Esslingen - Allein die Zahlen, die das Objekt beschreiben, sind durchaus beeindruckend: Die Villa an der Mülbergerstraße in Esslingen verfügt über 22 Zimmer, zehn Schlaf- und sechs Badezimmer – verteilt auf eine Wohnfläche von 600 Quadratmetern. Eingerahmt ist sie von einem „parkartigen“, 1458 Quadratmeter großen Grundstück, auf dem sich neben einem Fischteich auch ein beheizbarer Swimmingpool befindet.
Doch abgesehen von den bloßen Fakten hat es die Geschichte, die sich hinter den Mauern des denkmalgeschützten Herrschaftshauses verbirgt, so richtig in sich. Denn in den Jahren 1925 und 1926 ist es von dem Architekten Paul Bonatz für den namhaften Esslinger Fabrikanten Paul Eberspächer gebaut worden.
Amerikanische Offiziere untergebracht
Peter und Elke Hill sind seit 1999 die Eigentümer der Bonatz-Villa. Schon drei Jahre vor dem Kauf hatten sie sich auf dem täglichen Arbeitsweg von ihrem damaligen Wohnort Uhlbach nach Aichwald in das Gebäude verliebt. Und als es zum Verkauf ausgeschrieben wurde, schlugen die Hills zu. Viele bauliche Veränderungen. Ohne genau zu wissen, worauf sie sich da eingelassen hatten. Denn von der einst herrschaftlichen und repräsentativen Einrichtung der Villa war zu dem Zeitpunkt nicht mehr viel übrig. Nach der Fabrikantenfamilie Eberspächer waren dort von 1945 bis 1955 amerikanische Offiziere untergebracht, ehe die evangelische Kirche die Villa von den Eberspächers erwarb und dort ihre Kirchenmusikschule einrichtete.
In all den Jahren wurden aus Gründen der Zweckmäßigkeit bauliche Veränderungen vorgenommen, die auf die ursprüngliche, von Bonatz umgesetzte Ästhetik wenig Rücksicht nahmen. Peter Hill kann sich gut erinnern, in unzähligen Stunden „Schichten von Raufasertapeten vom Stuck gekratzt“ zu haben oder an das nicht enden wollende „Schuttschleppen“. Die Hills haben das Gebäude mit großem Aufwand, jeder Menge Eigenleistung und viel Herzblut wieder zurückverwandelt in die herrschaftliche Fabrikantenvilla, die eine luxuriöse Großzügigkeit ausstrahlt.
Tipp zum ehemaligen Erscheinungsbild
Dazu haben sie zuhauf alte Dokumente gewälzt, so manchen Strauß mit Denkmalschützern ausgefochten und sich unter anderem mit Helmut Eberspächer, einem Sohn des ursprünglichen Bauherrn, ausgetauscht. Dieser konnte nicht nur manchen Tipp zum ehemaligen Erscheinungsbild seines Elternhauses beisteuern, sondern auch eine hübsche Anekdote über den Architekten. Der blickte einst während der Bauzeit der Villa über den Neckar hinweg zum Gegenhang, wo der Architekt Martin Elsaesser – für ihn offenbar ein ernst zu nehmender Konkurrent – mit dem Bau der bekannten Esslinger Südkirche befasst war. Verschmitzt habe der im Elsass geborene und aufgewachsene Paul Bonatz erklärt: „Dort drüben baut der Elsaesser. Der Bonatz ist auch ein Elsässer, aber der Elsaesser ist kein Bonatz.“ Amüsant ist auch Helmut Eberspächers Bericht über die einstige Nutzung des noch heute schmucken Pavillons auf der Garage. In dem habe seine Mutter Julie nicht etwa ihren nachmittäglichen Tee kredenzt bekommen, sondern „Pingpong“ gespielt. Ein zeitlos eleganter Habitus Es sind nur zwei der Geschichten, die der Villa – neben dem zeitlos eleganten Habitus – ihren unvergleichlichen Charakter verleihen.
Von dem sind Peter und Elke Hill nach wie vor beseelt. Ihre Augen leuchten, wenn sie von dem inzwischen verschwundenen Speiseaufzug erzählen und von dem kleinen Verschlag in der Eingangshalle, in dem sich einst der Fernsprecher befunden habe, sich heute aber idealerweise Putzmittel und Besen unterbringen lassen. Gut die Hälfte des Hauses haben Elke und Peter Hill vermietet – die Räume sind über ein separates, nachträglich eingebautes Treppenhaus erreichbar. Wirklich abgeschlossen sei die Renovierung wohl nie, sagt Peter Hill. Er vergleicht die Arbeit an dem historischen Gebäude mit der Instandsetzung eines großen Öltankers: „Wenn man am einen Ende den Rost abgeklopft hat, kann man am anderen wieder damit anfangen.“ Aber bereut haben es Elke und Peter Hill noch nie, das altehrwürdige Gebäude zu ihrem Zuhause erkoren zu haben. Denn auch nach mehr als 20 Jahren sind die beiden noch immer in die Bonatz-Villa in der Esslinger Mülbergerstraße verliebt.