Boeing 747 Der Jumbo wird 50

Von Simon Rilling 

Die Boeing 747 revolutionierte das Reisen – und machte Fliegen für viele Menschen erst erschwinglich. Vor 50 Jahren hob der Jumbo zu seinem ersten kommerziellen Flug ab.

Anflug auf London: Vor 50 Jahren hebt die Boeing 747 zu ihrem ersten kommerziellen Flug ab. Foto: AP/Kemp 20 Bilder
Anflug auf London: Vor 50 Jahren hebt die Boeing 747 zu ihrem ersten kommerziellen Flug ab. Foto: AP/Kemp

New York - Ein Flugzeug doppelt so groß wie das Vorgängermodell 707, mit doppelt so vielen Passagieren. Das ist der Deal, als sich Pan Am-Chef Juan Trippe und Boeing-Chef William Allen im Dezember 1965 einigen. „Wenn Sie es bauen, kaufe ich es“, erklärt Trippe. „Wenn Sie es kaufen, baue ich es“, entgegnet Allen. 25 Maschinen ordert Pan Am. Dabei existiert noch nicht mal ein Bauplan. Ein derart großes Flugzeug scheint praktisch undenkbar – doch Boeing liefert.

Bereits am 9. Februar 1969 hebt die erste 747-100 vom Boeing-Werk Everett nahe Seattle zu ihrem Jungfernflug ab. Ein Koloss, so hoch wie ein sechsstöckiges Haus, zusammengesetzt aus 4,5 Millionen Einzelteilen, versehen mit dem charakteristischen Buckel. Am Abend des 21. Januar 1970 soll der erste kommerzielle Flug von New York nach London folgen. Die Passagiere sitzen bereits im Flieger, doch ein Triebwerk der Clipper Young America ist überhitzt und muss ausgetauscht werden. Dafür ist aber keine Zeit, zu groß wäre die Blamage. Also startet eine Ersatzmaschine, deren Namen – Clipper Victor – mit dem Schriftzug Clipper Young America überklebt wird, um die Panne zu vertuschen.

Die siebenstündige Verspätung wird in London hämisch kommentiert

Die siebenstündige Verspätung lässt sich allerdings nicht verheimlichen und wird in London hämisch kommentiert. „So was haben Sie noch nicht gesehen“, hatte Boeing geprahlt. „Stimmt, haben wir nicht“, ätzt ein britischer Fernsehreporter.

Der holprige Start ändert nichts am Erfolg der 747, denn der Jumbo Jet revolutionierte das Reisen: Der Preis für einen Transatlantikflug sinkt um fast 50 Prozent auf 250 Dollar – hin und zurück. Flugreisen sind auf einmal erschwinglich. Der Jumbo – bis zum Bau des Airbus 380 das größte Flugzeug der Welt – lässt den Globus schrumpfen. Selbst Piloten geraten ins Schwärmen. „Es ist kaum zu glauben, wie lächerlich einfach es ist, eine 747 zu fliegen. Ein Traum für jeden Piloten“, erklärt der Testpilot Jack Waddell nach dem Jungfernflug.

1971 steht Boeing vor dem Ruin, die 747 rettet den Flugzeugbauer aus Seattle

Dabei hatte Boeing eigentlich auf die Entwicklung des Überschallflugzeugs B 2707 gesetzt. Die 747 galt nur als Übergangsmodell. Als die Subventionen für die B 2707 gestrichen werden, stellt Boeing den Bau des Flugzeugs ein, das als Antwort auf die Concorde gedacht war. Das 1916 von dem Sohn eines deutschen Einwanderers gegründete Unternehmen steht vor dem Ruin und muss 1971 fast zwei Drittel seiner Belegschaft entlassen. Nun hängt alles von der 747 ab – und die sorgt für Furore: Lufthansa, British Airways, KLM, jede Fluggesellschaft will einen Jumbo. Und Boeing liefert: 1555 Maschinen bis Ende Dezember, für weitere 17 liegen Bestellungen vor. Es gibt zahlreiche Varianten der 747, die nicht nur die Space Shuttles huckepack nimmt, sondern bis heute auch die US-Präsidenten fliegt.

Doch die Ära der 747 neigt sich dem Ende zu. Die „Königin der Lüfte“ dankt ab. Inzwischen bevorzugen die Fluggesellschaften kleinere, zweistrahlige Maschinen. Die 747 setzen sie meist nur noch für Fracht ein. Auch Boeing gerät in Turbulenzen. Nach dem Absturz zweier Boeing 737 Max 8 am 29. Oktober 2018 in Indonesien und am 10. März 2019 in Äthiopien werden weltweit Startverbote für diesen Flugzeugtyp verhängt. Zum Absturz soll in beiden Fällen das automatische Flugassistenzsystem MCAS geführt haben, das die Nase des Flugzeugs immer wieder nach unten drückte.

Boeing weiß von den Problemen der 737 Max 8, tut aber nichts

Intern waren die Probleme der Maschine bekannt. So schrieb ein Boeing-Mitarbeiter, die 737 Max 8 sei von Clowns entwickelt worden, die von Affen beaufsichtigt werden. E-Mails zeigen, dass die Software bereits im Simulator verrückt spielte. Dennoch empfahl der technische Chef-Plot Mark Forkner der US-Luftfahrtbehörde FAA wenig später, MCAS nicht im Handbuch für Piloten aufzuführen, was auch geschah. Dadurch konnte Boeing bei der Einführung der neusten Version der 737 teure Umschulungen der Piloten und Training im Simulator vermeiden, wofür sich auch Forkner in einer E-Mail vehement aussprach. Angefragt hatte Lion Air. Ein fataler Fehler, den 346 Menschen mit dem Leben bezahlen.

Die Folge: Zahlreiche Bestellungen werden storniert, die 737 Max 8 bleibt am Boden, der bisherige Marktführer fällt hinter den europäischen Konkurrenten Airbus zurück. Boeing bräuchte also wieder einen Coup wie einst die 747. Sonst bleibt nur der wehmütige Blick auf die glorreiche Vergangenheit – und der zweite Platz hinter Airbus.




Unsere Empfehlung für Sie