Mail-Adresse lautet auf auf den Namen Karacho-Ursel: Die Hüftprobleme sind weg, ein wenig Prominenz ist dafür da im Leben der Ursel Dees.

Über 20 000 Mal hat sie dieses Leben bisher kopfüber genossen – genau 3273 Mal in der „Karacho-Bahn“ und 1760 Mal in der „Hals-über-Kopf-Bahn“. So steht es in ihrem Tagebuch, in das sie akribisch jeden Besuch in Tripsdrill notiert. „Ich bin dankbar, dass das mein Kopf mitmacht“, sagt sie und hofft, dass das noch eine Weile so bleibt. Immerhin muss dieser Kopf pro Fahrt vier Überkopfstände verkraften.

An eine Veränderung musste sich die Achterbahn-Omi allerdings gewöhnen: Mittlerweile kommt Karacho-Ursel mit dem Rollator an die Startrampe: „Ich muss vorsichtig sein und darf nicht stürzen“, sagt sie. „Sonst wäre die Hüftoperation sicher.“

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