Bonner Hotel im alten BRD-Stil Hier schlafen Sie wie ein Botschafter

Von Steve Przybilla 

Im Hotel Rheinland in Bonn nächtigen die Gäste in Zimmern, die wie Botschaften gestaltet sind. Das spricht auch eine Zielgruppe an, die der Hotelier vorher gar nicht auf dem Schirm hatte.

„Hello Mr. President“: Im amerikanischen Zimmer steht ein rotes Telefon, das den diplomatischen Draht nach Moskau symbolisiert. Foto: Steve Przybilla
„Hello Mr. President“: Im amerikanischen Zimmer steht ein rotes Telefon, das den diplomatischen Draht nach Moskau symbolisiert. Foto: Steve Przybilla

Bonn - Richard Nixon schaut grimmig. Oder ist es einfach sein normaler Gesichtsausdruck? Schwer zu sagen, denn das Foto des berüchtigten US-Präsidenten ist nicht das einzige Objekt, das in diesem Hotelzimmer um Aufmerksamkeit buhlt. Die Tagesdecke besteht aus „Stars and Stripes“, auf dem Schreibtisch steht eine Karaffe mit Jim Beam. Daneben ein rotes Telefon, das eine direkte Verbindung nach Moskau herstellt – symbolisch zumindest. Ein Freizeichen gibt’s beim Abheben nämlich nicht; es geht um die Geste. So wie das eben ist in der internationalen Politik.

Wie ein Abgesandter einer anderen Nation

Das Zimmer befindet sich im Hotel Rheinland, einem inhabergeführten Hotel im Herzen von Bonn: 31 Zimmer, fünf Etagen, zehn Angestellte. Von außen wirkt die Unterkunft, die seit 1962 existiert, eher unscheinbar, ein graues Gebäude, gelegen an einer dicht befahrenen Straße. Direkt gegenüber thront das „Motel One“. Als es Ende 2018 eröffnete, schwante Johannes Jungwirth nichts Gutes. „Da war klar, dass es nicht reichen würde, einfach nur unsere Zimmer zu renovieren“, sagt der Direktor des Hotels Rheinland. „Schöne Zimmer haben andere auch. Wir mussten mit etwas Persönlichem punkten.“

Für Jungwirth bedeutet das, den Glanz der alten Bundesrepublik wieder zum Leben erwecken. Wer im Hotel Rheinland nächtigt, sollte sich nicht länger wie ein normaler Gast fühlen, sondern wie ein Abgesandter einer anderen Nation. Um das zu erreichen, verwandelten sich die Zimmer der fünften Etage in diplomatische „Botschaften“. Nach den USA, der Sowjetunion und Großbritannien ist Anfang Juni nun Frankreich hinzugekommen. „Damit sind alle Siegermächte vertreten“, sagt Jungwirth und lacht. „Es soll sich wie eine Zeitreise anfühlen. Immerhin gab es all die Landesvertretungen einmal wirklich in Bonn.“

Eine sowjetische Admiralsuniform gibt es auch

Großen Wert legte der 39-Jährige auf Details: In allen „Botschaften“ befinden sich Objekte, die tatsächlich aus der jeweiligen Ära stammen. So liegen im US-Zimmer mehrere Originalausgaben des „Life Magazine“ in der Schublade. Die Schlagzeile im Jahr 1971: Tricia Nixon, die Tochter des Präsidenten, heiratet im Weißen Haus – der Watergate-Skandal war zu dieser Zeit noch weit weg. Über dem Bett hängt ein historischer Stadtplan von Washington D.C.; die Kopfkissen tragen das Siegel des amerikanischen Präsidenten. Der Fernseher besteht aus einem modernen Flachbildschirm, der in einen Röhrenkasten eingebaut wurde. Der Clou: Im Willkommensbrief werden Gäste mit „Dear Mr./Mrs. Ambassador“ angesprochen, sicherheitshalber sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch. „Ich war nächtelang online, um die passenden Gegenstände zu finden“, versichert Jungwirth. „Allein die passenden Tapeten zu finden, hat ewig gedauert.“ Die sowjetische Themenwelt ist im Stil der 1970er-Jahre gehalten, inklusive Lenin-Büste und Wodka-Flasche. Auf den Kopfkissen prangen Hammer und Sichel, über dem Bett hängt ein Nachdruck der berühmten „Bruderkuss“-Szene zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker. Wem das nicht reicht, der kann eine sowjetische Admiralsuniform anziehen, die in der „Botschaft“ bereit liegt.

Einheimische finden Gefallen

Neben solchen Kuriositäten spielt auch das Bonner Lokalkolorit eine Rolle. Im Treppenhaus hat Jungwirth die Titelseiten von Zeitungen aufgehängt, die über prominenten Staatsbesuch berichten. In den Zimmern sind Fotos, die aus dem Stadtarchiv stammen: Willy Brandt und Breschnew auf dem Flughafen Köln/Bonn; Helmut Schmidt und François Mitterrand beim Nato-Gipfel 1982.

Noch teilen die Hotel-Botschaften das Schicksal, das viele ihrer echten Pendants nach dem Hauptstadt-Wechsel ereilte: Sie stehen leer. Als Hoteldirektor Jungwirth die umgebauten Zimmer präsentiert, ist keines davon belegt. „Die Corona-Krise hat uns schlimm getroffen“, räumt er ein. „Alles andere wäre untertrieben.“ Nachdem das Hotel zweieinhalb Monate geschlossen war, hat es Pfingsten wieder eröffnet. „Die Buchungen ziehen langsam an“, sagt Jungwirth, wobei sich auch eine Zielgruppe angesprochen wird, die er vorher gar nicht auf dem Schirm hatte: Einheimische. „Es gibt viele ältere Bonner Beamte, die diese Zeiten noch mitgemacht haben“, sagt Jungwirth. „Die wollen jetzt selbst mal schlafen wie Nixon.“

Weitere Zimmer sollen folgen

Jungwirth sagt optimistisch: „Jedes kleine Hotel kann eine Nische finden, wir müssen es nur versuchen.“ Allerdings geht auch dies ohne eine vorherige Investition nicht. So habe die Umgestaltung eines einzelnen Zimmers eine „niedrige fünfstellige Summe“ gekostet. In den nächsten Jahren sollen weitere folgen. „Es gab ja nicht nur vier Botschaften in Bonn“, sagt der Hotelchef. Welche als nächstes ihre Repräsentanzen im Hotel Rheinland eröffnen, verrät er aber nicht: „Diplomatisches Geheimnis.“




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