Börsenrallye Lohnt sich der Einstieg am Aktienmarkt jetzt noch?

Finanziell gar nichts zu tun hält Vermögensverwalter Gerd Kommer für die schlechteste aller Optionen. Foto: Gerd Kommer Invest GmbH

Die Aktienmärkte werfen starke Renditen ab, in Deutschland trauen sich viele Menschen jedoch nach wie vor nicht an die Börse. Was beim Start zu beachten ist.

Die Zinsen sinken seit dem Sommer wieder, während die Börsen florieren. Der deutsche Leitindex Dax liegt seit Jahresbeginn mit über 16 Prozent im Plus, Allzeithochs bleiben in Reichweite. Ist jetzt ein guter Zeitpunkt, Aktien zu kaufen?

 

„Gar nichts zu tun, dürfte die schlechteste Strategie sein“

Viele Fachleute die Frage des richtigen Timings beim Einstieg an der Börse ohnehin für überschätzt, wenn nicht gar irrelevant – zumindest bei langfristiger Geldanlage zum dauerhaften Vermögensaufbau. Als viel wichtiger gilt die richtige Strategie.

„Gar nichts zu tun und bis zum ‚richtigen’ oder bis zu einem ‚besseren’ Einstiegszeitpunkt zu warten, dürfte zu jedem gegebenen Zeitpunkt die schlechteste Strategie sein“, meint Vermögensverwalter Gerd Kommer, der sich auf passive Indexfonds (sogenannte ETFs – dazu später mehr) spezialisiert. Das sagt sich als Experte leicht, aber Einsteiger müssen einiges wissen und beachten, um Anfängerfehler und Fallstricke zu vermeiden. Also ganz von Anfang an: Warum überhaupt Geld am Aktienmarkt investieren?

Das Hauptargument: Aktien bieten im historischen Vergleich deutlich attraktivere Renditen als Zinsanlagen wie Anleihen, Tages- oder Festgeld. Studien zeigen, dass langfristig im Schnitt Erträge von mindestens acht bis neun Prozent pro Jahr winken, in guten Börsenjahren zweistellige Wertzuwächse. Diese Statistiken beziehen sich jedoch auf die Vergangenheit, eine Garantie für künftige Performance sind sie nicht – und mit heftigen Kursgewittern und Phasen starker Wertabschläge ist generell immer zu rechnen. Bei Finanzkrisen wie 2008 kann es auch für längere Zeit steil bergab gehen.

„Man muss bereit sein, zwischenzeitlich Verluste von 50 Prozent hinzunehmen“, sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Letztlich bezahlen Anleger die Chance auf höhere Renditen als bei Zinsprodukten, die garantierte Erträge liefern, mit höherem Risiko. Es gibt jedoch Möglichkeiten, dieses zu begrenzen.

Wetten auf schnelle Gewinne sind riskant

Dazu hat sich eine ganze Reihe von Börsenweisheiten etabliert. Einer der Klassiker lautet: „Lege niemals alle Eier in einen Korb.“ Damit ist gemeint, dass eine dauerhaft solide Anlagestrategie auf ein ausgewogenes Portfolio mit einer breiten Auswahl an Aktien vieler Unternehmen aus verschiedenen Branchen und Ländern setzen sollte. Steckt man alles Geld in eine einzelne Firma, so ist bei einer Pleite womöglich alles weg. Solche sogenannten Klumpenrisiken gilt es zu vermeiden.

Wichtig ist zudem, Investitionen nicht mit Spekulationen zu verwechseln. Kurzfristige Kursanstiege sind zwar verlockend, haben aber eher den Charakter von Glücksspiel als von seriöser Finanzanlage. Wetten auf schnelle Gewinne sind riskant und gehen auf Dauer meistens nicht auf. Außerdem fallen bei regem Handel hohe Transaktionsgebühren an – auch hierfür gibt es eine Börsenregel: „Hin und her macht Taschen leer“. Fachleute wie Verbraucherschützer Nauhauser raten stattdessen zu ausgeruhten „Kaufen und halten“-Strategien, bei denen Geld langfristig, kontinuierlich und weit gestreut angelegt wird.

Auch wenn es hin und wieder zu kräftigen Kursschwankungen kommt, kann ein breit aufgestelltes Portfolio dies in der Regel abfedern und Verluste im Laufe der Zeit wieder aufholen, sodass Anleger sich von Turbulenzen nicht verunsichern lassen müssen.

Um Verlustrisiken einzelner Aktien zu minimieren, bieten sich Fonds an, die in einen großen Korb von Wertpapieren investieren. Mit Sparplänen können Anleger in regelmäßigen Abständen einzahlen und so schrittweise Aktienvermögen aufbauen.

Aktive Aktienfonds liefern selten überdurchschnittliche Renditen

Das ist schon mit niedrigen Beträgen ab 25 Euro pro Monat möglich und hat auch den psychologischen Vorteil, dass sich Anleger keinen Stress wegen des vermeintlich perfekten Kaufzeitpunkts machen müssen. Bei fallenden Kursen erhält man mehr Anteile für sein Geld, bei steigenden weniger – letztlich gleicht es sich dann ohnehin aus.

Bei Aktienfonds gibt es jedoch eine wichtige Unterscheidung zwischen aktiv verwalteten Produkten und passiven ETFs, die der Wertentwicklung von Indizes wie Dax, S&P 500 oder MSCI World folgen. Für ETFs spricht, dass es Managern aktiver Fonds selten gelingt, mit ihren Strategien überdurchschnittliche Renditen zu erzielen. Indexfonds kosten mit jährlichen Verwaltungsgebühren von im Schnitt 0,1 bis 0,8 Prozent des Fondsvermögens auch deutlich weniger als aktiv gemanagte Fonds. Doch auch im ETF-Markt entsteht viel Wildwuchs, mittlerweile gibt es für fast jedes Thema und jeden Sektor ein Angebot – das gilt auch für riskante Nischen wie Cannabis oder Krypto-Anlagen wie Bitcoin oder Ether.

Für langfristiges Aktiensparen mit ausgewogenen Risiken empfehlen Geldratgeber von Finanztip oder den Verbraucherzentralen breit aufgestellte ETFs etwa auf Weltaktienindizes wie den MSCI All Country World oder den FTSE All-World, mit denen man auf einen Schlag an der Wertentwicklung von 3000 bis 4000 Einzeltiteln teilnimmt. Sehr beliebt bei ETF-Sparern ist der MSCI World, hier gibt es allerdings regelmäßig Kritik wegen eines angeblichen Übergewichts an US-Aktien, besonders aus dem Tech-Bereich.

Wie kann man überhaupt am Aktienmarkt mitmischen? Das geht heutzutage ganz einfach: Benötigt wird lediglich ein Wertpapierdepot, um Aktien- oder Fondsanteile zu kaufen. Das kann direkt bei der Hausbank eröffnet werden, günstiger ist es jedoch meist bei Direktbanken oder Onlinebrokern. Dabei sollte man nicht nur auf die Depotführungsgebühren schauen, sondern auch auf die Kosten, die beim Handel entstehen.

Neobroker mischen den Markt auf und drücken die Preise

Laut Stiftung Warentest lassen sich hier mitunter ein paar Hundert Euro pro Jahr sparen. Sogenannte Neobroker, die den Markt seit einigen Jahren aufmischen, drücken die Preise. Onlineanbieter wie Scalable Capital oder Trade Republic werben mit niedrigen Gebühren und einfacher Bedienung. Sie buhlen besonders um jüngere Kunden, die übers Handy handeln wollen. Allerdings sollten Anleger bei allen Angeboten die verfügbaren Handelsplätze und Wertpapiere prüfen, hier gibt es erhebliche Unterschiede.

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