Bombenangriff auf Hemmingen Das jüngste Opfer war gerade mal vier Jahre alt
Vor 80 Jahren, in den Abendstunden des 5. November, wurde über Hemmingen eine Luftmine abgeworfen. Zwölf Menschen kamen bei dem Bombenangriff ums Leben.
Vor 80 Jahren, in den Abendstunden des 5. November, wurde über Hemmingen eine Luftmine abgeworfen. Zwölf Menschen kamen bei dem Bombenangriff ums Leben.
Es ist ein Sonntagabend, als vor 80 Jahren die Hölle über Hemmingen losbricht. Am 5. November 1944 hat die Mannschaft eines Bombers, der wahrscheinlich in Richtung Zuffenhausen unterwegs war, wohl versehentlich eine Luftmine über dem Dorf ausgeklinkt. Diese schlug zwischen der Alten Schöckinger Straße und der Hirschstraße ein – und brachte unermessliches Leid über die Gemeinde. Zwölf Menschen wurden getötet, zahlreiche verletzt. Durch die immense Zerstörungskraft der Mine wurden mehr als 180 Personen obdachlos.
Zum 80. Jahrestag dieser tragischen Nacht wird am Dienstag, 5. November, um 20 Uhr in dem Areal Westliche Hirschstraße zwischen der Neuen Schöckinger Straße und der Blohnstraße der Opfer des Angriffs gedacht. Zugleich wird an die kriegerischen Ereignisse unserer Tage erinnert – in der Hoffnung auf Frieden und Versöhnung in einer Welt, die von Konflikten geprägt ist.
In der Nacht des 5. November 1944 sterben in Hemmingen der 71-jährige August Huber, seine gleichaltrige Ehefrau Katherine, die 34-jährige Schwiegertochter Marie Huber sowie deren drei Kinder Hermann (9), Otto (8) und Martha (4). Opfer wurden zudem Gottlob Schönfelder (62), Gottlieb Rapp (54) sowie Maria Hengsteller (29). Das Ehepaar Kurth und die Mutter aus dem ausgebombten Köln hatten erst unlängst im Haus der Familie Rapp Unterkunft gefunden. Auch sie wurden Opfer des Angriffs.
Die Luftmine gehört zu den Mordwerkzeugen, die Menschen ersonnen haben, um ihren Nächsten zu töten. Auch als „Blockbuster“ oder „Wohnblockknacker“ bezeichnet, ist es eine große, schwere Sprengbombe, die vor allem gegen ungepanzerte Ziele verwendet wird. Minen sind mit Sprengstoff gefüllte, dünnwandige Metallzylinder, die je nach Größe bis zu 4000 Kilogramm Sprengstoff fassten. Das Konzept ist, dass sie eine starke Detonationswelle erzeugen, die in einem großen Radius das Umfeld verwüstet. Im Zweiten Weltkrieg wurden sie im Luftkrieg gegen Städte sowohl von deutschen als auch von den britischen und US-amerikanischen Luftstreitkräften eingesetzt.
In der Regel wurden die Luftminen über Wohnsiedlungen gemeinsam mit Brandbomben abgeworfen. Die Detonation riss über Hunderte Meter Entfernung Türen und Fensterrahmen heraus. Fensterscheiben zerbarsten noch in einer Entfernung von zwei Kilometern. Die Druckwelle deckte die Dächer ab und verschaffte den Brandbomben Zugang zu leicht brennbaren Dachböden und -stühlen. Ziel waren sich selbst verstärkenden Feuerstürme, weil die Straßen durch die Trümmer für Rettungskräfte unpassierbar waren. Direkte Opfer von Luftminen starben wegen der enormen Druckwelle häufig an Lungenrissen.
Am 5. November gegen 20 Uhr gab es Fliegeralarm in Hemmingen, Sirenen heulten, die Menschen flüchteten in die Keller. Vom oberen Dorf aus sah man, wie über Zuffenhausen Leuchtfallschirme sprühten – wegen der Art des Abbrennens auch „Christbäume“ genannt. Mit diesen wurden in der Regel die Angriffsziele für die Bomber markiert.
Von den Hemminger Zeitzeugen erinnerten sich später viele an ein übermäßiges Rauschen, vergleichbar mit dem Geräusch tieffliegender Düsenjäger, das dem orkanartigen Luftstoß vorausging. Dem folgte schreckliches Krachen, Splittern, Bersten, Prasseln und Niederbrechen. Dass es eine Luftmine war, beweist der kleine Trichter, den die Bombe erzeugte. „Der entstandene Krater war nicht größer als eine alte Backschüssel“, erinnert sich ein Zeitzeuge.
„Es war ein Sonntag - ein ruhiger Tag ohne Geschäftigkeit. Auch in unserem Haus Alte Schöckinger Straße 3 war es sonntäglich“, heißt es in dem Zeitzeugenbericht von Hermine Hör, geborene Rapp. Nach dem Alarm liefen alle in den Keller, auch die aus Köln geflüchtete Familie Kurth. „Doch es blieb einige Zeit still und ruhig, so konnte man vielleicht noch schnell etwas Wichtiges in den Keller holen. Herr Kurth und ich verließen daher den Luftschutzraum“, erinnert sich Hermine Hör. „Eilends mit Mänteln und Kleidern voll bepackt, kam ich zurück ins Treppenhaus und traf mit dem, von der oberen Tür kommenden Herrn Kurth zusammen - weiter kamen wir nicht.“
Ohne ein drohendes oder warnendes Pfeifen in der Luft gab es urplötzlich eine Detonation, ein Feuer, eine Druckwelle. Die beiden wurde wie Spielbälle in die Höhe und ins Hausinnere geschleudert. Dann stürzte das Gebäude ein. „Irgendwann kam ich durch ein Feuergeräusch wieder zu mir. Voller Angst versuchte ich, mich zu befreien. Überall lief mir Blut über Gesicht und Körper. Ich hatte das Gefühl, meine Haut sei vom Körper gerissen. In meiner Nähe lag Herr Kurth leblos auf einem Schutthaufen.“
Mit letzter Kraft schaffte es die Verschüttete aus den Trümmern auf die Straße hinaus. „Am nächsten Morgen kam ich im Krankenhaus wieder zu mir und erfuhr das Ausmaß der Katastrophe: Mein Vater war vor der Kellertür durch einen Balken erschlagen worden, Herr Kurth war ums Leben gekommen, auch seine Frau und seine Mutter. Sicher hat mich dabei mein Kleiderpacken, den ich vor dem Körper trug, gerettet und obwohl ich bis heute nicht alle Splitter und Mängel losgeworden bin, so bin ich froh und dankbar, diese Nacht so glücklich überlebt zu haben.“
Eine weitere Tragödie spielte sich im Hause der Familie Huber im Hirschgässle ab. Davon berichtet Elfriede Enz, geborene Leeger. „Weil ich immer solch schreckliche Angst vor den Luftangriffen hatte, wurde ich zuerst in den Keller gebracht, damit sich die anderen in Ruhe anziehen konnten. Kaum waren wir unten, fiel auch schon die Luftmine. Nach dem fürchterlichen Schlag prasselten Steine, Holz und allerlei Schutt die Kellertreppe herunter.“
Gleich darauf kamen ein Schwein und einige Hühner über den Schutt in den Keller. „Ich weiß noch genau, dass ich mit Schreien nicht aufhören konnte. Elsas Mutter sagte immer: „Sei ruhig, sei endlich ruhig“. Irgendjemand hatte gesagt, dass bei Oma und Opa Huber die Bombe eingeschlagen war. Über Scherben und Schutt kletternd, sah ich, dass in der Küche fast alles Geschirr aus dem Schrank gefallen war, auch meine Lieblingstasse. Alles, was noch ganz war, stopfte ich schnell in meine Trainingshose, um es zu retten. Im Hirschgässle sah ich dann das Sofa meiner Großeltern mitten auf der Straße“, erinnert sich Elfriede Enz. Ihre Mutter habe ihr erzählt, dass beide darauf gesessen hätten, in den Händen noch ein Gebetbuch. Die Überschrift der aufgeschlagenen Seite: „Gebet um ein nahes Ende“.
Die Beerdigung war schlimm. Die Mutter war einem Zusammenbruch nahe. „Am Grabe mussten wir dann zu allem Elend auch noch unsere Hände zum Hitler-Gruß erheben,“ erinnert sich Elfriede Enz. Irgendjemand habe gesagt, dass alle, die in jener Nacht umgekommen sind, fürs Vaterland gestorben seien. „Wie hat doch mein Vater damals über Hitler geschimpft! Natürlich nur heimlich. Nach der Beerdigung ging das große Aufräumen los.“
Josef Szajna, ein sechzehnjähriger Pole, war bei Familie Huber als zwangsverschleppter Landarbeiter tätig. An jenem Sonntagabend, wie an allen anderen, war er im sogenannten Polenhaus bei seinen Landsleuten und entging so der Katastrophe. Er kam dann bei Gustav Leeger unter. Mit ihm stand Szajna noch in der 1990er Jahren im Briefwechsel.
Die Gedenkveranstaltung findet in der Westlichen Hirschstraße zwischen der Neuen Schöckinger Straße und der Blohnstraße statt. Bürgermeister Thomas Schäfer spricht ein Grußwort. Der Renninger Stadtarchivar Steffen Maisch berichtet über die Ereignisse am 5. November. Zudem werden einige Zeitzeugenberichte vorgelesen. Den Abschluss gestaltet die Gruppe des Ökumenischen Friedensgebets.