Böhringer Storch im spanischen Winterquartier Wo ist Zozu?

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Wie findet man das spanische Winterquartier eines Storchenweibchens aus Böhringen am Bodensee? Mithilfe der Technik, enthusiastischer Ornithologen – und mit etwas Glück, berichtet unser Spanienkorrespondent.

Wir haben den Böhringer Storch Zozu in seinem Winterquartier aufgespürt. Manchmal sucht Zozu auf der Kreismülldeponie Pla d’Urgell nach Essbarem – weitere Lieblingsorte des Storchs zeigen wir in der Bildergalerie. Foto: Anna Verea 7 Bilder
Wir haben den Böhringer Storch Zozu in seinem Winterquartier aufgespürt. Manchmal sucht Zozu auf der Kreismülldeponie Pla d’Urgell nach Essbarem – weitere Lieblingsorte des Storchs zeigen wir in der Bildergalerie. Foto: Anna Verea

Lleida - Bei Lleida geht’s runter von der Autobahn, und noch vor den Kassenhäuschen an der Ausfahrt empfangen uns die ersten Störche: Wie Feldherren stehen sie oben auf den Flutlichtmasten der Zahlstelle und beobachten die Welt. Sie selbst lassen sich aber nicht gerne beobachten. Als wir aussteigen, um sie zu fotografieren, breiten sie ihre Flügel aus und entschwinden unseren Blicken. „Der Storch ist kein Tier, das uns erlaubt, sich ihm zu sehr zu nähern“, sagt uns später der Ornithologe Joan Rodríguez. „Sie sind keine besonderen Freunde von neugierigen Menschen.“

Deswegen sind wir aber hier, aufgebrochen von Madrid, um 500 Kilometer weiter nordöstlich, in der katalanischen Provinz Lleida, auf die Suche nach Zozu zu gehen. Zozu ist ein Storchenweibchen aus Böhringen, einem Ortsteil von Radolfzell am Bodensee. In Radolfzell sitzt das Max-Planck-Institut für Ornithologie, und das hat Dutzenden Störchen aus seiner Umgebung einen kleinen Sender wie einen Rucksack auf den Rücken geschnallt, um verfolgen zu können, wo die Störche sind, wenn sie nicht in ihrem Nest sind. Zozu, deren Wege das Max-Planck-Institut seit kurz nach ihrer Geburt vor fast vier Jahren verfolgt, ist gerade in der Gegend von Lleida. Da wollen wir sie finden.


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Wir haben an diesem Tag Glück. Kein Wölkchen trübt den blauen Winterhimmel. Von der Autobahnausfahrt geht es noch 30 Kilometer gen Osten nach Mollerussa, einem ziemlich unansehnlichen 15 000-Einwohner-Städtchen, wo wir Joan Rodríguez und Anna Varea treffen: zwei ­engagierte Menschen, beide 44 Jahre alt, freiberufliche Ornithologen, die sich den Tag freigenommen haben, um uns bei der Suche nach Zozu behilflich zu sein. Rodríguez hat gerade den Auftrag bekommen, in der Nachbarprovinz Tarragona Habichtsadler zu beobachten, und ist jetzt trotzdem für uns da. „Natürlich, ich bitte dich!“, sagt er, „ich halte doch mein Wort.“

Reichlich Nahrung

Die beiden stecken uns in ihren mächtigen dunkelgrünen Pick-up, der schon eine halbe Million Kilometer auf dem Buckel hat, und bringen uns Zozu näher. Die Landschaft nördlich von Mollerussa, durch die wir über schmale Straßen fahren, hat dem Auge nicht viel zu bieten: flaches Land, abgeerntete Felder, hin und wieder kleine rechteckige Spalierobstplantagen, ansonsten fast keine Bäume. „In dieser Gegend ist der Baum ein Feind“, sagt Rodríguez. „Die werfen Schatten aufs Land“, fügt Varea ­hinzu, „das stört die Bauern.“

In der Ferne schimmern die Pyrenäen, schneebedeckt, vielleicht 80 Kilometer weit weg. „Hier ist alles sehr nah, das Meer ist auch nur eine knappe Stunde entfernt“, sagt Rodríguez. Der Landstrich zwischen Mittelmeer und Hochgebirge, die von großen und kleinen Bewässerungskanälen durchzogene Ebro-Senke, ist fast ganz in der Hand der Landwirtschaft. Nirgendwo unberührte Natur. Was reizt Zozu an dieser Gegend?

Seit den 1970er Jahren hat sich die Zahl der Störche in der Provinz Lleida stetig vermehrt. Die einen sind hier zu Hause, die anderen verbringen hier den Winter. „Es liegt am Wandel der Landwirtschaft“, erklärt Rodríguez, „an der Bewässerung der Felder.“ Das sorgt für Nahrung: Heuschrecken, Würmer, Feldmäuse, hin und wieder Frösche oder Kröten, zählt Rodríguez auf. Und wenn es auf den Feldern nichts gibt, dann auf den Müllhalden.

Eine Müllhalde ist hier in der Nähe, die Kreisdeponie Pla d’Urgell. Wir besuchen sie am nächsten Tag und sehen sie voller Störche. Zunächst aber kommen wir an einem abgeernteten Luzernefeld vorbei, das für Dutzende Störche offenbar attraktiver ist als der nahe Müllplatz. Sie lassen sich von uns nicht stören. Wir sitzen im Auto, und Autos kümmern die Störche nicht. Nur wenn wir ausstiegen, würden sie nervös. Wir fahren weiter. Wir haben gerade Zozu gesehen, sie ist eine aus der Gruppe auf dem Feld. Wir wissen es nur noch nicht.

Wir biegen auf einen Weg ab, der uns zum Estany d’Ivars i Vila-sana führt, einem See, weder groß noch klein, der einzigen Naturoase in der Gegend. Den See gab’s lange Zeit nicht, 1951 legte man ihn trocken, um landwirtschaftliche Anbaufläche zu gewinnen, 2005 ließ man ihn wieder volllaufen, jetzt ist er ein Vogelparadies. Hier übernachtet Zozu. Das wissen wir dank des Senders, mit dem sie seit ihrer Kindheit durch die Gegend fliegt und der zweimal am Tag per SMS ihren Standort meldet.

GPS-Sender auf Zozus Rücken

Doch jetzt ist Mittag, und Varea stellt fest: „Störche sind hier keine.“ Dafür Möwen, sehr viele Möwen, Heringsmöwen und Silbermöwen, ansonsten Enten und Reiher. Rodríguez hat auf der Anhöhe über dem südlichen Seeufer, auf der wir stehen, sein Teleskop aufgebaut. Er lässt mich hindurchschauen. „Dort wo gerade die Möwen sind, da schlafen die Störche“, erklärt er. Ich blicke auf eine Möwengruppe, die sich im seichten Wasser in der Nordostecke des Sees niedergelassen hat. Die Störche muss ich mir vorstellen.

Jetzt wollen wir aber endlich Heidi Schmid treffen. Schmid und ich haben heute schon ein paar Whatsapps ausgetauscht, am Morgen war sie noch in Narbonne in Südfrankreich, jetzt ist sie hier irgendwo am See, mit dem selben Ziel wie wir: Sie sucht Zozu. Schmid ist eine ausnehmend gut gelaunte Frau von 55 Jahren und kaum zu bremsender Energie, wie sich gleich ­herausstellt. Während wir mit unserem Pick-up den See von Süd nach Nord umrunden, kommt sie uns mit ihrem VW-Bus ­entgegen, den sie, um uns auszuweichen, schwungvoll beinahe in den Graben setzt. „Nein, nein, das ist noch gut gegangen“, sagt sie, als sie lachend aus dem Wagen steigt. Und dann stellen sich alle gegenseitig vor, mit Handschlag oder Küsschen, in fröhlichem viersprachigem Stimmengewirr aus Spanisch, Katalanisch, Deutsch und Englisch, alle mit Vornamen, Joan und Anna, Heidi und ihr Mann Stefan, meine Frau Rosa und ich.

Heidi Schmid ist Technische Assistentin am Max-Planck-Institut in Radolfzell. Sie ist mit ihrem Mann nach Spanien gekommen, um sich auf die Suche nach besenderten Vögeln wie Zozu zu machen. Sie hat einen kleinen grauen Apparat dabei, „die Basisstation“, sagt sie, der mit einer Antenne, so groß wie eine Fernsehantenne, verbunden ist: Darüber lädt sie die Daten herunter, die sich im Laufe der Monate auf dem GPS-Logger Zozus und der anderen Vögel, die sie in den kommenden Tagen in Spanien noch suchen wird, angesammelt haben. Der GPS-Logger ist der rucksackgleiche Sender, den Zozu auf dem Rücken trägt. Zum letzten Mal hat er sich bei Schmid heute Mittag gegen 12 Uhr gemeldet. „Da war Zozu hier“, sagt Schmid und zeigt auf einen Punkt auf einer Karte: Das ist das Feld voller Störche, an dem wir vor Kurzem erst vorbeigefahren sind. Was ist jetzt zu tun? „Na, sie finden“, sagt Schmid.