So ähnlich ging es am Freitag Tausenden Schülern, Lehrkräften und Mitarbeitenden an sechs Schulen in Baden-Württemberg – fünf davon in Stuttgart und der Region. Sie alle hatten in der Nacht oder am frühen Morgen Bombendrohungen per E-Mail erhalten. Teils werden die Schüler gar nicht erst in die Gebäude gelassen, andere müssen sie wieder verlassen. Betroffen sind das Hegel-Gymnasium in Stuttgart-Vaihingen, das Gustav-Stresemann-Gymnasium in Fellbach, das Burg-Gymnasium in Schorndorf, das Salier-Gymnasium in Waiblingen sowie die Freie Waldorfschule Filstal in Göppingen-Faurndau. Dazu kommt die Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim.
Alle sechs Schulen werden geräumt, weitreichend abgesperrt und von der Polizei durchsucht. Hunderte Einsatzkräfte sind beteiligt, auch Sprengstoffspürhunde gehen durch die Räume. Eine schwere Belastungsprobe besonders für die verunsicherten Kinder. In Schorndorf werden die Schüler zum Marktplatz geschickt und in der Stadtkirche sowie im Alten Rathaus untergebracht. In Fellbach sammeln sie sich in der Schmidener Festhalle. In Waiblingen werden sie vom Sportplatz direkt nach Hause geschickt.
In Stuttgart kommen Diskussionen auf, warum direkt benachbarte Schulen nicht ebenfalls geräumt worden sind. Man habe diese Entscheidung nach reiflicher Überlegung getroffen, weil es keine Verdachtsmomente für andere Schulen gegeben habe, sagt ein Polizeisprecher. Verdächtige Gegenstände finden die Ermittler letztlich nirgendwo. Am späten Vormittag wird für alle betroffenen Schulen Entwarnung gegeben. Die Herbstferien beginnen verfrüht und mit einem Schock.
Kritik an Ermittlungen
Seit Tagen halten solche Bombendrohungen ganz Deutschland in Atem. Am Montag und Dienstag hatte es bereits ähnliche E-Mails in Stuttgart gegeben – an den SWR, das Jobcenter und das Innenstadtrevier der Polizei. Auf Evakuierungen hatte die Polizei in diesen Fällen verzichtet. Bei Schulen allerdings sieht die Einschätzung anders aus. Jeder Fall wird in Absprache mit der jeweiligen Schulleitung geprüft. Am Freitag entscheidet man sich überall für den sicheren Weg, auch wenn die Polizei nirgends von einer tatsächlichen Gefahrenlage ausgeht.
Derzeit ermittelt noch jedes betroffene Polizeipräsidium selbst. Es kommen aber erste Forderungen auf, das zu ändern. „Die Androhung von Attentaten ist eine Straftat. Und eine Welle von Nachahmungstaten ist ein echtes Risiko. Diesen unsäglichen Trend müssen wir im Keim ersticken“, sagt Sascha Binder, Innenexperte der Landes-SPD. Er schlägt vor, die Ermittlungen in allen Fällen zusammenzuziehen. „Im Netz nach gefälschten Absendern zu suchen, kann nicht die Aufgabe einzelner Reviere sein. Wir müssen genug Know-how und Kapazitäten einsetzen, um die Urheber dieser Drohungen schnell zu ermitteln. Nur so wird sich auch herumsprechen, dass man nach so einer Tat nicht ungeschoren davonkommt“, sagt er.
Folgen für Schüler und Lehrer
Eine Sprecherin des Innenministeriums betont, es werde abgewogen, ob die Fälle zusammengezogen werden sollten. „Wir beobachten das akribisch und prüfen die Drohungen jedes Mal auf Echtheit“, sagt sie. Man nehme jede Drohung ernst. Derzeit aber sei eine Konzentration der Ermittlungen an einer Stelle, etwa beim Landeskriminalamt, noch nicht erfolgt, weil sich bisher nirgendwo eine konkrete Gefährdungslage ergeben habe.
Gleichwohl halten die beunruhigenden E-Mails vor allem Schulen und Polizei in Atem – mit weitreichenden Folgen vor allem für die betroffenen Kinder. Kultusministerin Theresa Schopper verurteilt die Bombendrohungen aufs Schärfste. „Wie hier mit Ängsten von Schülerinnen und Schülern und den Lehrkräften gespielt wird, ist unerträglich“, sagt die Grünen-Politikerin. Nach den Jahren der Pandemie und angesichts von Krisen und Kriegen in der Welt herrsche „ohnehin schon genug Unsicherheit an den Schulen“.
Herbstferien als Verschnaufpause
Fellbachs Oberbürgermeisterin Gabriele Zull dankt Polizei und Schulleitungen für das „vorbildliche Vorgehen“ und „große Umsicht“. „Es ist erschreckend und absolut infam, Kinder und Eltern mit solchen Drohungen zu verunsichern. Sie verbreiten Angst, und leider ist dies genau das, was die Urheber bewirken wollen“, sagt sie. Sie bedaure außerordentlich, dass alle Beteiligten dieser Angst ausgesetzt gewesen seien. „Schulen sollten ein geschützter Raum sein, ein Raum zur Entfaltung, zum Lernen und zur Entwicklung“, so Zull. Jetzt sind sie erst einmal geschlossen – die Herbstferien verschaffen etwas Luft zum Durchatmen.