Weihnachtsmärkte in der Region Stuttgart Anti-Terror-Barrieren unter Tannenzweigen versteckt

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Die Weihnachtsmärkte in der Region Stuttgart mögen noch so reizvoll sein, doch bevor der Besucher die schönen Buden erreicht, muss er an hässlichen Betonbarrieren vorbei. Doch die Verantwortlichen lassen sich einiges einfallen, damit der Besucher einen guten ersten Eindruck erhält.

Esslingen - Der Weihnachtsmarktsbarrierenbau ist eine verhältnismäßig junge Disziplin in Deutschland. So jung, dass es noch keine Verwaltungs- oder Gestaltungsvorschrift für die Gefahrenabwehrbollwerke rund um die innerstädtischen Weihnachtsmärkte gibt. Die administrative Leerstelle hat Folgen. Der Fantasie der Stadtverwaltungen – schon diese Formulierung trägt den Widerspruch in sich – sind keine Grenzen gesetzt. Bevor das Auge des Weihnachtsmarktbesuchers ins liebliche Angesicht von Engeln, Eseln und Christkindern blickt, schaut es das Grauen – das betongraue Grauen.

In ihrer entfesselten Gestaltungskraft blockieren die Ordnungsbehörden die Weihnachtsmarkteingänge vorzugsweise mit schwergewichtiger Betonkunst. In Esslingen haben die städtischen Betonwerker den Schulterschluss mit dem Grünflächenamt gesucht – oder möglicherweise auch mit der Friedhofsgärtnerei – und den Straßensperren einen weihnachtlichen Mantel übergezogen. Die schweren, kniehohen Betonwalzen vor den Eingängen des Mittelalter- und des Weihnachtsmarktes sind bis zur völligen Unkenntlichkeit mit Tannenreisig verkleidet.

Der diskrete Charme der Bürokratie

Mit dem Nadelkleid als Symbol des diskreten Charmes der Bürokratie versehen, vermitteln die horizontalen Betonrollen dem Besucher das Gefühl, er stehe im Wald. Im Vergleich zum Vorjahr, als Müllcontainer die Weihnachtsmarkteingänge verstellten, ist das ein Fortschritt.

Der Blick ins nordrhein-westfälische Herne zeigt allerdings: Es geht noch schlimmer. Dort, tief im Westen, schützen mobile Stahlkonstruktionen den Weihnachtsmarkt, und wenn nicht „Gerät zur Terrorabwehr“ draufstünde, gingen die Teile glatt als Gemeinschaftsrollatoren für glühweinselige Seniorengruppen durch. Der Zusatz „Diebstahl, Manipulation und Vandalismus werden strafrechtlich verfolgt“ hat bisher wohl auch verhindert, dass der martialische Auftritt wenigstens durch das Anbringen von Tannenwedeln (Vorsicht: Straftatbestand der Manipulation!) nach Esslinger Vorbild gemildert wird.

Die Ulmer Betonfraktion wiederum, das pfeifen dort die Spatzen von den Dächern, hat dieses Stadium längst hinter sich gelassen. In der Donaustadt haben sie ihr Maskottchen, den Ulmer Spatzen, eingefangen und in Beton gegossen. Solchermaßen geerdet, bewachen die überdimensionalen Piepmätze nun die Eingänge des Weihnachtsmarkts. Die Steinvögel wirken – Alfred Hitchcock lässt grüßen – so abschreckend, dass es nicht einmal den quer im Schnabel tranportierten Zweig braucht, dem der Ulmer Spatz seinen sagenhaften Ruhm verdankt.

Betonkarossen für Stuttgart, Zwiebeln für Esslingen

Auch die Stuttgarter haben sich ihrer Tradition besonnen. Sie setzen auf das Auto. Die funkelnden Lichterkarossen, die in der Innenstadt geparkt sind, sind zwar hübsch anzuschauen, gleichwohl fehlt ihnen die abschreckende Wirkung. Nach Ulmer Vorbild in massiven Beton gegossen und vor die Eingänge des Weihnachtsmarkts geparkt, wären die Luxuslimousinen aus Cannstatt und die Sportboliden aus Zuffenhausen allerdings ein funktionell-ästhetischer Kompromiss – und würden im Dauerstau der Landeshauptstadt gar nicht weiter auffallen.

Von den Ulmer Spatzen und Stuttgarter Karossen zurück nach Esslingen. Wer hier nach den Wurzeln städtischer Identität gräbt, stößt schnell auf die Zwiebel. Mit Hilfe der scharfen Knolle hat die Stadt schon einmal das Böse aus dem Flecken verbannt. Eine Marktfrau, so geht die Sage, hat den als Kunden verkleideten Teufel durchschaut und ihm statt eines Apfels eine Zwiebel angedreht. Nach dem ersten Biss hat der Leibhaftige fluchend das Weite gesucht und ward in der Stadt nicht mehr gesehen. Auf die Zwiebel als Terrorabwehr fällt zwar niemand mehr herein, doch in Beton gegossen wäre sie die Lösung. Nach der Vorlage müsste man im Rathaus gar nicht lange suchen. Seit 1984 gibt es den vom Bildhauer Wolfgang Klein geschaffenen Zwiebelbrunnen am Rande des Gebietes Heppächer.

Das nach wie vor unerreichte Vorbild liegt allerdings noch näher. Ästhetisch über alle Zweifel erhaben, inhaltlich voll korrekt und dazu noch höchst funktionell, stemmt sich die Stadtkirche St. Dionys seit Menschengedenken dem Verkehr aus Richtung des Georg-Christian-Kessler-Platzes und der Archivstraße entgegen.




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