Bond-Verschiebung erschüttert die Kinobranche Die Kinos sind in ihrer Existenz bedroht

Bedroht sind auch die beiden Stuttgarter Festival-Kinos Metropol und Delphi – hier das Metropol 2 beim Trickfilm-Festival 2015 Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Blockbuster werden verschoben, große Kinoketten im Ausland schließen ihre Häuser, deutschen Filmverleihern geht die Luft aus: Die Kinobranche steht am Abgrund. In Stuttgart hoffen die Betreiber nun, dass zumindest die Abstandsregeln gelockert werden.

Stuttgart - Manchmal hängt das Überleben einer ganzen Branche an einer einzigen Entscheidung: Die großen Kinos bangen um ihre Existenz, seitdem klar ist, dass der neue James-Bond-Film „No Time to die“ nun doch nicht in diesem Herbst starten wird, sondern erneut verschoben wurde auf Frühjahr 2021. „Das ist ein heftiger Schlag, das reißt ein riesiges Loch“, sagt Margarethe Söhner von den Stuttgarter Innenstadtkinos am Schlossplatz, zu denen die Häuser Gloria, Metropol, EM und Cinema gehören.

 

„Da hätten wir einfach mal wieder wochenlang volle Säle gehabt – im Rahmen der Abstandsregeln. Es gab auch schon eine große Nachfrage. Das war unser Hoffnungsträger, weil er in die Breite wirkt, alle Altersgruppen anspricht und sicher auch Leute motiviert hätte, zurückzukommen, die seit dem Lockdown nicht mehr im Kino waren.“

Auch andere Blockbuster bleiben aus

Bond ist nicht der einzige Blockbuster, der ausbleibt, auf Eis gelegt wurden unter anderen potenzielle Publikumsmagneten wie „Wonder Woman 1984“, „Top Gun – Maverick“, Black Widow“, „The King’s Man“ und jüngst „Dune“. Die internationale Kinokette Cineworld schließt unter explizitem Verweis auf die Bond-Verschiebung alle ihre 600 Häuser in den USA und in Großbritannien – bis auf weiteres. 45 000 Beschäftigte werden arbeitslos. Der Stuttgarter Ufa-Palast war eines der ersten Opfer der Corona-Pandemie, er bleibt geschlossen. Bei der Cinemaxx-Kette, die in Stuttgart Häuser an der Liederhalle und am SI-Centrum betreibt, war am Dienstag niemand zu erreichen.

„Das trifft uns hart in einer Phase, in der die Leute sich gerade wieder ins Kino trauen und feststellen, dass man sich dort gut aufhalten kann“, sagt Margarethe Söhner. Mittlere und kleinere Verleiher, die Filme bewusst vom Bond-Start weggehalten haben, könnten die Lücke nun nutzen – „aber das ist alles weit weg von dem, was Bond hätte einspielen können.“

Kritik an den Abstandsregeln

Zumal gar nicht sicher ist, wie lange die deutschen Filmverleiher überhaupt noch liefern werden: In einem Offenen Brief an die Politik fordern sie ein Umsteuern bei den öffentlichen Rettungspaketen, die mit bislang rund 100 Millionen Euro vor allem auf den Erhalt der Kinos zielten. Diese können aber nur überleben, wenn die Verleiher weiterhin frische Ware liefern. Das scheint nun nicht mehr gesichert zu sein, den Verleihern geht offenbar finanziell die Luft aus.

Peter Erasmus, der die Stuttgarter Kinos Atelier am Bollwerk und Delphi betreibt, wundert das nicht: „Wir haben etliche ausverkaufte Vorstellungen, aber was bedeutet das, wenn in einem Saal 50 Leute sitzen statt 200? So können weder wir noch die Verleiher weitermachen, der Abstand muss jetzt von zwei auf einen Sitzplatz verringert werden wie in anderen Bundesländern! Von dort ist bislang keine einzige Infektion in einem Kino gemeldet worden.“ Tatsächlich gelten Kinos als relativ sicher aufgrund ihrer Belüftungsanlagen, die die Raumluft nicht umwälzen, sondern komplett austauschen. „Das ist nicht wie bei einer Party, wo die Leute trinken und ohne Abstand laut reden, bei uns sitzen alle brav nebeneinander, schauen in eine Richtung und sprechen nicht“, sagt Erasmus.

Es droht ein Teufelskreis

Auch bei den Innenstadtkinos hofft man auf eine Lockerung der Abstandsregeln. „Im Moment sind es die mittleren und kleineren Verleiher, die uns stetig beliefern und auch Risiken eingehen wie etwa der Verleiher eOne Ende Juni mit ‚Berlin Alexanderplatz‘“, sagt Margarethe Söhner. „Derzeit müssen wir zum Teil ganze Reihen freilassen, um die Abstände zu wahren. Wenn wir mehr Besucher einlassen dürften, hätten sowohl wir als auch die Verleiher eine ganz andere Perspektive. Wenn nicht, geraten wir in einen Teufelskreis: Die Verleiher bringen keine Filme, weil die Kinos zu geringe Kapazitäten haben, die Kinos machen wieder zu, weil die Verleiher nichts herausbringen.“

Die Aussichten sind bedrohlich. „Bis Jahresende kommen wir irgendwie hin, auch Dank der Ausfallhilfen des Landes“, sagt Erasmus, „aber für die Zeit danach sehe ich schwarz – nach 43 Jahren, die ich in Stuttgart Kino mache.“ Auf der Kippe steht auch das Metropol hinter der Fassade des alten Bahnhofs, mit seiner Öffnung zur Straße und seinem Foyer das wichtigste Festival-Kino der Stadt. Während Gloria, EM und Cinema Eigentum der Mertz GmbH sind, die die Kinos betreibt, ist das Metropol gemietet. „Wer zur Pacht in einem Gebäude ist, für den wird es jetzt eng“, sagt Söhner – „bei einem Umsatzrückgang von rund 60 Prozent.“

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