Bohnenviertel in Stuttgart Grummeln übers Bohnenviertelfest

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Der Streit um die Kommerzialisierung des Bohnenviertelfests ist so alt wie sein Publikumserfolg. Das Ordnungsamt will jetzt prüfen, ob die Auflagen noch zum Massenandrang in den Höfen und Gassen passen.

Schon lange sind die Bohnenviertler bei ihrem Fest nicht mehr unter sich – was nicht ohne Folgen bleibt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Schon lange sind die Bohnenviertler bei ihrem Fest nicht mehr unter sich – was nicht ohne Folgen bleibt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

S-Mitte - Das Bohnenviertelfest ist nicht mehr, was es einmal war – gemäß amtlicher Feststellung. Einst als Party für Anwohner und ansässige Geschäftsleute gegründet, wuchs es zum Treffen für Gäste aus der gesamten Region. Weshalb „wir schauen müssen, ob die alten Auflagen noch taugen“. So sagte es die Leiterin des Ordnungsamts, Dorothea Koller, eher nebenbei während einer Sitzung des Bezirksbeirats. Das Fest sei gleichsam „ein Opfer seines Erfolges“.

Dem Ordnungsamt geht es um Sicherheitsfragen, vorwiegend um Fluchtwege aus den Hinterhöfen über enge Gassen, in denen Menschen so dicht aneinanderstecken wie in den vorderen Reihen eines Rockkonzerts. „Wir müssen einfach schauen, was wir machen, wenn es zu voll wird“, sagt Koller. Ansonsten ist das Fest aus ihrer Sicht unauffällig. „Vor ein paar Jahren gab es Beschwerden wegen Beschallung bis spät in die Nacht und wild urinierenden Gästen“, sagt Koller. Im vergangenen Sommer meldete die Polizei drei Anrufe wegen Lärmbelästigung, was an einem Sommerwochenende in der Stadtmitte als statistisches Rauschen gelten darf.

Die gefühlte Statistik widerspricht der amtlichen

Die gefühlte Statistik scheint allerdings eine andere als die amtliche. „Über das Bohnenviertelfest müssen wir einmal ausführlich diskutieren“, meint der SPD-Bezirksbeirat Heinrich Huth. So wird es geschehen. „Beim letzten Mal ist das völlig aus dem Ruder gelaufen“, sagt der Stadtist Sebastian Erdle. Er wohnt an der Wagnerstraße – mitten im Geschehen. Kritik am Fest gleicht im Quartier einer Verfehlung, die zum Verlust der Bürgerrechte führt. Aber „wenn im Treppenhaus vor meiner Wohnungstür Betrunkene liegen, ist das nicht mehr hinnehmbar“, sagt Erdle.

Im vorvergangenen Jahr ist er über die Festtage verreist, nach Berlin. Während ihnen schlendert er ansonsten nur noch zwangsläufig durch die Gassen, nicht mehr des Amüsements wegen. Da ist er nicht der Einzige. „Ich gehe auf keinen Fall mehr hin“, sagt Axel Clesle. Was insofern bemerkenswert ist, als Clesle das Fest einst organisierte – in seiner Zeit als Vorsitzender des Veranstalters, des örtlichen Handels- und Gewerbevereins. Schon 2003 tobte im Verein ein Streit darum, dass das Bohnenviertelfest zum „Fress- und Sauffest verkommt“. Dabei „sind richtige Feindschaften entstanden“, sagt Clesle. Am Ende stand der HGV sogar vor seiner Auflösung. Die Kulturinitiative Bohnenviertel gründete sich als kommerzferner Gegenpol.

Der Streit um Kommerzialisierung ist so alt wie der Erfolg

Der Streit um die Kommerzialisierung ist mithin so alt wie der Erfolg des Festes, das anfangs eher ein gemütliches Treffen der Quartiersbewohner samt ihrer Bekanntschaft war. Die Entwicklung „ist aber die gleiche wie beim Henkersfest, beim Heusteigviertelfest und beim Festival der Kulturen“, sagt die Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle. „Ich fand es auch früher schöner als das Geschiebe und Gedränge, aber das kann man nicht zurückdrehen.“ Schließlich lässt sich niemandem, der außerhalb der Stadtgrenzen lebt, der Besuch im Bohnenviertel verbieten.

Die Botschaft womöglicher neuer Auflagen ist beim Veranstalter verständlicherweise unbeliebt. Denn auch in dieser Hinsicht ist das Bohnenviertelfest nicht mehr, was es einmal war. „Für uns gelten schon die gleichen Maßstäbe wie für das Weindorf oder das Volksfest“, sagt Monika Kurfeß vom HGV-Vorstand, „und bisher haben wir immer alles übererfüllt.“ Ein Sicherheitsdienst patrouilliert, sieben Sanitäter und eine Krankenwagenbesatzung warten auf Verletzte oder Kreislaufzusammenbrüche. „Gebraucht haben wir nie etwas davon“, sagt Kurfeß.

Lärm- und andere Belästigungen sind nicht zu leugnen. „Auch, dass Leute Flaschen aus dem Fenster geworfen haben, ist schon vorgekommen“ , sagt Kurfeß. Derlei Auswüchse will sie aber nicht den Festgastronomen angelastet wissen: „Das sind Anwohner, die hängen sich an und machen nachts Party.“ Für die offiziellen Teilnehmer gilt: Donnerstags und freitags um 22, samstags um 23 Uhr ist Schluss mit Musikbeschallung. So steht es in den Teilnahmebedingungen, und das, sagt Kurfeß, „setzt unser Wachdienst auch durch“.

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