Bolzplätze in Stuttgart Wie Bürokratie das Kicken behindert

Der Bolzplatz in Kaltental bräuchte eine sechs Meter hohe und 45 Meter lange Mauer, um den Anforderungen des Lärmschutzes zu genügen.Foto: Götz Schultheiss Foto:  

Der Lärmschutz der Anwohner droht Bolzplätzen in Wohngebieten den Garaus zu machen. Planer, welche die Jugend in der Mitte der Gesellschaft wollen, stehen vor enormen Herausforderungen. Das zeigt ein aktuelles Beispiel in Stuttgart-Kaltental.

Filder - Lärmschutz behindert oder verhindert in Wohngebieten das Kicken auf Bolzplätzen. Planer, die sie bauen oder sanieren lassen wollen, stehen vor hohen Hürden. „Wir haben bei der Ortssanierung in Kaltental langwierige Aufgaben vor uns. Mit schnellen Projekten wie der Sanierung des Bolzplatzes an der Freudenstädter Straße wollten wir Zeichen setzen. Ohne den Lärmschutz hätte dies geklappt“, sagt Martin Holch vom Stadtplanungsamt.

 

Wegen zweier Pflegeheime in der Nähe des Bolzplatzes, den es seit 1973 gibt, habe die Verwaltung ein Lärmgutachten in Auftrag gegeben. „Selbst mit einem Altanlagenbonus wären die Lärmwerte für einen vernünftigen Spielbetrieb noch viel zu hoch“, sagt Holch. Er sei sauer, weil das Problem in Stuttgart nicht neu sei und rund 150 Bolzplätze betreffe. Vor etwa zehn Jahren habe sich der damalige Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster deshalb an das Bundesfamilien- und das Bundesumweltministerium gewandt und die Antwort erhalten, dass der Lärmschutz den Ländern Spielraum einräume, etwa für die Privilegierung von Bolzplätzen. Baden-Württemberg habe dies nicht getan.

Genaue Regeln, wie lange gespielt werden darf

Einer der beiden Pflegeheimleiter am Kaltentaler Bolzplatz habe angeboten, ein Papier zu unterschrieben, dass der Lärm nicht störe. „Das geht nicht, weil Lärmschutz ein individuelles Recht ist, und jeder Mieter im Heim klagen darf“, sagt Martin Holch. Nach dem jetzigen Stand seien auf dem Bolzplatz vier Spielerstunden erlaubt. Dies bedeute, dass pro Tag eine Person vier Stunden lang spielen dürfe. Bei zwei Personen verkürze sich die Zeit auf zwei Stunden, bei vier Spielern auf eine Stunde. Dann müsste der Platz für diesen Tag abgeschlossen werden.

Anders, sagt Holch, sähe es aus, wenn die Stadt den Platz ein paar Meter von den Pflegeheimen weg verlege und eine sechs Meter hohe und 45 Meter lange Schallschutzwand baue. Dann dürften werktags unter Berücksichtigung des Altanlagenbonus neun Personen neun Stunden lang spielen. „Wir könnten den Platz um 10 Uhr öffnen, müssten ihn um 19 Uhr abschließen und dafür sorgen, dass sich nicht mehr als neun Personen auf dem Platz befinden“, resümiert Holch. Es gebe in der Stadt viele Bolzplätze mit begrenzten Öffnungszeiten und es koste „erhebliche Summen“, um die Schließdienste zu finanzieren. Es gehe ihm aber nicht nur ums Geld: „Lange Lärmschutzwände würden Jugendliche ausgrenzen, wir wollen sie aber in der Mitte der Gesellschaft.“

Zweifel am Zustandekommen eines Kompromisses

Das Land, sagt Holch, kenne das Problem, verweigere sich aber einer generellen Lösung. Die Stadt habe nun einen mit dem städtischen Umweltamt abgesprochenen Kompromiss ausgearbeitet: „Beim Typus des Mischgebiets hält der Gesetzgeber einen um fünf Dezibel höheren Lärmwert für zumutbar als im Wohngebiet. Wenn das Land die Bolzplätze dahingehend privilegieren würde, ließen sich die meisten Probleme lösen.“ Holch glaubt nicht, dass der Vorschlag auf fruchtbaren Boden fällt: „Wir haben nur das Landesumweltministerium als Gesprächspartner, dessen zentrale Aufgabe es ist, Emissionen zu verhindern, während wir in der Stadt Aspekte des Sozialen, der Jugendhilfe, der Integration und der Innenentwicklung abwägen. Die Landesvertreter dagegen haben einen Tunnelblick.“ In Kaltental sei zu überlegen, ob man den Platz lasse wie er sei, ob man ihn zum Spielplatz umwandele, oder an anderer Stelle einen Bolzplatz baue: „Das ist Sache der Bürgerbeteiligung. Dazu wollen wir die Kaltentaler hören.“

Das Pikante an der Angelegenheit ist: Hätte Holch den Platz für die geschätzten 400 000 Euro ohne Lärmschutz richten lassen, hätte es sein können, dass ein klagewütiger Heimbewohner den Spielbetrieb quasi zum Erliegen hätte bringen können. Die Stadt hätte dann das Geld in den Sand gesetzt. Vielleicht wäre es auch gut gegangen, denn wo kein Kläger ist, da ist bekanntlich auch kein Richter. Der Stadt Stuttgart jedenfalls ist das Risiko zu groß. Jeder Stadtplaner, der in kommunalen Wohngebieten einen Bolzplatz plant oder sanieren lassen will, steht vor der Kaltentaler Problematik. Betroffen sind aber auch Bolzplätze im Bestand, wenn ein Kläger auf Lärmschutz beharrt.

Im Kreis Esslingen gibt es keine Probleme

In Leinfelden-Echterdingen gibt es solche Probleme nicht. „Bei uns liegen die Bolzplätze außerhalb, zum Beispiel in Stetten, oder in Sportparks wie in Leinfelden“, sagt Gisela Fechner, eine Sprecherin der Stadt. In Filderstadt liegen laut Lena Gillmeister, der Sprecherin der Stadt, Bolzplätze inner- und außerorts. Probleme mit dem Lärmschutz seien „zurzeit kein Thema“.

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