Wiltrud Baier und Sigrun Köhler drehen seit dreizehn Jahren schräge Dokumentarfilme. Am Wochenende eröffnen sie ihre erste Ausstellung.

Stuttgart - Am 11. September 2001 stürzten in New York die Türme des World Trade Centers ein. Schockwellen gingen um die ganze Welt und erreichten auch im allerhintersten Landstrich noch den allerletzten Winkel. Zum Beispiel Gammesfeld im Hohenlohischen, ein abgeschiedenes Fünfhundert-Seelen-Dorf, in dem es neben einem Edeka auch eine Bank mit einem Bankdirektor gibt. Er heißt Fritz Vogt und ist seit dem Dokumentarfilm „Schotter wie Heu“ eine kleine Berühmtheit – auch wegen seiner im Film festgehaltenen Reaktion auf die 9/11-Schockwellen.

 

Die Landeszentralbank in Stuttgart wollte wissen, ob die Taliban bei ihm ein Konto haben, was Vogt so absurd fand, dass er die Anfrage zunächst ignorierte. Es folgte ein „scharfer“ Anruf mit der Ermahnung, die Auskünfte schleunigst per Fax oder Mail zu übermitteln. „Ich habe kein Faxgerät“, erklärte der Bankdirektor daraufhin dem verblüfften Anrufer. „Ich habe auch keinen Computer“, setzte er trocken hinzu – und der sich an dieses Telefonat erinnernde Vogt lächelt jetzt schwejkhaft verschmitzt in die Kamera, als habe er soeben das völlig entgeisterte Gesicht am anderen Ende der Leitung mit eigenen Augen gesehen. Eine Bank ohne Computer! Mit handschriftlich geführten Konten! Und uralter Buchungsmaschine! Was ist da los in Gammesfeld? Finsterstes Mittelalter?

Im Universum zweier Frauen

Die Frage, die sich damals im Kopf des High-Tech-Bankers formiert haben mag, hatten sich zuvor schon die Stuttgarter Filmemacherinnen Wiltrud Baier und Sigrun Köhler gestellt. „Schotter wie Heu“ war das Ergebnis ihrer Recherche, dieser etwas andere, 2002 erschienene Heimatfilm über die kleinste Bank Deutschlands. Kaum lief die Dokumentation in den Kinos, erging es den beiden Frauen wie ihrem Protagonisten. Über Nacht wurden sie weit über die hohenlohische Landesgrenze hinaus berühmt. Der Film avancierte zum Publikumserfolg, heimste Preise ein und wurde Kult, eben weil er einen humorvollen, aber nie herablassenden Blick auf die Provinz und ihr ganz eigenes Getriebe warf. Umso schöner, dass die lange vergriffene DVD jetzt wieder im Handel ist – und Baier und Köhler, besser bekannt unter dem Kampfnamen Böller und Brot, gleich doppelt mobil machen: Am Sonntag steigt im Stuttgarter Wilhelmspalais die Party für die Neuauflage von „Schotter wie Heu“. Und schon heute, am Freitag, eröffnen sie in der Galerie AK 2 ihre erste, ja allererste Ausstellung: „Böller und Brot – The Universe.“

Was für ein Titel! Und was für ein lockendes Versprechen, diese Reise in ein Universum mit zwei Frauen, die in ihren Arbeiten eben nicht das Universelle, sondern das Exemplarische, das handgreiflich vor Ort sich Ereignende studieren. Sigrun Köhler schiebt nun eine Plastikkiste in das Böller-und-Brot-Büro, das sich im Haus der baden-württembergischen Kunststiftung befindet. Zu jedem der mittlerweile fünf Langfilme des Regiepaars existiert eine solche Materialsammlung, also auch zum Stuttgart-21-Film „Alarm am Hauptbahnhof“, der 2012 den Grimme Preis erhielt. In der Kiste also: Widerstandssekt und Plakate, Widerstandsbier und Leitz-Ordner und eine Menge anderer Krempel. Mit solchen und ähnlichen Exponaten ist auch das „Universum“ in der AK-2-Galerie bestückt – und mit einem Kaktus, den Wiltrud Baier seit Jahren hegt und pflegt.

Samen für einen künftigen Western

„Ich habe den Samen für die Pflanze zu Beginn meines Filmstudiums in Ludwigsburg bekommen“, sagt die 46-jährige Baier, „für den Fall, dass ich einen Western drehen will. Ich züchte mir jetzt meine Kulisse heran“ – und der schräge Humor, der sich in dieser Anekdote ausdrückt, ist bezeichnend für die Art, wie sich Böller und Brot der Welt als Ganzem nähern. Vom Rand kommend, dringen die Filmemacherinnen mit Gespür für untergründige Komik in Alltagsbiografien ein, die freilich erst auf den zweiten Blick ihre Andersartigkeit offenbaren. Die Menschen und Geschichten, von denen ihre Dokus handeln, muten kauzig an, das stimmt schon – aber diese Kauzigkeit ist derart mit Mutterwitz und Intelligenz gepaart, dass sie als sympathische Form des Widerstands gegen eine normierte Gesellschaft gesehen werden muss.

Ein Ausläufer dieses Widerstands, dieser unorthodoxen Methode, die Erwartungen einer amerikanisierten Welt zu unterlaufen, ist auch die Universe-Schau. „Es ist die Parodie einer Ausstellung“, sagt Köhler, die so alt ist wie Baier und ebenfalls in Ludwigsburg studiert hat. In der Tat dürfte ein mit Widerstandssekt präsentierter Kaktus nicht unbedingt geeignet sein, den Ruhm von Genies zu mehren, die als unsterblich in die Geschichte eingehen wollen. Nein, solche Stücke in Vitrinen bewirken das Gegenteil. Sie lassen die Luft aus dem aufgeblasenen Kunstbusiness und machen das Pathos komisch und den Mythos hohl. Auch wenn die beiden Frauen teutonische Vornamen tragen, so ticken Sigrun & Wiltrud doch sehr, sehr unteutonisch. Ihren Witz würde man in England vermuten, nicht aber in Deutschland, wo sie mit ihren Filmen – aller Anerkennung zum Trotz – noch immer erfreulich quer zum Mainstream liegen.

Taliban der Geldwirtschaft

In der Ausstellung ist auch ein randvoll mit geschredderten D-Mark-Noten gefülltes Marmeladenglas zu sehen. Schnipsel aus Geld. Oder eben, böller-und-brothaft um die Ecke gedacht: Schotter wie Heu. Bei der Vorstellung der gleichnamigen, um Bonusmaterial erweiterten DVD wird am Sonntag übrigens auch der mittlerweile pensionierte Bankdirektor Fritz Vogt anwesend sein: Als 2008 der Mechaniker starb, der die Buchungsmaschine reparierte, schlug auch dem braven Taliban der Geldwirtschaft das letzte Stündlein. Nun war niemand mehr da, der sein Equipment hätte warten können. Vogt ging in den Ruhestand. Sein Institut aber floriert weiter – trotz der zwei Computer, die sein Nachfolger inzwischen angeschafft hat.