Bollenhüte in Kirnbach Unter diesen Hut passt der ganze Schwarzwald

Sind noch nicht unter der Haube: junge Frauen aus Kirnbach mit rotem Bollenhut Foto: Uli Fricker

In Kirnbach im Schwarzwald entstanden die ersten Bollenhüte, die inzwischen für die ganze Region steht

Kirnbach im Schwarzwald feiert 750. Geburtstag. Das ist nüchtern gesehen nicht die ganz große Nachricht; im Schwarzwald und auch im Ortenaukreis stehen schließlich viele alte Dörfer. Doch ist der Ort im schmalen Tal des Kirnbachs etwas Besonderes: Hier wurde der Bollenhut erfunden, genäht, vergipst und schließlich mit den runden Wollkugeln (alemannisch: Bollen) versehen, die ihm den Namen geben. Die Kopfbedeckung wird ausschließlich von Frauen getragen. Als Symbol ist sie längst über das Straßendorf am Kirnbach hinausgewachsen: Der Bollenhut ist zum Sinnbild und Logo des Schwarzwalds geworden. Die prallen Kugeln werben mit Erfolg für das beliebte Mittelgebirge.

 

Auch beim Festzug zum 750. Geburtstag der verstreuten Talgemeinde dreht sich alles um diesen Frauenhut. Die Gruppen ziehen das Tal hinunter. Die Männer in langen schwarzen Fräcken aus Samt und mit roten Schößen. Doch im Mittelpunkt stehen die Frauen mit breiten Schürzen und dem Bollenhut. Die Vorschrift lautet: Die Mädchen tragen bis zur Konfirmation ein schwarzes dünnes Häubchen. Erst bei der Konfirmation erhalten sie die Kappe mit den roten Bollen. Diese werbende Farbe legen sie ab, sobald sie unter der Haube sind. Dann tauschen sie die roten gegen die schwarzen Kugeln. „Jeder Mann wusste dann, dass diese Frau nicht mehr zu haben ist“, berichtet Waltraud Kach augenzwinkernd. An diesem Festtag hilft sie im Alten Rathaus bei der Bewirtung der Gäste. Es gibt Gulasch, das schnell ausverkauft ist. Viele Besucher haben sich auf den Weg über Wolfach das Kinzigtal hinauf gemacht.

Die Tradition wird gelebt

Die schmale Straße ist an diesem Tag gesperrt. Der Trachtenverein (er heißt hier Kurrende) führt den Festzug an, ihm folgen die Vertreter anderer Gemeinden. Bemerkenswert und nicht selbstverständlich: Diese Tradition lebt, auch Kinder laufen im Zug mit. Mädchen zeigen stolz ihre Haube, Jungs stecken unter schwarzen Hüten. Das Brauchtum wird nicht nur vorgeführt und dann wieder in den Schrank gehängt. „Die Tracht ist ein Teil meines Lebens“, sagt Leandra Wiedmaier. Der Hut mit den roten Kugeln steht ihr ausgezeichnet. Die 21-jährige Studentin stammt aus Kirnbach, sonst dürfte sie diese Kleidung nicht tragen.

Eines ist erstaunlich: Der Schwarzwald ist reich an tradierten Kleidungsstücken und an Kopfbedeckungen. Hauben, Brautkronen, Hüte – eine Pracht ohne Ende. Doch nur der Bollenhut hat es zur Marketing-Queen gebracht, mit deren Hilfe in städtischen Agenturen heftig geworben wird. Ein Grund liegt wohl in der ungewöhnlichen Vorgeschichte dieser Garderobe: Die benachbarten Orte Kirnbach, Gutach und Reichenbach gehörten lange Zeit zum evangelischen Herzogtum Württemberg. Alle drei sind bis heute überwiegend evangelisch – im sonst katholisch dominierten Schwarzwald. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts waren deren Bewohner völlig verarmt. Ihr Landesherr, der evangelische Herzog Friedrich Eugen, gab ihnen einen Rat: Sie sollten Strohhüte herstellen und diese verkaufen. Stroh lagerte genug unter den Dächern der Bauernhäuser. Der Herzog schickte italienische Putzmacher in die Täler, die den Frauen die nötigen Handgriffe beibrachten. Das war 1797, wie es in der Chronik des Dorfes heißt. Alle drei Dörfer folgten diesem Rat. Sie stellten die Hüte her. Später kamen einige Frauen auf die Idee, den Sonnenschutz zu verzieren und bunte Wollkugeln aufzunähen. Das war die Geburt des Bollenhuts. „Das war aber erst gegen 1900“, berichtet Michelle Eble, die rote Bollen trägt.

Jeder Bollenhut individuell angepasst

Das Kopfstück wird jeder Trägerin individuell angepasst. Es muss gut sitzen, sonst würde es rutschen, es ist bis zu zwei Kilogramm schwer. Um den runden Deckel aus Stroh zu versteifen, wird Gips aufgetragen. Erst dann kann der Unterbau die 14 Kugeln tragen. Ohne die kaum sichtbare Statik würde sich der Kopfputz verbiegen.

Nur an wenigen Tagen im Jahr ist Trachtenzeit. Dazu gehört die Konfirmation, bei der die Mädchen erstmals den roten Bollenhut aufsetzen. Auch bei Hochzeiten wird die Tracht feierlich präsentiert. Und bei Erntedank, das früher ein zentrales Fest in einer bäuerlichen Welt war.

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